Tief beeindruckt vom Tiefen See

Seensucht ist ein Langzeitprojekt unsers Autors. Er hat während eines Sabbathalbjahres die zehn größten Seen in Deutschland gequert. In loser Folge die nächsten. See Nummer 16: der Tiefe See bei Maulbronn.

| 25. Juni 2018 | AKTUELL

Rein ins Vergnügen.

Rein ins Vergnügen.

Foto >Martin Tschepe

Die Startblöcke sind schon lange nicht mehr genutzt worden. Auf den ersten Blick sind sie vom gegenüber liegenden Ufer kaum zu erkennen. Die vier Betonblöcke sind zugewachsen, die Nummer kaum mehr zu lesen.

Auf meiner ersten Runde - immer am Ufer des Tiefen Sees bei Maulbronn entlang - sind mir die Blöcke dann aber bald aufgefallen. Später wird ein jungen Mann der DLRG erzählen, dass er auch nicht wisse, wer die Blöcke wann und zu welchem Zweck wohl gebaut habe. So weit er wisse hätten jedenfalls nie Wettkämpfe stattgefunden in dem See, der einst zum Kloster Maulbronn gehört hat. Die Entfernung von den Blöcken hinüber zum anderen Ufer betrage indes genau 100 Meter. Man kann also sehr gut trainieren in dem See, der idyllisch am Ortsrand liegt.

Eine Runde 500 Meter

Wir schwimmen ein paar Runden, mein Kumpel Reiner Koch und ich. Das Wasser ist blitzsauer, heißt es. Es schmeckt jedenfalls gut. Eine Runde ist ziemlich genau 500 Meter lang, wenn man ganz nah am Ufer bleibt knapp 600. Beim Kraulen sollte man hin und wieder nach vorne schauen, denn ein paar Boote sind auch unterwegs.

Für viele Einheimische und Gäste sei der Tiefe See neben dem Kloster der "Dreh- und Angelpunkt" im Ort, heißt es auf der Internetseite der Kommune. Nun, an diesem tollen Tag im Frühling kann man die Besucher allerdings an einer Hand abzählen. Schön für uns und für unser kleines Trainingsprogramm.

Wer Schwimmen will im Tiefen See, muss Eintritt bezahlen. Zwei Euro. Dafür gibt’s Umkleidekabinen, Toiletten und Aufsicht. Eine Maulbronner Besonderheit ist der sogenannte Frühbaderschlüssel. Wer eine Gebühr bezahlt und ein Pfand hinterlegt, der kann auch im Hochsommer - wenn ordentlich Trubel herrscht - außerhalb der regulären Öffnungszeiten schwimmen.

Kleine Wellen schlagen flammenartig herauf"

Bereits seit 1898 wird der Tiefe See als öffentlicher Badesee genutzt. Er wird von der Salzach, die nordöstlich von Maulbronn entspringt, gespeist und ist heute UNESCO-Weltkulturerbe. Der Tiefe See wurde von den Mönchen vermutlich schon beim Bau des Klosters in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts angelegt. Er diente nicht nur als Wasserreservoir, sondern auch zur Fischzucht. Früher konnte der See zu Verteidigungszwecken in die rund um das Kloster verlaufenden Gräben abgelassen werden. Hermann Hesse, 1891 Seminarist in Maulbronn, schrieb damals an seine Eltern: "Ein andrer Platz ist am 'tiefen See'. Dieser, nur von kleinen Hügeln umgeben, ist wie ein Spiegel. (...) Bei schwachem Wind zuckt es blitzartig über dem See und kleine Wellen schlagen flammenartig herauf".

An diesen Tag im Jahr 2018 ist der Tiefe See indes glatt, spiegelglatt. Nach dem Training testen wir die verwitterten Startblöcke. Das muss sein und macht in der Nähe des Klosters einen Heidenspaß. Wir sind tief beeindruckt - und kommen ganz bestimmt bald mal wieder.

Martin Tschepe ist Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung und Langstreckenschwimmer beim SV Ludwigsburg. Auf swim.de berichtet er gelegentlich von seinen Schwimm-Abenteuern. Mit seinen Projekten sammelt er Spenden für ein Behinderten-Schwimmprojekt. Infos auf www.bahn9.de