Samstag, 25. Mai 2024

Weltrekorde | Immer weiter, immer schneller

„Rekorde sind da, um gebrochen zu werden“, heißt es von Topathleten wie Michael Schumacher oder Mark Spitz. Mehr als 100 Jahre Rekorde im Schwimmsport haben gezeigt: Es geht immer noch ein bisschen schneller.

Jo Kleindl Immer ein Stück weit voraus: Weltrekorde im Schwimmen gibt es seit 1908.

Leider ist nicht überliefert, ob Martha Gerstung bewusst war, welche historische Leistung sie am 8. Oktober 1908 erzielte. Jedenfalls schwamm die Magdeburgerin an diesem Tag vor 115 Jahren in ihrer Heimatstadt 100 Meter Freistil in hervorragenden 1:35,0 Minuten. Es war drei Monate nach Gründung des Weltschwimmverbands FINA (Fédération Internationale de Natation, heute World Aquatics) der erste offizielle Frauen-Weltrekord im Schwimmen. Denn während die Funktionäre für die ersten Männer-Weltrekorde über 100 und 200 Meter Freistil einfach in die Vergangenheit schauen konnten, fing bei den Schwimmerinnen, die erst vier Jahre später in Stockholm ihre Premiere bei den Olympischen Spielen feiern durften, 1908 alles bei null an. Für Martha Gerstung bot sich dadurch die einmalige Gelegenheit, sich in die Schwimmgeschichtsbücher zu schreiben. Und die nutzte sie. Bis heute kommen Berichte und Artikel wie dieser, die sich mit der Weltrekord-Historie beschäftigen, kaum ohne die Magdeburgerin aus. Leider ist über sie bis auf ihre Rekordzeit fast nichts bekannt.

Getrennte Bahnen seit 1924

Bezogen auf die Weltrekorde, kann man sich leicht vorstellen, wie chaotisch es in der Anfangszeit des organisierten Schwimmsports zugegangen sein muss. Anders als heute, wo jede geschwommene Zeit von Vereinen und Verbänden penibel registriert wird, ist es gut möglich, dass damals die eine oder andere Bestleistung einfach unter den Tisch fiel, entweder, weil sie niemand bemerkte, oder weil die Rahmenbedingungen nicht zu vergleichen waren. Zu Erinnerung: Erst 1924 wurde der geleinte 50-Meter-Pool bei Olympia zum Standard. Zuvor wurde fast ausschließlich in Freigewässern geschwommen, etwa 1896 im Mittelmeer vor Athen, 1900 in der Pariser Seine und 1904 in einem künstlichen See in St. Louis (wobei die Strecken das erste und einzige Mal in Yards gemessen wurden). 1908 bauten die Organisatoren in London sogar einen 100-Meter-Pool ins Leichtathletikstadion, bevor 1912 noch einmal draußen im Hafenbecken von Stockholm geschwommen wurde.

Seit Paris 1924 sind die Schwimmleistungen, zumindest was die Normierung des Schwimmbeckens angeht, mit heute vergleichbar. Die Zeiten der Protagonisten sind es freilich nicht. Hier hat es über die Jahrzehnte eine rasante Entwicklung geben, in der die besten Schwimmerinnen und Schwimmer ihrer Zeit die Rekordzeiten bis in die 1960er- und 1970er-Jahre kontinuierlich um mehrere Sekunden pro Dekade verbesserten. Auch danach ging die Rekordjagd weiter und sie hält bis heute an. Allerdings liegen Verbesserungen inzwischen eher im Bereich von Zehntel- und Hundertstelsekunden.

Die folgenden Entwicklungen im Materialbereich und bei der Schwimmtechnik sowie im Regelwerk haben die Aufstellung von Schwimm-Weltrekorden signifikant beeinflusst. Auf einige Punkte werden wir in den nächsten Tagen noch genauer eingehen.

  • 1936: Startblöcke werden eingeführt
  • 1940er: Immer mehr Schwimmer führen beim Brustschwimmen die Arme über Wasser nach vorn
  • 1950er: Rollwenden setzen sich durch
  • 1953: Das Schmetterlingsschwimmen wird als vierte Schwimmart ins Regelwerk aufgenommen. Das traditionelle Brustschwimmen bleibt dadurch erhalten
  • 1953: Das Lagenschwimmen wird als zusätzliche Wettkampfdisziplin etabliert
  • 1957: Weltrekorde zählen nur noch, wenn sie auf der Langbahn geschwommen werden (50 Meter oder 55 Yards)
  • 1970er: immer mehr Athletinnen und Athleten tragen Schwimmbrillen
  • 1980er: lange Tauchphase von 30 Metern und mehr lassen beim Rückenschwimmen die Rekorde purzeln
  • 1988: nach den Spielen in Seoul wird die maximale Tauchweite auf 10 Meter festgelegt.
  • 1991: die maximale Tauchweite wird auf 15 Meter verlängert
  • 1991: Beim Rückenschwimmen wird die Rollwende, bei der sich die Schwimmer vor der Wand kurzzeitig auf den Bauch drehen dürfen, erlaubt. Sie löst die Salto- bzw- Tellerwende ab, bei der die Wand zunächst mit der Hand in Rückenlage berührt werden musste
  • 1993: Rekordleistungen auf der 25-Meter-Bahn werden als Kurzbahn-Weltrekorde anerkannt
  • 2000er: Immer bessere, auftriebsfördernde Hightech-Anzüge führen zu zahlreichen Rekorden auf allen Strecken. Höhepunkt dieser Entwicklung ist die WM 2009 in Rom mit 42 Weltrekorde in 31 Disziplinen
  • 2010: der Weltverband verbietet Hightech-Anzüge. Viele Weltrekorde aus der 2000er-Ära überstehen dadurch die nächsten Jahre und sind zum Teil bis heute unerreicht
Peter Jacob
Peter Jacob
Mit sechs hieß es für den kleinen Peter schwimmen lernen - falls er mal ins Wasser fällt. Inzwischen ist er groß und schwimmt immer noch jede Woche. Mal mehr, mal weniger, meistens drinnen und manchmal draußen. Und immer mit viel Spaß und Leidenschaft.

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