Von Föhr nach Sylt – Die Erfüllung eines Kindheitstraums

Unser Autor erfüllte sich einen Kindheitstraum und kraulte von Föhr nach Sylt. Er könnte der Erste sein, dem das gelang.

| 6. Juni 2018 | AKTUELL

Foto >Martin Tschepe

Wer an der Nordsee aufgewachsen ist, der hat Salzwasser im Blut. Wir Schüler in Hörnum haben früher manchmal darüber geredet: Wie das wohl wäre, wenn wir von einer Insel zu nächsten schwimmen könnten? Von unserem Klassenzimmer aus hatten wir ja freien Blick in Richtung Amrum und Föhr. Lange her. Der Gedanke war aber im Kopf, seit Jahrzehnten. Und irgendwann muss so ein Gedanke halt mal raus aus dem Schädel.

Zwei sind dabei ertrunken, so die Legende

An diesen tollen Tag Anfang Juni soll es soweit sein. Endlich. Ich will zusammen mit meinem Sportsfreund Mario Mäder aus Westerland zunächst mit einem Kanu hinüber paddeln nach Föhr. Dann werde ich von Bord gehen und zurück schwimmen nach Hörnum. Auch wenn fast alle auf Sylt, denen ich von diesem kühnen Plan erzähle, sinngemäß oder wörtlich das sagen: Du spinnst. Viel zu gefährlich. Das hat noch keiner geschafft. Ähnliche Mahnungen unserer Lehrer anno dazumal sind mir noch im Ohr. Alte Hörnumer erzählen, dass sie gehört hätten von zwei Versuchen. Beide Schwimmer seien aber ertrunken beim Kraulen hinüber zu einer der Nachbarinseln. So geht die Legende.

Solche Gedanken schießen mir durch den Kopf, als ich gegen 9 Uhr auf einer Sandbank vor Föhr von Bord gehe, die Schwimmkappe und die Schwimmbrille aufsetze und loskraule. Erst in gut zweieinhalb Stunden ist Ebbe, ganz bis nach Föhr sind wir mit dem Kanu trotzdem nicht gekommen. Ich könnte wegen des lediglich knöcheltiefen Wassers auch gar nicht schwimmen unmittelbar vor Föhr. Aus Luftlinie zirka acht Kilometer werden deshalb nur knapp fünf Schwimmkilometer von der Sandbank bis zum Hörnumer Oststrand unter dem Leuchtturm.

Mario Mäder (rechts) begleitet den Schwimmer mit dem Boot.

Mario Mäder (rechts) begleitet den Schwimmer mit dem Boot.

Foto >Martin Tschepe

Kanu, Boje, Handy: Es kann nichts schief gehen

Fünf Kilometer mitten durch eine ordentliche Strömung, die in Richtung offenes Meer zieht. Spötter haben gesagt, ich käme womöglich in Helgoland an oder in England - aber eher nicht lebendig. Wir werden ja sehen. Falls die Strömung zu stark sein sollte, dann stieg ich halt wieder zu Mario ins Kanu. Aber welcher Schwimmer steigt schon gerne in ein Boot, wenn es nicht unbedingt sein muss?

Und für den Fall der Fälle haben wir die Telefonnummer der Surfschule Südkap Surfing in unseren Mobiltelefonen abgespeichert. Südkap stellt uns das Kanu für die Tour zur Verfügung - und Robert Klawon, der den Laden in Hörnum leitet, hat versprochen, er werde uns mit einem schnellen Motorboot einsammeln, falls nötig. Es kann also eigentlich gar nichts schief gehen.

Kampf gegen die Strömung

Zunächst ist das Wasser noch seicht. Die ersten paar hundert Meter schwimmen sich fast von allein. Das Meer ist etwa 17 Grad warm. Ich trage einen Neoprenanzug, in erster Linie aus Sicherheitsgründen, in der Plastikpelle kann man nämlich kaum untergehen. Und ich habe auch noch eine leuchtfarbene Schwimmboje im Schlepptau. Es kann wirklich nichts passieren. Das hab ich auch meiner Mutter in Hörnum versprochen.

Der erste halbe Kilometer ist nach etwa sieben Minuten geschafft, sagt die GPS-Uhr. Sehr schön. Sylt wird ganz langsam immer größer, Föhr dagegen kleiner. Unterwegs treffen wir Seehunde, manche kommen ganz nah. Wir gucken uns aus 15 Metern Entfernung in die Augen, das Tier und ich. Später, mitten in der Strömung, werde ich für 500 Meter eine Viertelstunde und mehr benötigen. Wir peilen zunächst die großen weißen Dünen nördlich des Hörnumer Hotels Budersand an. Die sind selbst von der Sandbank aus schon gut zu erkennen. Mario versucht den Kurs zu halten, ich kraule immer möglichst ganz nah links neben dem Boot. Damit ich das Kanu beim Rechtsatmen immer sehen kann.

Rund 5 Kilometer sind heute bis nach Sylt. Bei Flut ist der Weg etwas länger.

Rund 5 Kilometer sind heute bis nach Sylt. Bei Flut ist der Weg etwas länger.

Foto >Mario Mäder

Wann kommt die Flut?

Wir kommen ordentlich voran. Dann wird die fiese Ebbe-Strömung stärker und stärker. Eigentlich hatten wir berechnet, dass wir auf der Hälfte der Strecke in die Flut geraten. Beim Wechsel von Ebbe zu Flut sollte das Wasser etwa eine halbe Stunde lang fast still stehen. Aber wir sind zu schnell. Oder die Strecke ist zu kurz, wegen der Sandbänke vor Föhr. Jedenfalls schwimme ich ständig gegen die Ebbe an. Das geht in die Arme. Das geht aber.

Nach etwa einer Stunde erreichen wir die große grüne Boje HÖ1. Was für ein cooles Fotomotiv, aber leider ziemlich weit im Süden. Beim Weiterschwimmen aufpassen: Bloß nicht noch weiter nach Süden geraten, in die Unterströmung in der Verlängerung der Hörnumer Odde. Das wäre in der Tat gefährlich.

Ein Traum wird wahr nach 40 Jahren

Ein Adler-Ausflugsschiff kommt vorbei an HÖ1, dann ein Segler. Vor dem Hörnumer Leuchtturm tanzen die Windsurfer auf dem Wasser. Da müssen wir jetzt hin. Zurück zur Surfschule. Der letzte Kilometer wird der langsamste, immer voll gegen die Strömung. Ankunft am Ziel. Wie cool war das denn? Grandios. Die Uhr zeigt an: etwa 4,5 Kilometer, gut eineinhalb Stunden.

Zug um Zug nähert Martin Tschepe sich dem Ziel.

Zug um Zug nähert Martin Tschepe sich dem Ziel.

Foto >Martin Tschepe

Künftig können die Hörnumer erzählen, dass nicht alle Schwimmer, die versucht haben von einer Insel zur nächsten zu kraulen, ertrunken seien. Wie schön. Ich bin geschwommen, von Föhr nach Hörnum. Ein Kindheitstraum ist in Erfüllung gegangen, nach mehr als 40 Jahren.

Martin Tschepe (53) ist in den 1970er-Jahren in Hörnum zur Schule gegangen. Heute ist er Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung und Langstreckenschwimmer beim SV Ludwigsburg. Für swim.de schreibt er gelegentlich über seine Schwimm-Abenteuer, mit denen er Spenden für ein Behinderten-Schwimmprojekt seines Clubs sammelt. Weitere Infos gibt es hier.