Glücklich im Gletscher

Es ist vermutlich die coolste Schwimmstrecke Mitteleuropas: In den österreichischen Alpen können unverfrorene Sportler auf knapp 3.300 Höhenmetern in einem unterirdischen Fluss im minus 0,4 Grad kalten Wasser kraulen. Willkommen im Hintertuxer Gletscher.

| 4. März 2019 | AKTUELL

Ein spezielles Vergnügen: Schwimmen im Gletscher.

Ein spezielles Vergnügen: Schwimmen im Gletscher.

Foto >Martin Tschepe

Die Menschen auf dem Hintertuxer Gletscher sind dick eingepackt. Ein sonniger, aber eiskalter Wintertag empfängt die Urlauber, die die Piste hinunter brettern wollen. Wir indes haben unsere Schwimmsachen sowie orangefarbene Sicherheitsbojen im Gepäck und werden von den Skifahrern misstrauisch beäugt.

Ankunft auf dem Gletscher. Die Sonne lacht. Und wir strahlen mit dem Himmelskörper um die Wette. Denn uns erwartet eines der größten Schwimmabenteuer überhaupt. Nach einem kurzen Fußmarsch steht die Kleingruppe vor dem Zugang zum Natureispalast, der im August 2007 von Roman Erler entdeckt worden ist. Seit 2008 ist das unterirdische Eisparadies inklusive Eisbach und Eissee für Besucher geöffnet. Die schmalen Gänge sind mit rutschfesten Matten ausgelegt, kürzlich hat der Geowissenschaftler Erler eine Eiskathedrale entdeckt, einen großen Raum mit bizarren Eisgebliden. Die Besucher pilgern in Scharen in den Eispalast. Am Schwimmen hat zunächst freilich keiner gedacht. Warum auch, das wäre ja eine Schnapsidee.

Skier abstellen kann hier oben ja jeder.

Skier abstellen kann hier oben ja jeder.

Foto >Martin Tschepe

Konstant kalt

Der Extremschwimmer Christof Wandratsch hat den Natureispalst dann nochmal entdeckt - vor dem Fernseher mit seiner damals kleinen Tochter Stella. Im TV lief ein Beitrag über die einzigartige unterirdisch Eiswelt auf knapp 3.300 Höhenmetern in den österreichischen Alpen. Und der Wandi hat damals spontan gesagt: "Da muss sich schwimmen." Das Töchterchen - mittlerweile selbst eine gute Eisschwimmerin - hat genervt geantwortet: "Papa, mit Dir kann man nicht mal Fernsehen, ohne dass Du ans Schwimmen denkst."

Diese Anekdote erzählt der Wandi den Teilnehmern seines Schwimm-Camps kurz bevor sich die unverfrorenen Sportler am Ufer des einmaligen Eissees bis auf die Badehose beziehungsweise den Badeabzug entkleiden. Die Atmosphäre ist beeindruckend. Ein paar Strahler beleuchten die Gänge, das Licht ist schummerig. Die Luft hat etwa null Grad, und das Wasser, sagt der Christof und grinst dabei, habe bei allen Messungen, die er bei seinen vielen Besuchen vorgenommen habe, immer zwischen -0,4 und -0,6 Grad gehabt.

Extremschwimmer Christof Wandratsch organisiert das Gletscherschwimmen.

Extremschwimmer Christof Wandratsch organisiert das Gletscherschwimmen.

Foto >Martin Tschepe

Wie lange hält man das aus?

Wenn niemand redet, dann ist es unten im Gletscher totenstill. Die Teilnehmer dieses unterirdischen Ausflugs ins eiskalte Wasser sind momentan nicht sonderlich gesprächig. Denn sie haben ordentlich Respekt vor dem Schwimmausflug ins Ungewisse. Wie lange kann ich wohl drinnen bleiben im Eisfluss? Auch routinierte Eisschwimmer können sich diese Frage nicht beantworten. Mein bis dato kältester Ausflug waren die 1.000 Meter bei den Ice Swimming German Open im Januar in Veitsbronn bei 1,4 Grad. Jetzt also nochmal fast zwei Grad weniger. Und nach dem Schwimmen wartet diesmal keine Sauna.

Wir legen die Klamotten ab und wissen: nach dem Schwimmen gibt es zunächst überhaupt keine Möglichkeit sich ein bisschen aufzuwärmen. Wir müssen uns also flott abtrocknen, den Wärmemantel überziehen und uns dann - ganz langsam - warm zittern. Mit von der Partie sind an diesem tollen Tag unter Tage: Birgit Becher aus Veitsbronn, eine gute Freundin vom Wandi. Ailén Lascano Micaz aus Argentinien, die sich auf die Weltmeisterschaften im Eisschwimmen Mitte März im russischen Murmansk vorbereitet. Gerhard Riegler, ein Triathlet, der bisher noch nie im Eiswasser geschwommen ist.

Durch den Tunnel und zurück dauert es wenige Minuten.

Durch den Tunnel und zurück dauert es wenige Minuten.

Foto >Martin Tschepe

Nach fünf Minuten ist Schluss.

Also los jetzt: rein ins Vergnügen. Vorsichtig eintauchen und kurz innehalten. Grandios. Das Wasser ist glasklar - und angeblich rund 30 Meter tief. Beim Kraulen guckt der Schwimmer in einer faszinierende Unterwasserwelt. Fische leben keine in diesem See. Das Eis wölbt sich über dem geschätzt 70 Meter langen Eisfluss. Je weiter man schwimmt, desto dunkler wird es. Am Ende dieses sensationellen Tunnels öffnet sich der Eissee - mit einer Leiter, an der die Schwimmer aussteigen könnten. Wir indes kraulen wieder zurück zum Start, wo Roman, der Entdecker, speziell für uns einen weiteren Akku-Scheinwerfer aufgestellt hat.

Nach kaum einer Minute sind die Finger und die Zehen taub. Das Gefühl kennen routinierte Eisschwimmer von den langen Strecken. Der Gerhard verlässt das Wasser als erster. Respekt, sagt der Wandi. Die beiden Ladys, der Christof und ich bleiben ein bisschen länger drinnen - ein paar Fotos schießen und noch ein bisschen schauen. Nach etwa fünf Minuten ist auch für uns Schluss. Wir könnten noch ein bisschen weiter kraulen - aber wir wissen ja: draußen ist es genauso kalt wie drinnen, und wir müssen uns schnell wieder anziehen. Noch ein paar Minuten und das Gefühl in den Händen würde vollends verloren gehen, dann wäre es kaum mehr möglich, die Schuhe zu binden oder den Hosenknopf zu schließen. Also raus jetzt! Eins steht fest: das war sicherlich nicht der letzte Besuch der vermutlich coolste Schwimmstrecke in Mitteleuropa.

Foto >Martin Tschepe

Martin Tschepe ist Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung und Langstreckenschwimmer beim SV Ludwigsburg. Auf swim.de berichtet er von seinen Schwimmabenteuern.