Schwimmsport droht Worst Case: Yulia Efimova liegt auf Medaillenkurs

Die Schwimmerin Yulia Efimova verkörpert all das, was dem nachweislich dopingversuchten Sportsystem in Russland vorgeworfen wird. Heute Nacht könnte die 24-Jährige trotzdem Gold gewinnen.

| 8. August 2016 | AKTUELL

Yulia Efimova | Yulia Efimova bei den Spielen in Rio.

Yulia Efimova bei den Spielen in Rio.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Anders als im Fußball sind Pfiffe und Buhrufe beim Schwimmen äußerst selten. Sogar den Schiedsrichtern wird beim Einmarsch in die Arena in der Regel kräftig und fair applaudiert. Es muss also schon etwas dahinterstecken, wenn das Publikum den Auftritt einer Athletin mit hörbaren Misstönen begleitet - erst recht wenn es sich dabei um die bisher eher zurückhaltenden brasilianischen Schwimm-Fans handelt. Doch bei der russischen Schwimmerin Yulia Efimova sind sich im Aquatics Stadium fast alle Zuschauer und Sportler einig: Diese Athletin gehört nicht zu den Olympischen Spielen.

Ein Trauerspiel

Dass Efimova nach einem Zick-Zack-Kurs durch die Institutionen und einem umstrittenen CAS-Urteils überhaupt in Rio schwimmen darf, ist ein Trauerspiel, an dem vor allem das IOC und der Schwimmweltverband FINA ihren Anteil haben. Dass IOC, weil es verpasste, das russische NOK komplett von den Spielen auszuschließen und die Entscheidung darüber, wer starten darf und wer nicht, lieber den Fachverbänden überließ. Die FINA, weil den höchsten Schwimmsport-Funktionären ohnehin seit Jahren der Ruf vorauseilt, beim Thema Doping äußerst nachsichtig zu sein - vor allem, wenn es dabei um erfolgreiche Athleten wie eine mehrfache Weltmeisterin geht.

An Efimova, die ihre im letzten Jahr abgelaufene Dopingsperre mit einem "Ticket" für zu schnellen Fahrens verglich, scheint das ganze Gerede um ihre Person einfach abzuprallen. In Rio präsentiert sich die Brustschwimmerin selbstbewusst und hat stets ein Lächeln im Gesicht, wenn sie gruß- und kommentarlos an den wartenden Reportern vorbei geht, die sie nur allzu gern mit heiklen Fragen konfrontieren würden.

Chance auf Gold

Mit der jeweils zweitschnellsten Zeit hinter der US-Amerikanerin Lilly King schwamm sich Efimova am Sonntag über Vorlauf und Halbfinale in den Endlauf über 100 Meter Brust. Dort wird sie heute Nacht auf Bahn 5 ausgerechnet neben Titelverteidigerin Ruta Meilutyte auf den Startblock steigen. Die Litauerin gehört zu den Schwimmerinnen, die sich schon letztes Jahr in Kasan am deutlichsten über die nachweislich gedopte Russin empörten. In Rio würdigten sich die beiden im gemeinsamen Semifinale keines Blickes.

Eine Medaille für Efimova ist also alles andere als unwahrscheinlich und es wäre wohl der Worst Case für den internationalen Schwimmsport. Allerdings, und das darf man nicht vergessen, gibt es auch ohne Edelmetall bereits jetzt mindestens zwei Opfer, nämlich jene Athletinnen, für die aufgrund Efimovas kein Platz mehr in der nächsten Runde war. So schrieb stellvertretend Jennie Johansson bei Facebook: "Ich habe heute sehr viele Tränen geweint. Es war eine große Freude, im Semifinale neben tollen Freunden und wahren Athleten zu schwimmen. Leider wurde ich Neunte. Doch mein Herz und mein Kopf werden trotzdem im Finale dabei sein, auch wenn im Wasser eine andere schwimmt, die es nicht verdient hat."