Neoprenanzüge: Wie sie entstehen, was sie leisten

Der Neoprenanzug ist einer der wichtigsten Ausrüstungsgegenstände für das Open-Water-Schwimmen. Wir verraten Ihnen ein paar Details über das "enge Schwarze".

| 26. April 2011 | MATERIAL

Testschwimmen

Foto >Frank Wechsel

Egal, wo auf der Welt Sie am Rande einer Triathlon-Wechselzone oder im Startareal eines großen Open-Water-Events stehen und die Vorstartphase der Athleten beobachten: die Aufregung steigt innerhalb der letzten 20 Minuten überall schlagartig, wenn die Startwilligen aller Alters- und Leistungsklassen wieder einmal die Zeit unterschätzt haben, die es jedes Mal braucht, um den durchtrainierten Körper in den Neoprenanzug zu zwängen. Verzichten möchte aber keiner der Aktiven, bietet die zweite Haut doch nicht nur einen wirkungsvollen Schutz gegen die Kälte, sondern wirkt nebenbei auch als effektive Schwimmhilfe. Das Material gibt Auftrieb, so profitieren besonders schwächere Schwimmer von einer verbesserten Wasserlage. Bis es zur fertigen Schwimmhilfe geworden ist, muss das Rohmaterial einige Arbeitsschritte über sich ergehen lassen – der Weg vom Brei zum Hightech-Anzug.

Ein Textil

Neopren ist ursprünglich die Handelsbezeichnung für einen Synthetikkautschuk, also einen Kunststoff. "Erfunden" wurde Neopren 1930 in Amerika. Nachdem es zunächst nach der Herstellerfirma DuPont "Dupren" genannt wurde, hat man es ein Jahr später in Neopren umbenannt. Seinen größten Bekanntheitsgrad erlangte das Neopren durch die Verwendung für Kälteschutzanzüge für Taucher und Surfer. Auch im Triathlonregelwerk ist der Neoprenanzug als Kälteschutzanzug geführt – er ist deshalb nur bis zu einer bestimmten Wassertemperatur erlaubt. Die Hersteller von Neoprenanzügen achten allerdings penibel darauf, dass ihre triathlon- oder schwimmspezifischen Anzüge nicht als Kälteschutz bezeichnet werden. Denn für "Kälteschutzanzüge" gelten besondere Regeln: Sie müssen eine CE-Norm erfüllen und zusätzlich einer Neoprüfnorm entsprechen.

Beim Blick in Ihren Triathlon-Neoprenanzug werden Sie wahrscheinlich ein Wäsche-Etikett entdecken. Eines, wie es auch in dem Oberhemd Ihres Mannes oder dem Kostüm Ihrer Frau zu finden ist. Denn die Triathlonneos sind offiziell ein Textil. Sie werden auch in keiner Anzeige eines Neoprenherstellers das Wort "Kälteschutzanzug" finden, häufig dagegen wird mit den "Thermo-Eigenschaften" geworben.

Entweder flexibel oder haltbar

Die Unterscheidung zwischen Tauch- und Schwimmanzügen kommt nicht von ungefähr, haben wir es doch mit zwei ganz verschiedenen Einsatzbereichen und einer differenzierten Verarbeitung ein und desselben Rohmaterials zu tun. Während der Tauchanzug in erster Linie warm halten soll und gegen Beschädigungen geschützt sein muss, soll der Schwimmanzug den Athleten möglichst nicht in der Beweglichkeit einschränken, ihn aber trotzdem warm halten. Die Dehnbarkeit des Materials nimmt also einen ungleich größeren Stellenwert ein. Das schlägt sich in Materialdicke und Verarbeitung nieder. Ein Tauchanzug ist fast immer von innen und außen mit zusätzlichen Stoffen "kaschiert". Dazu wird ein elasthanhaltiger Gewebestoff auf das Neopren aufgebracht. Dieser Stoff erhöht die Widerstandsfähigkeit des Neoprens. Gleichzeitig müssen Sie eine Einschränkung der Flexibilität und der Gleiteigenschaften hinnehmen, weshalb Schwimmanzüge nur auf der Innenseite kaschiert werden.

Durch dick und dünn

Ein zweites, entscheidendes Merkmal ist die Materialstärke. Im Neopren sind viele kleine Gasbläschen gleichmäßig verteilt, wodurch die hervorragenden thermischen Isoliereigenschaften zustande kommen. Je dicker das Material, umso größer der wärmende Effekt. Zusätzlich sorgen diese Gasbläschen für Auftrieb, auch dieser nimmt deshalb zu, wenn das Material dicker ist. Der Materialstärke sind im Triathlon allerdings Grenzen gesetzt. Einerseits schreibt das Regelwerk vor, dass eine Stärke von fünf Millimetern nicht überschritten werden darf. Andererseits würde ein Anzug mit zuviel Auftrieb auch gar keinen Sinn machen. Übertriebener Auftrieb sorgt für einen ähnlichen Effekt wie bei einem schnellen Rennboot: Wenn es soweit aus dem Wasser ragt, dass die Schraube in der Luft arbeitet, so kann sie ihre Wirkungskraft bei weitem nicht entfalten. Materialstärke und Auftrieb müssen ausgewogen sein: Wenn Sie an den Beinen extrem nach oben gedrückt werden, kann ein Hohlkreuz die Folge sein. Das verhindert effizientes Schwimmen und kann zu einer frühen und schnellen Ermüdung des Schwimmers führen.

Am Anfang war ein Plan

Die Planung eines Neos nimmt eine exponierte Stellung im Herstellungsprozess ein, ist sie doch nahezu der einzige Punkt, in dem sich die Anzüge verschiedener Hersteller letztlich unterscheiden. Denn das Rohmaterial ist bis auf wenige Ausnahmen identisch und Hersteller, die aus diesem Material schließlich die Anzüge fertigen, gibt es nur wenige. Wie beim Karbonrahmenbau (siehe triathlon 39) führen einige wenige Firmen das aus, was die Ingenieure verschiedener Auftraggeber mit Blick auf die Anforderungen und Eigenschaften des Materials ersonnen haben.

An erster Stelle der Planung steht der Materialeinsatz. Die meisten Firmen kosten die erlaubten fünf Millimeter im Torsobereich aus. Die so genannte Brustplatte sorgt damit für maximalen Auftrieb. Auch am Oberschenkel wird häufig dickes Neopren verwendet, um die Beine im Wasser anzuheben. Unterhalb der Knie ist solch dickes Material nicht mehr nötig, kann im Gegenteil sogar hinderlich sein, wenn der enorme Auftrieb in einem Hohlkreuz resultiert. Hier gibt es aber durchaus Unterschiede, denn ein Schwimmer mit schlechter Wasserlage profitiert von viel Auftrieb an Beinen und Rumpf, während jemand mit guter Lage mit weniger besser zurechtkommt. So kann ein und derselbe Neo für den einen Athleten das Optimum darstellen, für den anderen nur dritte Wahl sein. Um eine optimale Mischung aus Beweglichkeit, Wärme und Auftrieb zu gewährleisten, wird für Schulterpartien, Arme und Beine dünneres Neopren verarbeitet. Die unterschiedlichen Stärken bedeuten aber immer Nähte – und das sind die größten Schwachstellen der Anzüge. Hier muss also eine gute Balance gefunden und sehr gewissenhaft gearbeitet werden. Die einzelnen Verarbeitungsschritte sorgen schließlich dafür, dass die theoretische Planung der Anzüge auch umgesetzt werden kann.

Asphaltartige Ursuppe

Am Anfang ist ein Neo nur schwarzer Brei. Das Rohmaterial – früher Kautschuk, heute verschiedene Gummi-Materialien - wird erhitzt und durchmischt. Je nach Hersteller werden dabei Zusatzstoffe zugegeben, welche beispielsweise die Reißfestigkeit erhöhen sollen oder für Lufteinschlüsse sorgen. Welche das sind ist ein streng gehütetes Geheimnis.

Anschließend wird die Masse immer wieder gewalzt, bis daraus das flächige und stoffähnliche Neopren entsteht. Unter hohem Druck und erneutem Erhitzen wird dann die Kaschierung aufgeklebt. Auch die spezielle Oberflächenbeschichtung (immer mehr Hersteller arbeiten beispielsweise mit Nano-Beschichtungen, um den Reibungswiderstand zu minimieren) wird noch vor den weiteren Arbeitsschritten aufgebracht. Der Rest der Verarbeitung erinnert stark an eine Schneiderei: Dem in der Planungsphase erstellten Schnittmuster folgend werden aus dem Rohmaterial die notwendigen Einzelteile von Hand ausgeschnitten. In der Massenproduktion liegen teils bis zu 40 Lagen Neopren übereinander, ein Stahlfaden läuft dann wie an einer Bandsäge durch den Stapel und schneidet die Einzelparts zurecht.

Puzzleteile verschweißen

Es gibt verschiedene Verfahren, damit aus den Einzelteilen ein Schwimmanzug. Zunächst werden die Einzelparts miteinander vernäht, dabei haben sich so genannte Flat-Locks durchgesetzt, die auch bei moderner Sportkleidung zum Einsatz kommen und weniger störend wirken. Häufig werden die Nähte auch chemikalisch verklebt oder unter Hitzeeinwirkung verschweißt. Viele Hersteller versehen die Nähte zusätzlich mit einem Gewebeband. Dieses schützt die Nähte zusätzlich und sorgt für einen angenehmen Sitz ohne Scheuerstellen. An Arm- und Beinabschlüssen hat das Band sogar eine Doppelfunktion: Neben den genannten Vorzügen erlaubt es Ihnen, den Neo an diesen Partien mit der Schere zu kürzen und damit an Ihre Körpermaße anzupassen, ohne dass die Nähte später aufgehen.

Rein und raus

Zu guter Letzt wird der Reißverschluss eingenäht. Die Richtung, in welche dieser aufgezogen werden kann ist schon fast eine Glaubensfrage – von verschieden dehnfähigen und unterschiedlich leichtgängigen Modellen mal ganz abgesehen: Beim Verschluss gibt es große Unterschiede. In diesem Detail könnte auch in Zukunft die größte Neuerung liegen. Auf dem Tauchneoprenmarkt wird bereits mit Alternativen zum Reißverschluss experimentiert. Ob daraus etwas Neues entsteht ist derzeit fraglich. Fraglich ist auch, ob sich die Anziehdauer und damit der Stress vor dem Rennen irgendwann mit neuen Anzügen minimieren lassen. Wohl eher nicht. Aber Hand aufs Herz: wichtiger ist sowieso, wie schnell Sie die geliebte Schwimmhilfe an Land wieder loswerden, oder?