Alisa Fatum schlägt eiskalt zu

Rund 250 Sportler aus aller Welt feierten am ersten Januarwochenende bei den 5. Ice Swimming German Open in Veitsbronn ein cooles Fest bei frischen 1,4 Grad Wassertemperatur. Eine 23-jährige Schwimmerin aus Leipzig verblüffte alle und schwamm Weltrekord.

| 7. Januar 2019 | AKTUELL

Rollwenden sind beim Eisschwimmen verboten. Auch Alisa Fatum dreht deshalb mit einer Kippwende die Richtung.

Rollwenden sind beim Eisschwimmen verboten. Auch Alisa Fatum dreht deshalb mit einer Kippwende die Richtung.

Foto >Martin Tschepe

Sie kommt, sieht und siegt. Bei jedem Start schwimmt Alisa Fatum ganz nach vorn. Die 23-Jährige aus Leipzig, die für den SSV Leutzsch startet, sorgt bei den 5. Ice Swimming German Open im Veitsbad im nordbayerischen Veitsbronn für einen Paukenschlag nach dem anderen.

Der erste Abend. Die Stimmung am Beckenrand ist trotz des Schmuddelwetters grandios. „Hells Bells“ - der AD/DC-Klassiker ist das Signal für den Einmarsch der Athleten. Der schnellste Lauf der Damen über 1.000 Meter Freistil ist top besetzt. Die amtierende Weltrekordhalterin Hanna Bakuniak aus Polen und Ex-Weltrekordhalterin Julia Wittig aus Burghausen sind am Start. Und dann ist da noch Alisa Fatum. In der Eischwimmszene ist die Studentin die große Unbekannt. Doch das wird sich bald ändern.

Ob bei Tageslicht oder am Abend: Das Wasser ist immer kalt.

Ob bei Tageslicht oder am Abend: Das Wasser ist immer kalt.

Foto >Martin Tschepe

1.000-Meter-Weltrekord

Das Startkommando: Take off your clothes! Die Schwimmerinnen steigen nur mit einem Badeanzug und einer Schwimmkappe bekleidet in das eiskalte Wasser. Die Veranstalter werden später sagen, es sei so kalt wie noch nie: 1,4 Grad hat das Wasser. Nach dem Startsignal legen die Damen sofort los wie die Feuerwehr. Alisa Fatum setzt sich schnell an die Spitze des Feldes. Noch sind die meisten Kenner der Szene aber skeptisch. Wird diese junge Frau dieses Wahnsinnstempo durchhalten? Denn alle wissen: Im Eiswasser wird es über die langen Distanzen im Laufe eines Rennens immer härter. Spätestens nach 500 Metern schwindet das Gefühl in den Händen und in den Beinen. Der ganze Körper fühlt sich an wie von tausenden Stecknadeln malträtiert. Aber Alisa Fatum setzt sich immer weiter ab - und schlägt nach 12:48 Minuten an. Neuer Weltrekord!

Auch wenig später - im schnellsten Lauf der Männer - wird ihre Bestmarke nicht geknackt. Nicht vom Sieger, dem 18-jährigen Niederländer Sven Elffrich (12:52 min), nicht von dessen Landmann Fergil Hesterman (13:09 min) und auch nicht von Altmeister Christof „Wandi“ Wandratsch aus Veitsbronn (13:22 min).

Eisschwimmen ist eine noch junge Sportart. Immer wieder tauchen bei den Wettkämpfen neue Namen auf. Kenner der Szene hatten schon vor ein paar Jahren prognostiziert, dass die Trendsetter wie Wandratsch schon bald abgehängt würden von der Jungen. Nach diesem grandiosen Event in Veitsbronn mit 250 Teilnehmern aus 19 Ländern kann man sagen: stimmt beides. Jahr für Jahr sorgen Newcomer für Aufsehen - diesmal in erster Linie Alisa Fatum und Sven Elfferich. Aber auch die Wiederholungstäter bleiben dran. Zum Beispiel Stefan Runge aus Hamburg und - allen voran - Christof Wandratsch (52).

Christof Wandratsch ist überall

Ohne den Ausnahmesportler, der im Freiwasserschwimmen fast alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt, gäbe es die German Open vermutlich gar nicht. „Wandi“ ist das Zugpferd. Er organisiert die Rennen. Er begeistert Jung und Alt für das Kraulen im Eiswasser, diesmal zum Beispiel das halbe örtliche Gymnasium. Wandratsch zieht Sponsoren an Land. Und er schwimmt - immer noch schneller als fast alle jungen Konkurrenten. Er startet auch diesmal in fast allen Disziplinen im Veitsbad, in dem er anno dazumal, als kleiner Bub, schwimmen gelernt hat. Wandratsch schwimmt sich in viele Finalläufe, krault seine Staffel zwischendurch flugs zum Sieg und landet oft auf dem Podium. Am Ende des Eisschwimmfests werden Wandratsch und Conny Prasser auch noch als die Sieger des 365-Tage-Cups ausgezeichnet, sie sind die Gewinner des neuen Kombi-Cups aus Eisschwimmen und Austrian Open Water Cup.

Ganz wichtig nach dem Rennen: aufwärmen.

Ganz wichtig nach dem Rennen: aufwärmen.

Foto >Martin Tschepe

In Veitsbronn werden aber alle gefeiert, die sich in das saumäßig kalte Wasser hinein wagen. Ganz speziell auch jene Sportler, die besonders langsam sind und unglaublich lange im Eiswasser aushalten müssen - zum Beispiel Mark Koitka. Der Mann vom Sponsor Aqua Sphere benötigt für seine 1.000 Meter fast 29 Minuten. Knapp eine halbe Stunde bei weniger als zwei Grad Wassertemperatur! Als Koitka sein Rennen beendet, tobt das Publikum. Sein Applaus ist mindestens so tosend wie jener für die neue Weltrekordlerin, die später erzählen wird, wie sie zum Eisschwimmen kam. Zufällig habe sie von der Sportart erfahren - und dann recht spontan beschlossen: in diesem Winter wird angegriffen! Trainiert habe sie zusammen mit ihrer Mutter in einem See bei Leipzig. Mehrmals wöchentlich ist die Langstreckenschwimmerin in dem Gewässer 1.000 Meter weit gekrault - bei immer niedrigeren Temperaturen.

Zurecht stolz

Jetzt also gehört Alisa Fatum zur stetig wachsenden Familie der Eisschwimmer, die immer Anfang Januar in Bayern zum Familientreffen zusammen kommt. Exemplarisch für viele steht die Gruppe der Eischwimmer vom Breitenauer See. Die Männer und Frauen aus dem Raum Heilbronn - die meisten sind reine Hobbyschwimmer - reisen mittlerweile fast in Kompaniestärke an. Für fast alle Breitenauer lautet das Motto „Dabeisein ist alles“. Für Robin Varriale zum Beispiel, der Bundeswehrsoldat hat für seine 500 Meter im Eiswasser gut 15 Minuten benötigt. Er war also deutlich länger im Wasser als die Weltrekord-Frau auf der doppelten Distanz. Mächtig stolz auf sich sein dürfen beide.

Die nächsten Eisschwimmen in Deutschland

Die 2. Stadtmeisterschaft Burghausen findet am Samstag, 19. Januar, im Wöhrsee statt. Auf dem Programm stehen 50, 100 und 200 Freistil sowie 50 und 100 Meter Brust sowie eine 4x25-Meter-Staffel. Meldeschluss ist am 10. Januar.

Am Samstag, 26. Januar, werden im Chiemsee die Eiskönigin und der Eiskönig gekürt. Bei dem Eisschwimmen des TSV Bernau stehen auf dem Programm: 1.000 Meter Freistil, 200 Meter Freistil, 50 Meter Freistil, 50 Meter Schmetterling, 100 Meter Brust und eine Staffel (4x50 Meter). Meldeschluss ist am 24. Januar.

Der Lake Constanze Eisman wird am Samstag, 9. Februar, im Bodensee bei Radolfzell ausgetragen. Auf dem Programm stehen: 25 Meter Brust, 25 Meter Freistil, 50 Meter Freistil, 100 Meter Brust, 250 Meter Freistil, 500 Meter Freistil, 1.000 Meter Freistil und eine Staffel (4x25 Meter). Meldeschluss ist am 3. Februar.

Autor Martin Tschepe (links) und Christof Wandratsch am Beckenrand.

Autor Martin Tschepe (links) und Christof Wandratsch am Beckenrand.

Foto >Martin Tschepe

Martin Tschepe (53) ist Redakteur der Stuttgarter Zeitung und Langstreckenschwimmer des SV Ludwigsburg. In Veitsbronn startete er sechsmal und landete in seiner Altersklasse jeweils auf dem Podium.