"Viele Triathleten schwimmen mit zu viel Kraft"

Am Samstag startet im Pazifik zum 42. Mal der Ironman Hawaii. Aus diesem Anlass haben wir Hannes Vitense, den Ex-Trainer des zweimaligen Champions Jan Frodeno, gefragt, wie gut Triathleten eigentlich schwimmen.

| 12. Oktober 2018 | AKTUELL

Beim Ironman Hawaii gehen am Samstag über 2.000 Triathleten auf die Langdistanz von 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42,2 km Laufen.

Beim Ironman Hawaii gehen am Samstag über 2.000 Triathleten auf die Langdistanz von 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42,2 km Laufen.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Letztes Jahr benötigten die Profi-Männer auf Hawaii 47 bis 48 Minuten für die 3,8-Kilometer-Strecke. Bei den Frauen war die Schnellste 48:48 Minuten unterwegs, während das Gros der Profis nach 52 Minuten ins Ziel kam. Wie schätzen Sie als Schwimmtrainer diese Leistungen ein? Leistungen im Open Water müssen immer den klimatischen Bedingungen zugeordnet werden. Wie ist der Wellengang, welche Temperaturen herrschen im Wasser und außerhalb des Wassers, wie ist die Luftfeuchtigkeit? Außerdem sollte man berücksichtigen, dass die Gesamtbelastung immer eine Komplexleistung ist. Dabei gilt die alte Devise: Du kannst Hawaii nicht beim Schwimmen gewinnen, aber du kannst es verlieren.

Hannes Vitense führte mehrere Schwimmer zu Olympischen Spielen und betreute als Landestrainer im Saarland zahlreiche Triathleten.

Hannes Vitense führte mehrere Schwimmer zu Olympischen Spielen und betreute als Landestrainer im Saarland zahlreiche Triathleten.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Welche Rolle spielt dabei die Taktik? Es kann natürlich eine taktische Variante sein, im Schwimmen mehr oder weniger zu riskieren. Erfahrene Athleten sollten in der Lage sein, sich in allen Disziplinen einzuschätzen, um am Ende erfolgreich zu finishen. Ein individuell gutes Schwimmen kann einem Athleten die Möglichkeit geben, nicht gleich um jedes Watt auf dem Rad kämpfen zu müssen. Das kann am Ende rennentscheidend sein.

Sie haben viel mit Jan Frodeno im Wasser gearbeitet. Wie gut schwimmen Triathlon-Profis wie er wirklich? Jan hat in jungen Jahren in Südafrika bei einem sehr guten und erfahrenen Schwimmtrainer trainiert und zudem Open-Water-Erfahrung beim Rescue-Training gesammelt. Natürlich helfen ihm auch die vielen Rennen über die Olympische Distanz. Er ist ein sehr guter Athlet, der es sich früher nicht nehmen ließ, ab und an bei den Spezialisten zu trainieren. Dasselbe gilt Patrik Nielsson, den wir gerade im Höhentrainingslager in Flagstaff getroffen oder meine Athletin Anja Beranek. Ich würde also behaupten, die Besten der Welt können auf nationalem Niveau im Training zumindest teilweise mithalten.

Jan Frodeno gilt unter Triathleten als sehr guter Schwimmer. Am Ironman-WM-Rennen auf Hawaii kann der zweifache Champion verletzungsbedingt nicht starten.

Jan Frodeno gilt unter Triathleten als sehr guter Schwimmer. Am Ironman-WM-Rennen auf Hawaii kann der zweifache Champion verletzungsbedingt nicht starten.

Foto >Michael Rauschendorfer / triaphoto.com

Hätte aus Frodeno ein erfolgreicher Schwimmer werden können? Er wäre wahrscheinlich kein Weltklasseschwimmer geworden, und ich bin mir sicher, dass er das auch früh erkannt hat. Er war dafür in der Lage, über das Schwimmen zu einem Weltklassetriathleten zu werden. Für ihn war das der perfekte Weg.

Welche körperlichen Unterschiede gibt es zwischen Topschwimmern und Toptriathleten? Das lässt sich manchmal nicht auf den ersten Blick ausmachen. Auch sollte man unterscheiden, für welche Distanz man hier einen Unterschied ausmachen möchte. Es ist sicher so, dass Schwimmer im Allgemeinen schon etwas muskulöser und kompakter sind.

Kommen wir zu den vielen Hobbytriathleten. Wenn Sie diese Sportler schwimmen sehen, welche Defizite fallen Ihnen besonders häufig auf? Viele Triathleten versuchen, mit zu viel Kraft vorwärts zu kommen. Dabei hängt der Erfolg im Wasser vor allem davon ab, dass man lernt mit dem Element umzugehen. Das hat weniger mit dem klassischen Paddels-Arme-Training zu tun, sondern mit der Bewegung von Wassermassen, die um einen herum entstehen. Vielleicht lässt sich das so beschreiben: Es gibt kein Stück Wasser an dem ich mich vorwärtsbewegen kann, aber es gibt Wassermassen, die ich auf unterschiedliche Art und Weise bewegen können muss, um einen Vorwärtsimpuls zu erzeugen. Es ist deshalb völlig unmöglich, allein durch mehr Kraft und Druck, einen größeren Vorwärtsimpuls zu erzielen. Um das Element richtig kennenzulernen, sollte man sich viel Zeit nehmen. Am Ende wird es sich sicher auszahlen.

Technik, Ausdauer oder Kraft: Worauf sollten sich Triathleten beim Schwimmtraining vor allem konzentrieren? Im Saisonaufbau sollte es zunächst ganz klassisch um Technik gehen. Wenn ich dabei das Gefühl habe, eine Technik bringt mich nicht weiter, oder die Übungen helfen mir nicht mehr, dann sollte ich etwas verändern und zum Beispiel einen Trainer fragen. Beim Blick auf das Krafttraining hilft tatsächlich die alte Weisheit, dass Schwimmer zunächst im Wasser gemacht werden. Zugseiltraining, Theraband und Athletik sind nur dann zusätzlich gut, wenn sie helfen können, im Wasser besser zu werden. Das gilt eben nicht für alle Athleten gleichermaßen, sondern sollte durch einen Trainer im Prozess mit begleitet sein.

Wie viele Trainingseinheiten empfehlen Sie ambitionierten Triathleten und welche Schwerpunkte sollten gesetzt werden? In Vorbereitung auf zwei oder drei Saisonhighlights würde ich immer mit einem Schwimmblock beginnen. Allerdings ist es wichtig, das Schwimmtraining mit den anderen Disziplinen abzustimmen. Stehen beispielsweise Tempoläufe oder lange Radausfahrten an, geht im Schwimmen wenig. Dann macht eher ein Techniktraining mit kurzen Intervallen Sinn oder mittlere Intervalle mit niedrigen Intensitäten. Zuviel Intensität im Wasser wäre sonst kontraproduktiv. Bei Verletzungen ist es eine gute Möglichkeit, im Wasser das Herz-Kreislauf-System zu trainieren.

Welchen Tipp möchten Sie allen Triathleten mit auf den Weg geben? Ich würde jedem Athleten raten, ab und zu über den Tellerrand zu blicken und von den Spezialisten zu lernen. Die Faszination Wasser hält viele Überraschungen bereit. Es lohnt sich, da tiefer einzutauchen.