Schwimmausflug in die eigene Familiengeschichte

Seensucht ist ein Langzeitprojekt unseres Autors. Er hat während eines Sabbathalbjahres die zehn größten Seen in Deutschland gequert. In loser Folge die nächsten. See Nummer 19: das Zwischenahner Meer.

| 28. Juni 2019 | AKTUELL

Foto >Martin Tschepe

Schon zigmal bin ich vorbei gefahren am Bad Zwischenahner Meer. Dieses Mal werde ich den See westlich von Oldenburg aber nicht links liegen lassen! Meine Mutter ist nah am Ufer in Rostrup aufgewachsen, und sie hat früher oft vom Zwischenahner Meer erzählt. Von der DLRG und vom Totenkopfschwimmen. Lange her, ihr Schwimmen und auch die tollen Erzählungen.

Ich steuere das Auto in Rostrup intuitiv nach rechts, fahre immer geradeaus, halte an, steige aus: und habe zufällig und ohne länger zu suchen die Badestelle Rostrup gefunden, die von der DLRG Bad Zwischenahn betreut wird. Die jungen Männer und Frauen, die den See im Blick haben, sind also die Nachnachnachfolger meine Mutter. Wie schön. Schwimmen, sagen die Lebensretter, sei überall im Zwischenahner Meer gestattet. Und die Blaualgen, die immer mal wieder für Badeverbote sorgen, seien zurzeit kein Problem. Also los: hinein ins Vergnügen. Ohne Neo. Das Wasser ist warm - hat geschätzt etwa 20 Grad - und schmeckt vorzüglich. Die Sonne lacht vom Himmel. Was will ein Schwimmer mehr?

In den prächtigen Häusern am Ufer lässt es sich sicher gut leben.

In den prächtigen Häusern am Ufer lässt es sich sicher gut leben.

Foto >Martin Tschepe

Halbe Stunde durch den See

Ich schwimme immer geradeaus, lasse den Ort Bad Zwischenahn rechts liegen. Ein Ausflugsschiff fährt vorbei, in weiter Ferne sind Segelboote zu erkennen. Ich kraule von einer Boje zur nächsten, schwimme vorbei an imposanten Häusern, die direkt am Ufer stehen. Nach gut einer halben Stunde bin ich auf der anderen Seeseite bei einem Strandcafé.

In diesem See also ist meine Mutter Mitte der 1950er-Jahre so oft geschwommen. Ihre Familie war von Westerstede nach Rostrup gezogen, und Meike Tschepe, die damals noch Wolff hieß, wechselte vom Schwimmverein in Westerstede zur DLRG Bad Zwischenahn. Besonders beeindruckt war ich früher von ihren Erzählungen vom Totenkopfschwimmen, allein schon die Bezeichnung hatte etwas Unheimliches. Dieses Totenkopfschwimmen war bis in die 1970er Jahre sehr beliebt, heute indes wird es kaum mehr abgenommen. Wer das goldene Totenkopfabzeichen für die Badehose oder den Badeanzug haben wollte, musste zwei Stunden lang schwimmen ohne sich zwischendurch irgendwo festzuhalten. Die DLRGler anno dazumal sind von Bad Zwischenahn bis nach Dreibergen gekrault.

Eine Stunde dauerte der Schwimmausflug für Martin Tschepe  ins Zwischenahner Meer.

Eine Stunde dauerte der Schwimmausflug für Martin Tschepe ins Zwischenahner Meer.

Foto >Martin Tschepe

Für Bronze würde es reichen

Ich schwimme an diesem tollen Junitag bei hochsommerlichen Temperaturen vom Strandcafé aus wieder zurück zum Start, bin insgesamt gut eine Stunde unterwegs und lege etwa vier Kilometer zurück. Das würde - immerhin - für das Totenkopfabzeichen in Bronze reichen. Brauche ich aber gar nicht, hab ja kürzlich erst den aktuellen DLRG-Silber-Schein gemacht, der es mir erlauben würde als Rettungsschwimmer zu arbeiten. Wer weiß, vielleicht mache ich das ja mal am Bad Zwischenahner Meer.

Martin Tschepe (54) ist Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung und Langstreckenschwimmer beim SV Ludwigsburg.
Auf swim.de berichtet er gelegentlich von seinen Schwimm-Abenteuern. Tschepe sammelt Spenden für ein Behinderten-Schwimmprojekt. Infos auf www.bahn9.de