Armani hat im Freiwasser nichts verloren

Als Trainer im SWIM-Camp auf Teneriffa traf Bodensee-Schwimmer Bruno Baumgartner eine Woche lang auf Triathleten und Freiwasser-Novizen. Wie eine Truppe aus Einzelkämpfern innerhalb einer Woche zu einer Einheit wird, die sich auch beim gemeinsamen Nachtschwimmen zur Seite steht, darüber bericht er in seinem neuen Blog.

| 13. November 2013 | AKTUELL

Bruno Baumgartner | Teilnehmer Schwimmcamp im T3 auf Teneriffa.

Teilnehmer Schwimmcamp im T3 auf Teneriffa.

Foto >Bruno Baumgartner

Entspannung statt Cash-Flow


Man muss kein Genie sein um Sehnsucht zu erkennen. Sie offenbart sich in den Augen der Menschen bevor sie es selber verstehen. Einige sehnen sich nach Abwechslung, andere flüchten vor einer hektischen Welt, die sie bei lebendigem Leibe verschlingt und verdaut. Und obwohl sie um dieses Geschehen wissen, lassen sie den Prozess zu und gönnen sich lediglich seltene Momente der „Entschleunigung“, um dem Vorgang wenigstens kurzfristig Einhalt zu gebieten.

Viele von ihnen hatten anfangs Mühe damit, loszulassen. Die Krallen anstrengender Jobs steckten noch zu tief in ihren auf Funktion getrimmten Köpfen. Es fiel ihnen sichtlich schwer, loszulassen und so analysierten sie verbissen drauf los. Marketingstrategien statt Kennen lernen – Fragen nach dem Cash-Flow eines solchen Camps, statt Entspannung lagen ebenso in der Luft wie das Unterbreiten von Verbesserungsvorschlägen.

Es ist immer wieder erstaunlich, mit welchen Schutzmechanismen sich Menschen begegnen, auch wenn so offensichtlich keine Gefahr droht. Wir alle brauchen Schutz – es ist ein existenzielles Grundbedürfnis. Aber während es in der alten Welt ein Schutz gegen Wetter, Kälte oder Feinde war, so sorgt es in der neuen Welt fast ausschließlich dafür, dass wir unser verletzliches Inneres nicht sofort preisgeben müssen. Doch im Wasser sind alle gleich und begegnen sich mit einer annähernden Nacktheit, mit der auch eine gewisse Verletzlichkeit einhergeht.

Gemeinsam durch die Dunkelheit

Es ist eine andere Form, seinem Gegenüber zu begegnen – so ganz ohne Armani-Anzug, der einen möglichen Status impliziert. Und so brachten die folgenden Tage des Camps schließlich eine wundersame Veränderung. Anspannung begann sich zu lösen, Sehnsucht zu manifestieren und Druck zu schwinden. In einer Welt, die verrückt geworden ist und deren Komplexität sich kaum noch erklären lässt, scheint es die Einfachheit der Dinge zu sein, die Menschen schlussendlich am meisten bewegt.

Unser Nachtschwimmen wird zu einem großen Erfolg und elf Menschen schwimmen als Gruppe vereint mit Lichtern versehen, angstfrei in die Dunkelheit hinaus. Sie respektieren sich und geben aufeinander Acht. Auch das ist leider etwas, was wir mehr und mehr verlernen. „Jeder ist sich selbst der Nächste!“, sagt ein geflügeltes Wort. Doch die neue Welt hat diese Phrase längst zu einer Philosophie des blanken Egoismus erhoben, in der der Nächste viel zu oft zum Zweck der eigenen Selbstbefriedigung benutzt wird. Umso schöner ist es zu sehen, dass Mitglieder der Gruppe Verantwortung übernehmen und aufeinander aufpassen. Sie genießen die Natur und deren unvergleichliche Geschenke ohne sie quantifizieren oder messen zu wollen.

Das Training in Pool und Freiwasser zeigt immer mehr Wirkung und bevor es einige selber erkennen, wird es ihnen von anderen Teilnehmern gesagt: „Du bist viel besser und schneller geworden!“, höre ich sie zueinander sagen. Ich bezweifle, dass ausschließlich die Kunst der Trainer Schuld daran ist. Die Teilnehmer beginnen zwar die Instrumente zu nutzen, die wir ihnen mit viel Leidenschaft und Engagement vermitteln, doch all das könnten sie nicht, wenn nicht die Bereitschaft zum Loslassen in ihnen erwacht wäre. Weg von all den hektischen und durchgetakteten Abläufen des Alltags, die im Schwimmen so wenig verloren haben.

Leuchtende Augen und Aha-Effekt

Wir lachen, scherzen, essen und trinken zusammen und ehe wir uns versehen, werden wir zu Freunden. Von Minute zu Minute erkenne ich mehr und mehr, wie glücklich mich ihre leuchtenden Augen machen, wenn wieder einer dieser großartigen „Aha-Effekte“ eintritt. Ich habe noch nie einen ähnlich befriedigenden Ausdruck auf dem Gesicht eines Menschen gesehen, der gerade eine teure Uhr oder eines neuen Smartphone kauft. Und während die Camp-Teilnehmer mehr und mehr lernen, wie locker ein Kraulzug sein kann, gehe ich selber durch eine harte Schule. Der Wandel in meinem eigenen Leben ist längst eingeläutet und die Reise angetreten.