Trends und Entwicklungen: Freiwasserschwimmen

Coach Jan Wolfgarten begleitet die Olympischen Spiele 2016 von Rio de Janeiro mit einer Kolumne über Trends und Entwicklungen im Schwimmsport. Beim olympischen Freiwasserschwimmen hat er ganz genau hingesehen.

| 17. August 2016 | AKTUELL

Rio 2016 - 10 km Freiwasser Männer | Jarrod Poort versuchte es bei den Männern mit einer langen Flucht.

Jarrod Poort versuchte es bei den Männern mit einer langen Flucht.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Ich melde mich mit dem vorletzten Artikel zu den Schwimmwettkämpfen in Rio. Die Freiwasserwettkämpfe sind vorbei und es gab zweimal Gold für die Niederlande. Die Strecke hat einen hervorragenden Eindruck gemacht und die beiden Rennen waren sehr gut organisiert.

Nachdem es in Peking auf der Ruderregattastrecke und 2012 im Londoner Hyde Park sehr leichte Bedingungen gegeben hat, war es diesmal ein wirkliches Freiwasserrennen. Die Athleten waren im Ozean an der Copacabana und es gab Wellen, Salzwasser und auch Gerangel während der beiden Rennen. Vor allem der Körperkontakt hat für Disqualifikationen gesorgt – bei den Frauen musste deshalb die zweitplatzierte Französin Mueller ihre Medaillenträume begraben.

Weniger Athleten als sonst

Grundsätzlich unterscheiden sich die Rennen bei Olympischen Spielen von den Weltcups und den Rennen bei Welt- und Europameisterschaften in der Größe des Teilnehmerfeldes. Bei Olympischen Spielen starten jeweils 25 Athletinnen und Athleten, während wir bei den anderen Wettkämpfen der FINA und LEN oft Felder von mehr als 60 Athleten sehen können. Das lag natürlich am Qualifikationsmodus, bei dem die ersten zehn Athleten der WM 2015 qualifiziert waren und dann im Rahmen des Weltcups in Setubal (Portugal) die restlichen 15 Plätze ausgeschwommen wurden. In Setubal konnten sich nur Athleten aus Nationen qualifizieren, die noch nicht unter den Top Ten der WM qualifiziert waren. Außerdem wurde sichergestellt, dass jeder Kontinent zumindest mit einem Athleten vertreten ist.

In Rio waren demnach sicher die besten 15-20 Athleten der Welt vertreten. Ein Feld mit 25 Starten ist für die Athleten sehr übersichtlich, allerdings kann man auch davon ausgehen, dass solche Rennen unruhiger sind, weil es viele gibt, die über eine sehr große Grundgeschwindigkeit verfügen und dazu in der Lage sind, sehr viel Druck auf das Feld auszuüben. Im Rennen der Frauen konnten wir beobachten, wie zunächst Éva Risztov versuchte das Tempo hochzuhalten; eine Taktik die ihr 2012 Gold in London gesichert hatte.

Erfolgreicher Fluchtversuch

Meiner Meinung nach ist es aber bei harten Bedingungen schwieriger, den Vorteil einer höheren Grundgeschwindigkeit auszuspielen als bei Bedingungen, die einem Schwimmbecken ähneln. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass die Athleten mit der hohen Grundgeschwindigkeit eher aus dem Becken kommen und sich bei solchen Bedingungen wohler fühlen. Als die Kräfte bei Risztov schwanden, hat Sharon von Rouwendaal ihren erfolgreichen Fluchtversuch gestartet und auf den letzten 2.000 Metern einen Vorsprung herausgeholt, der nicht mehr einzuholen war. Sie sprengte mit dieser Tempoverschärfung das Feld und nur drei Sportlerinnen konnten ihr einigermaßen folgen. Isabelle Härle kam als Dritte der Verfolgergruppe und als insgesamt Sechste ins Ziel. Das ist ein sehr ordentliches Ergebnis für die Essenerin, die ihr eigenes Ziel Top-8-Platzierung erreichte.

Bei den Herren haben wir ein ähnliches Rennen erlebt. Die Bedienungen waren identisch zu dem Rennen der Damen und auch der Rennverlauf war ähnlich. Der Australier Jarrod Poort hat lange Zeit geführt, bis etwa zwei Kilometer vor Schluss die Favoriten im Feld das Tempo deutlich erhöhten.

Bedingungen für Spezialisten

Zunächst war es der spätere Sieger Ferry Weertman, der die Aufholjagd des Feldes einleitete. Dann setzten sich mit Titelverteidiger Ous Mellouli, Weltmeister Jordan Wilimovsky und dem Briten Jack Burnell die Athleten ab, die die schnellsten Bestzeiten über 1.500 Meter Freistil im Becken aufweisen. Eine Lücke von etwa zehn Metern wurde aber auf den letzten 800 Metern wieder geschlossen, weil sich die schnellen Athleten vorn in einer Vierer- und später einer Sechser-Reihe gegenseitig behinderten. Sich in solchen Situationen durchzusetzen, zeichnet einen echten Freiwasserschwimmer aus und so kam Spiron Gianniotis 300 Meter vor dem Ziel nach vorn.

Ein kurzer Moment und eine kleine Lücke in der ersten Reihe reichten ihm, um durchzustechen und erneut das Tempo anzuziehen. Gianniotis sah bis zehn Meter vor Schluss wie der sichere Sieger des Rennens aus und wurde auf den allerletzten Zügen und durch einen besseren Anschlag von Ferry Weertman auf Platz zwei verwiesen. Christian Reichert errichte als Neunter genau wie Isabelle Härle sein persönliches Ziel einer Top-10-Platzierung. Auch er schwamm ein sehr gutes Rennen und hielt sich ständig in einer Position auf, die es ihm ermöglichte Kontakt nach vorn zu halten. Am Ende des Rennens ist es ihm leider nicht gelungen, eine Lücke in der ersten Reihe zu finden.

Beeindruckender Lurz

Man konnte in Rio beobachten, welche Auswirkungen die Bedingungen auf ein Rennen im Open Water haben. Wobei man sagen muss, dass wir bei weitem noch nicht von wirklich schweren Bedingungen sprechen können. Aber im Vergleich zu Peking und London entwickeln sich solche Rennen einfach anders. Der Trumpf der absoluten Geschwindigkeit ist schwerer zu ziehen und sobald dann Gerangel in einer engen und umkämpften Spitzengruppe hinzukommt, dann haben erfahrene Freiwasserspezialisten doch Vorteile im Vergleich zu den Schwimmern mit den starken 1.500-Meter-Bestzeiten. Man sieht, dass man sich im Freiwasserschwimmen ständig auf neue Umstände einstellen muss und dass schwierige Bedingungen immer den einen Sportlern mehr liegen als anderen. Umso beeindruckender ist es, dass es Thomas Lurz auf zwölf Weltmeistertitel bringen konnte. Dabei hat er bewiesen, dass er unter allen Bedingungen stets der Mann war, den es zu schlagen galt.