"Ich wollte endlich die Schwimmbrille absetzen"

Am Wochenende schwamm Vera Niemeyer 96,3 Kilometer in 24 Stunden. Weltrekord! Wir haben mit der 27-jährigen Studentin gesprochen.

| 28. Juni 2017 | AKTUELL

Die Weltrekordschwimmerin vor dem Start.

Die Weltrekordschwimmerin vor dem Start.

Foto >privat

Eine grandiose Leistung

Herzlichen Glückwunsch zu dieser unvorstellbaren Leistung. Wie lange haben Sie geschlafen und was machen die Arme? Ich bin auf der Rückfahrt nach Aachen m Auto eingeschlafen und dann zu Hause nochmal acht Stunden. Meinen Armen geht es erstaunlich gut, allerdings auch nicht so gut, dass ich sofort wieder Schwimmen wöllte. Direkt nach dem Schwimmen war es schwierig. Da wurde alles steif. Das war sehr schmerzhaft.

Hatten Sie die ganze Zeit über Schmerzen, oder wie muss man sich das vorstellen?  So ein Grundschmerz war immer da, und irgendwann tat alles ein bisschen weh. Die Füße von den Wenden, wenn man da immer an die Wand knallt. Die Waden vom Abstoßen. Und vom Schwimmen die Arme. Zum Glück ändert sich das immer wieder.

Vera Niemeyer (96,3 km) gewann in Meiningen die Frauenwertung. Bei den Männern schwamm Candy Jack Hoffmann (51 km) am weitesten.

Vera Niemeyer (96,3 km) gewann in Meiningen die Frauenwertung. Bei den Männern schwamm Candy Jack Hoffmann (51 km) am weitesten.

Foto >Dirk Bradschetl

Haben Sie nie gedacht: Mit reicht’s. Ich höre auf? Nein. Es waren ja immer Leute da. Für den Weltrekord musste ich auf einer eigenen Bahn schwimmen, damit ich nicht bei anderen im Sog hinterherschwimme. Aber nachts sind zwei Jüngere aus unserem Team neben mir 100 Meter als Staffel geschwommen. Die sind sich die Seele aus dem Leib geschwommen, um mein Tempo zu halten. In dem Moment dachte ich, wenn die sich so reinhängen, dann kann ich jetzt nicht aufhören. Morgens dann drei Mädchen von den Meininger Wasserfreunden im Wasser. Die haben es mir etwas leichter gemacht.

Wann wurde es richtig hart? Das hat sich mit der Zeit aufgebaut. Ich hatte irgendwann das Gefühl, ich würde immer mehr auf meinen Plan verlieren. Und dabei hatte ich noch zwölf Stunden vor mir. Es war aber alles in Ordnung, denn wir hatten einkalkuliert, dass ich etwas langsamer werden würde. Das habe ich im Wasser negativer gesehen, als meine Leute draußen.

Hatten Sie den Plan immer im Blick? Der Plan war laminiert und lag am Beckenrand. Wenn ich was trinken wollte, konnte ich darauf gucken und sehen, wie ich liege. Ich habe auch bis Kilometer 77 mitgezählt und meine Zeiten verfolgt. Das hat in den letzten Stunden nicht mehr geklappt. Da bin ich nur noch geschwommen.

Die Marschtabelle zum Weltrekord.

Die Marschtabelle zum Weltrekord.

Foto >privat

Wie haben Sie sich die Strecke eingeteilt? Am Anfang bin ich 2.000er geschwommen. Dann musste ich etwas kürzere Strecken schwimmen, weil ich mehr essen und trinken wollte. Allerdings konnte ich immer nur ein paar Bissen Brötchen in den Mund nehmen und musste dann weiterschwimmen. Das letzte Drittel bin ich wieder länger durchgeschwommen. Am Ende sogar nochmal eine ganze Stunde von 10 bis 11 Uhr. Da war das Ende absehbar und die Ernährung nicht mehr so wichtig. Außerdem dachte ich, wenn ich schneller schwimme, bin ich schneller fertig.

Wie viel Pause haben Sie sich gegönnt? Ich hätte drei Pausen außerhalb des Wassers machen dürfen. Die erste, das war nach sieben Stunden, habe ich nicht gebraucht, da ging es mir gut. Nachts um eins habe ich dann 15 Minuten Pause gemacht. Bei der dritten Pause habe ich mich entschieden, mir lieber dreimal fünf Minuten am Beckenrand Zeit zu lassen statt rauszugehen.

Wie waren die letzten Hundert Meter? Man ist schon etwas müde, deshalb dauert dauerte es bis die Freude kam. Ich bin mit meinen Unterstützern zusammen ins Ziel geschwommen. Das war mir wichtig und ich konnte es genießen. Das war sehr schön. Zum Glück hatten wir einen Puffer und mussten nicht sprinten. Ich bin dann aber noch etwas weiter, weil noch Zeit war.