Endstation Zebra Teil I

Der Ausgang ist bekannt: Extremschwimmer Bruno Baumgarter hat am 30. August sein Ziel erreicht und den Bodensee der Länge nach durchschwommen. Was das mit dem Bootsnamen "Detlef", seelenlosen Energieriegeln und kopulierenden Bienenmännchen zu tun hat, und was ihm während der etwas mehr als 24 Stunden sonst noch durch den Kopf ging, darüber berichtet er in seinem neuesten Blog.

| 10. September 2013 | AKTUELL

Bruno Baumgartner | Bruno Baumgartner durchschimmt den Bodensee

Bruno Baumgartner durchschimmt den Bodensee

Foto >Bruno Baumgartner

Endstation Zebra Teil I

Liebe swim.de Freunde,

die Sonne streckt ihre langen, leuchtenden Finger durch den Horizont hindurch in das Hier und Jetzt hinein. Es ist als wäre die Welt eine riesige Jalousie und ihre Strahlen versuchen sich mit aller Kraft zwischen zwei Lamellen hindurch zu drängen. Immer stärker wird ihr Bestreben, die beiden Teile der Erde, bestehend aus kühlblauem Himmel und dunklen Waldwipfeln auseinander zu reißen. Für Sekunden scheint es, als wolle die Welt Widerstand leisten und ihr den Einlass verwehren. Doch sie drängt, schiebt und stößt sich immer weiter durch diese gleißende Spalte hinein und ihr goldenes Versprechen an das Leben ergießt sich mehr und mehr über eine erwartungsvolle Erde und deren nach Wärme und Licht heischenden Bewohnern.

Ich frage mich, ob diese ovale Sichel aus flüssigem Feuer nur zufällig an den Schoß einer gebärenden Frau erinnert? Sekunden dehnen sich zur Unendlichkeit und nichts geschieht. Es wirkt noch einmal, als würde die Sonne heute zum ersten Mal den ewigen Kampf zwischen Tag und Nacht verlieren. „Seit Jahrmillionen geht sie jeden Tag auf – und das wird sie auch heute tun!“, denke ich müde. Doch der Glaube an diese unumstößliche Wahrheit wankt und zittert ebenso sehr wie mein ausgekühlter Körper.

Über neun Stunden warte ich bereits auf diesen Anblick und habe mir vorgestellt, wie ihre Strahlen lieblich über meinen Körper gleiten als wolle sie mich für all die kalten Stunden entschädigen. Ihre zärtlichen Berührungen gleichen jener einer liebenden Frau oder einer führsorglichen Mutter. Endlich ist dieser Punkt des Stillstands überwunden. Der Horizont fängt Feuer und steht alsbald in Flammen. Sie ist die Mutter aller Versprechen und ihr Erscheinen eine einzige Huldigung an alles was wächst und lebt. Weit mehr als ein fusionierender Klumpen Wasserstoff im endlosen All. Zum ersten Mal seit Stunden kann ich wieder die Gesichter der Menschen auf dem Boot erkennen, die sich vorher hinter dem weißen Licht der Stirnlampen geschickt vor mir verbargen.

Mein Frühstück ist ein Witz und vor meinem geistigen Auge fliegen herrliche Buttercroissants direkt in meinen offenen Mund, während ich diesen in Wahrheit wieder einmal mit Energiegel und Carbo-Getränk flute. Ich mag nichts sagen, zu dieser Grütze. Sie hält exakt, was der Hersteller verspricht. Mein Energiehaushalt ist geregelt und ich verspüre keinen Hunger. Doch diese Nahrung hat keine Seele. Sie wurde gemacht um Athleten durch den Wettkampf zu bringen und nicht um deren Sinne zu betören. Ich verstehe das und schlucke brav. Doch mein Geist verlangt nach mehr. Ihm wurden neun Stunden lang alle visuellen und die meisten akustischen Reize entzogen und jetzt will er mehr, als ein seelenloses „Etwas“ in einer Aluverpackung. Er will riechen, fühlen, schmecken und das Aroma der ganzen Welt in sich aufsaugen. Mechanisch schwimme ich weiter. Mit jedem Armzug versuche ich die nahende Wärme zu umarmen – sie mir einzuverleiben und dabei denke ich zurück, an das was war…