Kein Kummer im Kummerower See

Der Kummerower See sei mitunter tückisch, heißt es. Mal strömt er in die eine Richtung, mal in die andere. Unser Autor will ein paar der größten Seen in Deutschland queren. Nummer neun.

| 21. Juli 2016 | AKTUELL

Kummerower See | Martin Tschepe schwimmt den Kummerower See.

Martin Tschepe schwimmt den Kummerower See.

Foto >Martin Tschepe

Menschen wie Bianka Pommerenke bereiten (Schwimm)Urlaubern im nordöstlichen Bundesland viel Freude. Frau Pommerenke betreibt den Campingplatz in Sommersdorf am Kummerower See. Sie hat mich eingeladen, fährt mich zum Start meiner Seequerung Nummer neun, organisiert mir einen Begleiter mit Motorboot und serviert nach dem Zehn-Kilometer-Schwimmen sofort heißen Kaffee.

Ein Sonntagnachmittag, der mit Sonnenschein begonnen hat. Mittlerweile ist es früher Nachmittag und langsam ziehen Wolken auf. Eigentlich wollte ich erst am nächsten Morgen den Kummerower See, der etwa 80 Kilometer südöstlich von Rostock liegt, queren. Aber Fred, der einzige Angestellte auf Bianca Pommerenkes Campingplatz, warnt: Morgen wird das Wetter ungemütlich. Also besser sofort schwimmen.

Quer? Nein, längs!

Bianca - wir sind längst per Du - chauffiert mich mit ihren Van zum winzigen Hafen in dem Örtchen Kummerow am Südufer des Sees. Ein Passant fragt: "Schwimmen Sie hinüber zum anderen Ufer?" Das wären geschätzt drei Kilometer. Nein, ich schwimme der Länge nach - bis nach Verchen am Nordufer. Der ältere Herr guckt ungläubig - und wünscht viel Spaß. Beim Hineinsteigen ins Wasser höre ich noch, wie Bianca erklärt, was ich vorhabe: die zehn größten Seen der Republik queren und Spenden sammeln für ein Behindertenschwimmprojekt in Ludwigsburg.

Kummerower See | 10 Kilometer beträgt die Strecke durch den Kummerower See.

10 Kilometer beträgt die Strecke durch den Kummerower See.

Foto >Martin Tschepe

Zunächst bin ich allein unterwegs. Fred will mir aber mit einem kleinen Motorboot entgegen fahren, das in den 1960er-Jahren in der DDR gebaut worden ist und seither vermutlich ungezählte Kilometer auf dem Kummerower See zurückgelegt hat. 

Die ersten geschätzt vier Kilometer bis zum Zeltplatz schwimmen sich super. Leichter Wind von hinten - und die Peene, die durch den See und bis in die Ostsee fließt, schiebt offenbar auch ein bisschen. Das tut das Flüsschen aber nicht immer, sagt Bianca. Der See liege nur ein paar Zentimeter höher als die Ostsee. Immer wieder fließe die Peene auch ganz langsam in die Gegenrichtung. Später am Tag wird sich das jedenfalls so anfühlen. 

Kaum ein Mensch zu sehen

"Du bist aber schon ganz schön weit gekommen", ruft Fred, als er mich etwa auf der Höhe des Camping- und Wohnmobilparks trifft. Stimmt. Es läuft prima. Ich hab ein paar Fische gesehen, bin durch Wasserpflanzen gekrault und hab mich Zug um Zug umgeschaut. Wenig los in der ostdeutschen Provinz. Vom Wasser aus ist kaum ein Mensch zu sehen. 

Bianca wird später erzählen, dass die Urlauber, die zum Kummerower See kommen, tatsächlich nicht viel mehr suchten, als Ruhen am oder im See. Wer schwimmen will oder Boot fahren, angeln oder spazieren gehen, wer ein bisschen wandern will oder viel joggen möchte, der ist hier goldrichtig. Kein Kummer am Kummerower See. Wer indes ein bisschen mehr sucht, kulturelle Veranstaltungen oder ein paar originelle Kneipen zum Beispiel, der sollte besser an der Müritz oder - noch besser - am Schweriner See urlauben.

Fred fährt mit ordentlichem Abstand vor, neben oder hinter mir. Sicher ist sicher. Die Schraube des kleinen Außenbordmotors ist für Schwimmer gefährlich. Mittlerweile ist der Himmel total grau. Fred wird später berichten, dass es ein bisschen geregnet habe. Was mir beim Schwimmer gar nicht auffällt.

Ich muss essen

Wind kommt auf. Die Wellen werden größer. Und was macht die Peene? Fühlt sich jedenfalls nicht so an, als ob die Strömung mich noch immer in Richtung Verchen schieben würde. Ich werde langsamer. Nach rund zweieinhalb Stunden winke ich Fred - ich muss unbedingt was essen. Halte mich an der Leiter des Boots fest und öffne meinen wasserdichten Gepäcksack, esse ein paar Kekse und drei kleine Schokoriegel, trinke etwas und schwimm bald weiter. 

Verchen ist längst in Sicht, scheint aber kaum näher zu kommen. Nach gut drei Stunden und geschätzt etwa zehn Kilometern im Kummerower See bin ich nah am Ufer. Fred sagt, er könne wegen der geringen Wassertiefe nicht mehr weiter fahren. In der Tat: ich kann im See stehen. Mache ein paar Fotos und steige dann an Bord. Für den Rückweg bis zum Zeltplatz benötigen wir rund 20 Minuten.

Dann gibt’s den heißen Kaffee. Vielen Dank, Bianca und Fred. Vielleicht komme ich mal wieder und schwimme in der Peene bis in die Ostsee.

Martin Tschepe ist Redakteur der Stuttgarter Zeitung und Langstreckenschwimmer des SV Ludwigsburg. Auf swim.de berichtet er gelegentlich von seinen Schwimm-Abenteuern.