Kraulen nach Cornwall

Der englische Südwesten ist ein wahres Paradies für Freiwasserschwimmer. In Cornwall und in Devon warten alle paar Kilometer einsame Küstenabschnitte, coole Bäche und Flüsse mit glasklarem Wasser.

| 27. Juli 2018 | AKTUELL

Der Süden Englands hat Freiwasserschwimmern viel zu bieten.

Der Süden Englands hat Freiwasserschwimmern viel zu bieten.

Foto >Martin Tschepe

Was für ein Mittag in Devon! Die Sonne strahlt. Über der Uferpromenade der südenglischen Hafenstadt Plymouth, die sich stolz Britain’s Ocean City nennt, wandern - ganz langsam - ein paar Wölkchen. Es ist fast windstill. Wellen? Gibt es an diesem Sommertag, der sich anfühlt wie ganz weit unten in Südeuropa, kaum. Die Luft? Ist fast 30 Grad warm. Das Meerwasser hat geschätzt 15 Grad.

Schwimmen hoch offiziell erlaubt

Raus aus den Klamotten. Rein in die Jammer. Mütze und Schwimmbrille aufgesetzt - und rein ins Vergnügen. Im Schlepptau die wasserdichte Boje, die ein paar Utensilien transportiert: ein Handtuch zum Beispiel, das Smartphone, ein bisschen Geld, eine Cola und ein paar Schokoriegel. Schwimmen ist an der Küste vor Plymouth hoch offiziell erlaubt. Schwimmen bis hinüber zu Drake’s Island und dann weiter - von der Grafschaft Devon bis nach Cornwall? Auch erlaubt? Keine Ahnung. Ich frage lieber nicht nach. Später, gut eine Stunde nach dem Start, wird mich ein freundlicher Polizist von einem Boot aus aufklären. So viel schon mal vorab: Ich darf auch nach dem Plausch weiter schwimmen - bis nach Cawsand.

Die ersten paar hundert Meter dieses kühl-kühnen Schwimmausflugs an der britischen Südküsten sind gar kein Problem. Hier schwimmen die Mitglieder der Gruppe Devon Wild Swimming zweimal die Woche, immer donnerstagabends und samstagvormittags.

Wenig später indes muss ich die Fahrrinne der Schiffe queren. Im Hafen liegt ein riesiges Kreuzfahrtschiff, es hat angelegt und dürfte nicht so bald starten. Ich muss nur rund 500 Meter flott hinüber kommen zur Insel, die nach Sir Francis Drake benannt ist, einem großen Sohn der Stadt Plymouth. Drake war im 16. Jahrhundert ein bedeutender Seefahrer. Anno 1588 konnte der routinierte Freibeuter mit seinen Mitstreitern die überlegene spanische Armada in der Flicht schlagen. Nach der Sichtung der feindlichen Flotte hat Drake, der Teufelskerl, erst noch gemütlich eine Partie Bowling zu Ende gespielt, erst danach wurden die Spanier gejagt und besiegt. So jedenfalls geht die Legende, die in Plymouth jedes Kind kennt.

Ob Drake anno dazumal wohl auch geschwommen ist im Plymouth Sound? Dort, wo der River Plym mündet? Keine Ahnung. Kriegsschiffe indes sind auch an diesem Tag zu sehen, sie liegen aber im Hafen und weit draußen an einem mächtigen Damm vor Anker.

Foto >Martin Tschepe

Große Pötte, viele Algen

Um sicher hinüber zu kommen zur Insel muss ich ein paar hundert Meter Wasserball-Kraul einlegen. Nach rechts gucken, nach links gucken, nach vorne gucken. Immer wieder. Mit dem Kopf über Wasser. Ab und zu schippert ein Ausflugsboot mit Touristen vorbei an der Insel. Ich komme aber gut rüber zu Drake’s Island. Gehe nach ziemlich genau 1.000 Metern im Wasser kurz an Land, inspiziere die Insel. Eine verfallene Anlegestelle für große Pötte und Algen, überall Algen. Es ist Niedrigwasser, später wird die Flut diesen Teil der Insel erneut überspülen.

Wieder rein ins Wasser, halb um die Insel schwimmen und dann hinein in eine ziemlich starke Strömung, die hinaus zieht in Richtung Ärmelkanal. Ich kraue quer durch die Strömung, das geht in die Arme, aber es geht. Es gibt auch keine Alternative. Ich sollte jetzt möglichst schnell nah ran an die Küste Cornwalls, noch sind es etwa 1.000 Meter. Der Blick auf die GPS-Uhr am Handgelenk sagt: Du bist deutlich langsamer als vorhin, Martin! Also rein hauen!

Nach etwa einer Stunde und insgesamt rund drei Kilometern ist das Ufer ganz nah. Die Sonne wärmt von oben, aber ganz langsam werden die Finger bei rund 15 Grad Wassertemperatur doch taub. In etwa drei Kilometern Entfernung sind zwei Orte zu erahnen: Kingsand und gleich nebenan mein Ziel: Cawsand, wo mich mein alter Schwimmfreund Matthew Trace in Empfang nehmen will. Wir kennen und seit bald 40 Jahren, waren Kinder, als wir uns beim Austausch unserer Clubs - SV Ludwigsburg und Port of Plymouth - erstmals gesehen haben. Matthew ist mit mir kürzlich rüber zu Drake’s Island und wieder zurück nach Plymouth geschwommen, bis nach Cornwall wollte er aber lieber nicht kraulen.

Foto >Martin Tschepe

Ein freundlicher Officer

Ich atme meistens nach rechts, mit Blickrichtung zur Küste. Nur selten nach links. Irgendwann erkenne ich links aber ein Boot, es kommt näher. Ich schaue nur ab und zu hin. Könnte ein Polizeiboot sein … es ist ein Polizeiboot. Ich stoppe. Der Mann an Bord winkt mich zu sich her. Der freundliche Officer erklärt, dass es nicht ganz ungefährlich sein, die Schiffspassage zu kreuzen, als Schwimmer. Er fragt nach meinem Namen. Ich erzähle ihm auch von damals, von unseren gemeinsamen Trainingsabenden mit den Schwimmern von Port of Plymouth. Vielleicht besänftigen ihn ja diese warmen Worte. Der Polizist bleibt freundlich. Er sagt nicht, dass es verboten sei hier zu schwimmen. Ich hätte aber die „Authorities“ informieren sollen. Keine Ahnung, wer genau gemeint ist. Ich frage lieber nicht nach, verspreche aber, diesen kleinen Schwimmausflug nicht zu wiederholen und in Cawsand aus dem Wasser zu steigen.

Nach etwa zwei Stunden, Ankunft am Ziel. Cawsand ist ein malerisches Küstennest mit bunten Häuschen und vielen keinen Booten. Am Strand tummeln sich die Wassersportler: Surfer und Taucher, Männer, Frauen und Kinder in Kajaks und auf Surfbrettern. Ein klein bisschen fröstelnd gehe ich an Land. Nach einer Cola, einer cornischen Pastete, einem kleberig-süßen Kuchen und einem Milchkaffee ist alles wieder gut.

Noch mehr Schwimmen

Einmal mehr bestätigt sich, was Wiederholungstäter längst wissen: Südengland ist ein wahres Paradies für Freiwasserschwimmer - wenn sie ein bisschen Kälteresistenz mitbringen. Man kann sich wunderbar durch Kate Rews Standardwerk „Wild Swim“ kraulen. In ihrem Buch beschreibt die Autorin viele top Badestellen - überall in Britannien. Man kann indes auch auf eigene Faust losfahren und in Devon und in Cornwall alle paar Kilometer einsame Küstenabschnitte, coole Bäche und Flüsse mit glasklarem Wasser finden.

Nächster Tag, nächster Stopp: der Fluss Camel, irgendwo zwischen Bodmin und Wadebrigde. Ein spontaner Halt. Das Flüsschen ist ein bisschen aufgestaut. Die Fahrräder haben wir in einem kleinen Wäldchen abgestellt und springen wieder mal hinein ins Vergnügen. Geschätzt 100 Meter weit kann man nach Herzenslust kraulen, hin und her, hin und her - oder sich ein bisschen treiben lassen in Richtung Meer. Grandios. Man kann auch von Wadebrige aus bis nach Padstow schwimmen, auf dieser Strecke wird aus dem schmalen Bach allmählich ein breiter Fluss, der schließlich im Ozean mündet.

Foto >Martin Tschepe

Ein Follower im Freiwasser

Nächster Tag, und noch ein Schwimm-Stopp: diesmal an der cornischen Nordküste bei Treyarnon. Die Bucht: könnte bei diesem hochsommerlichen Wetter auch irgendwo in der Karibik liegen. Das Wasser: hat allerdings nur 14 Grad, das jedenfalls steht an einer Tafel neben der Eisbude geschrieben. Die Rettungsschwimmer: sind freundlich, freuen sich, dass wir sie einweihen in unseren Plan. Wir wollen von einer Bucht zur nächsten kraulen. Von Treyarnon nach Constantine Bay und weiter bis nach Booby’s Bay. Um Trevose Head, eine felsige Landzunge mitten im Meer, sagen die Lebensretter, sollten wir lieber nicht schwimmen. Zu gefährlich. Okay. Sollte aber auch zu machen sein. Vielleicht beim nächsten Besuch in Cornwall.

Die Sicht unter Wasser ist super. Ab und zu erkennen wir kleine, blaue Quallen. Immer wieder Wasserpflanzen, und gelegentlich treffen wir Surfer. Einmal sogar einen anderen Schwimmer. Er winkt wie wild, ich schwimme zu ihm, fragt mich: „Bist Du Martin?“ Ich bin ziemlich überrascht. Dann erzählt er, dass er in Plymouth lebt, schon immer gelebt hat - und dass er mir auf Facebook folgt. Und dann folgt er mir wieder - diesmal im Ozean vor Cornwall, bis zurück nach Treyarnon.

Martin Tschepe ist Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung und Langstreckenschwimmer beim SV Ludwigsburg. Auf swim.de berichtet er gelegentlich von seinen Schwimm-Abenteuern. Mit seinen Projekten sammelt er Spenden für ein Behinderten-Schwimmprojekt. Infos dazu gibt es hier.