Von Siegen und Pinkelpausen

Nach Kanada hat es swim-Blogger Alexander Studzinski in den letzten Wochen verschlagen. Von den frischen Wassertemperaturen in den dortigen Seen war der Freiwasserschwimmer aber alles andere als begeistert – nichtsdestotrotz kam er mit einer Siegermedaille im Gepäck nach Hause.

| 6. August 2013 | AKTUELL

Studzi2 | Alexander Studzinski

Alexander Studzinski

Foto >Finis

Hallo liebe Leser,

nach einer enttäuschenden DM Freiwasser bin ich in den vergangenen zwei Wochen in Kanada bei einem FINA 10-km-Weltcup und zwei FINA Grand-Prix-Wettkämpfen gestartet. Ganz vielversprechend startete der 10-km-Weltcup im kleinen, aber sehr schönen Örtchen Roberval nördlich von Montreal. Sechs Runden à 1,67 Kilometer – bei einer Wassertemperatur von 18 Grad waren sogar für mich erträglich.

Das Rennen ging sehr gemächlich los und die ersten vier Runden passierte wirklich gar nichts. Da mir dann doch etwas frisch wurde, bin ich Anfang der fünften Runde nach vorn geschwommen und habe etwas das Tempo angezogen. Am Ende der Runde lag ich knapp 15 Sekunden, mit einem Italiener im Schlepptau, deutlich vor dem gesamten Feld. Da dachte ich mir, dass ich einfach auch die letzte Runde durchziehe und mal schaue, ob das bis zum Ende klappt. Nach weiteren 1.000 Metern war auch der Italiener ziemlich durch den Wind und musste sehr schnell, sehr weit abreißen lassen. Am Ende konnte ich wirklich deutlich mit über 50 Sekunden Vorsprung gewinnen, was bei 10-km-Wettkämpfen äußerst ungewöhnlich ist.

"Verdammt frisches Wasser"

Nur zwei Tage später standen dann die 32 Kilometer vom FINA Grand-Prix Lac St-Jean an. Dies ist eigentlich gar nicht mein Wettkampf, weil ich kaltes Wasser verabscheue! Die ersten Stunden des Wettkampfs waren mit 16 bis 17 Grad Wassertemperatur dann auch verdammt frisch. Ich dachte schon ans Aufhören. Aber da man bei diesem Wettkampf die erste Stunden in einem Zufluss zum eigentlichen See schwimmt und nach Erreichen des Sees die Temperatur deutlich wärmer wird, bin ich dann doch weitergeschwommen.

Im See waren es dann recht angenehme 20 Grad. Leider gab es alle paar hundert Meter kalte Stellen mit 17 Grad. Diese ständige Temperaturänderung machte mir ziemlich zu schaffen, ich konnte aber damit umgehen. Leider tat mir nach dreienhalb Stunden dann plötzlich die rechte Schulter mal wieder weh. Da ich nach meiner Schuler-OP Anfang 2008 sehr sensibel bin, was Schulterschmerzen angeht, habe ich dann nach rund vier Stunden den Wettkampf abgebrochen. Das war sehr enttäuschend, da ich den See noch nie so warm erlebt habe und ich ohne Probleme das Rennen hätte beenden können. Nichtsdestotrotz war mir meine Schulter wichtiger.

Kleine, aber harte Wellen

Eine Woche später stand der nächste FINA Grand-Prix über 34 Kilometer im Lac Memphrémagog an. Meine Schulter war die ganze Woche über tiptop. Der Wettkampf besteht aus einer riesengroßen 34-Kilometer-Runde, was alles schön übersichtlich macht. Am Wettkampftag zeigte sich der See allerdings von seiner weniger schönen Seite. Es war sehr windig und so schlugen uns auf dem Hinweg zur Wendeboje (die nach etwa 17 Kilometern platziert war) kleine, aber harte Wellen ins Gesicht.

Das Wasser war für die dortigen Verhältnisse recht frisch, aber mit etwa 21 bis 23 Grad sehr angenehm. Ich dachte immer, ich sei eine Frostbeule, da ich bei längeren Wettkämpfen mit Wassertemperaturen unter 20 Grad sehr große Probleme habe, um nicht zu sagen Unüberwindbare. Die ersten dreieinhalb Stunden machte ein Italiener durchgängig allein Tempo. Er wollte wohl nicht einfrieren, aber nach ca. 3:45 Stunden musste er unterkühlt aufgeben und danach innerhalb von 20 Minuten noch zwei weitere Schwimmer.

Pinlepause im Wasser

Leider hatte ich von Anfang an Probleme mit meiner Blase und ich konnte nur urinieren, wenn ich auf der Stelle stand und mich keinen Zentimeter bewegt habe. Dadurch habe ich immer wieder den Anschluss an das Feld verloren. Ich musste nach meinen „Pinkel-Pausen“ teilweise Löcher von ca. 100 Metern zuschwimmen. Das war auf Dauer sehr kräfteraubend. Ich hatte in meiner Karriere bis jetzt noch nie Probleme mit dem Wasserlassen im Wettkampf gehabt. Ich denke, dass meine Schwimmhose zu sehr auf meine Blase drückte und ich somit nicht „konnte“. Leider ließ sich dieses Problem während des Rennens nicht beheben.

Nach ca. fünf Stunden war ich dann nach einer weiteren Zwangspause total am Ende und musste vom Feld abreißen lassen. Danach, im Glauben daran, dass mein Wettkampf quasi vorbei war, habe ich dann zwei längere „Pinkel- und Esspausen“ eingelegt. Ich denke, dass beide zusammen bestimmt vier Minuten in Anspruch genommen haben.

Ins Ziel getrottet

Danach ging es für mich gemütlich weiter Richtung Ziel. Jedoch nach sechs Stunden fühlte ich mich plötzlich wieder topfit und habe aus Spaß, einfach mal etwas das Tempo angezogen. Es war weit und breit kein anderer Schwimmer zu sehen. Nach einer weiteren Stunde konnte ich zu einem kleinen Feld aus fünf Schwimmern aufschließen. Dies setzte sich aus vier Frauen und nur einem Mann zusammen. Mit denen bin ich dann in einem recht gemütlichen Tempo bis zum Ziel geschwommen. Da dies die ersten Frauen waren, wollte ich mich nicht in deren Zielsprint einmischen und bin hinter ihnen ins Ziel getrottet.

Am Ende bleibt ein für mich sehr enttäuschender siebter Platz in 7:37:42 Stunden, allerdings mit nur drei Minuten Rückstand auf Platz vier. Ohne meine „Endlos-Pausen“ zwischendurch wäre eventuell ein vierter Platz drin gewesen. Gewonnen hat ein überragender Joannes Hedel (FRA), der mit über sechs Minuten Vorsprung auf den Zweitplatzierten anschlug. Gratulation noch einmal dazu!

Für mich geht es jetzt mit ein paar kleineren Wettkämpfen dem Saisonende entgegen. Nächstes Jahr steht dann die Heim-EM auf dem Plan, wobei unsere Quali in Hamburg bei wohl wieder frischen Wassertemperaturen stattfindet. Ich hoffe, dass der Wettergott dieses Mal ein kleines Einsehen mit mir hat.

Euer Studzi