Der Buchsee: Stippvisite in den Sechzigern

SeenSucht ist ein Langzeitprojekt unsers Autors. Er hat während eines Sabbathalbjahres die zehn größten Seen in Deutschland gequert. In loser Folge die nächsten. See Nummer 14: der kleine Buchsee bei München ist ein wahrer Geheimtipp.

| 23. Mai 2018 | AKTUELL

Ein solches Kassenhäusschen ist wohl einmalig.

Ein solches Kassenhäusschen ist wohl einmalig.

Foto >Martin Tschepe

Hier scheint die Zeit still zu stehen. Wer im Buchsee, dem winzig kleinen Bruder des Starnberger Sees, schwimmen will, der wird auf dem Fußweg zum Ufer zurück katapultiert in die 60er-Jahre. Die Schilder mit den Baderegeln: sehen aus wie anno dazumal von Hand hingepinselt. Die Umkleidekabinen aus Beton: dürften seit einer halbe Ewigkeit nicht mehr instand gesetzt und noch länger nicht gereinigt worden sein. Womöglich letztmals in den Sechzigern. Das Prozedere des Bezahlens: einmalig.

Foto >Martin Tschepe

Das Auto ist neben einem Bauernhof nördlich von Münsing geparkt. An einem verwitterten Holzladen des Hauptgebäudes steht „Kasse“. Die Fenster sind geschlossen. Der Besitzer der Hofs und des Sees, ein alter Mann mit wettergegerbter Haut, sitzt drinnen und blickt die beiden Gäste an. Er gestikuliert, zeigt auf die Fensterbank. Das bedeutet: bitte zweimal einen Euro hinlegen und weiter gehen. Nach dem Bezahlen dürfen wir also in Richtung Ufer marschieren.

Wärmer als der Starnberger See

Angelika Fanai-Nimmesgern und ich wollen im Buchsee ein paar Kilometer kraulen. Eigentlich hatte ich der Triathletin und Fitnesstrainerin, die am Starnberger See wohnt, vorgeschlagen in eben diesem zu schwimmen. Das Wasser im Starnberger See ist aber noch recht frisch, es hat an diesem Maitag 13 Grad, vielleicht 14. „Nö, neverever“ - das war ihre schnelle Antwort. Dann hat die Angelika den kleinen Weiher vorgeschlagen, der bereits gut vier Grad wärmer sei als der Starnberger See. Ok, hab ich gesagt - und bin hin gefahren. Jetzt also laufen wir bergab in Richtung Buchsee. Vorbei an den betagten Umkleidekabinen, wo noch so ein kurioses Schild steht: Betreten des Daches untersagt!

Foto >Martin Tschepe

Raus aus den Klamotten und rein ins Vergnügen. Das Wasser hat tatsächlich gut 18 Grad, es ist seidig weich, schmeckt ausgezeichnet und glitzert - wenn die Sonne zwischen den Wolken hervor lugt - in dunklen Farben. In diesem Moorsee schwimmt es sich ganz prima. Immer dicht am Ufer entlang gekrault, so ergibt eine Runde fast genau 500 Meter. Auf dem Seegrund sind mitunter ein paar Muscheln zu erahnen, ein Zeichen für beste Wasserqualität.

Oben ohne ist verboten

Wer an so einem Frühlingstag im Buchsee trainiert, der hat die Wasserfläche vermutlich fast immer fast für sich ganz allein, so wie an diesem Spätnachmittag. Eine Runde schwimmen wir, dann noch eine und noch eine und … Grandios. Im Sommer, wird die Angelika später erzählen, sind an heißen Tagen oft viele Badegäste da. Dann wird oben beim Bauernhof Kaffee und Kuchen verkauft, kalte Getränke und Würstchen.

Foto >Martin Tschepe

Oben ohne ist am und im See übrigens nicht gestattet, heißt es auf der tollen Tafel mit dem Baderegeln. Wer gegen die Vorschriften und die anderen Bestimmungen verstoße, der werde des Platzes verwiesen, „ohne Rückvergütung“. An Tagen wie diesem indes überwacht niemand den Privatsee. Man kann tun und lassen was man mag, sicherlich auch nackt schwimmen. Machen wir aber nicht.

So eine Stippvisite am Buchsee ist ein wahrer Geheimtipp für alle, die im Raum München leben oder Urlaub machen. Die Zeitreise in die Vergangenheit gibt’s gratis dazu.

Martin Tschepe ist Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung und Langstreckenschwimmer beim SV Ludwigsburg. Auf swim.de berichtet er gelegentlich von seinen Schwimm-Abenteuern. Mit seinen Projekten sammelt er Spenden für ein Behinderten-Schwimmprojekt. Infos auf www.bahn9.de

Foto >Martin Tschepe