Ausflug mit dem Isarschwimmer

Benjamin David lebt in München und schwimmt zur Arbeit. Das macht Spaß - und ist zugleich beste PR für sein großes Ziel: ein Flussbad mitten in der Millionenstadt. Unser Autor hat den Isarschwimmer begleitet.

| 25. Mai 2018 | AKTUELL

Benjamin David hat einen ungewöhnlichen Arbeitsweg.

Benjamin David hat einen ungewöhnlichen Arbeitsweg.

Foto >Martin Tschepe

Wenn dieser Mann zur Arbeit geht, dann zieht er die Blicke der Passanten fast magisch an. Benjamin David hat sich eben in einen Neoprenanzug gezwängt, er trägt wasserfeste Sandalen und einen Transportsack mit den nötigsten Utensilien. Er verlässt seine Wohnung im Münchener Süden und steht bereits nach ein paar Schritten am Ufer, steigt über einen Zaun - und dann hinein ins Vergnügen: in die Isar.

Der Fluss hat an diesem sommerlich warmen Tag im Mai erst rund 13 Grad. Macht nix, David muss zum Kulturstrand beim Vater-Rhein-Brunnen. Er und sein Team bringen dort bis Mitte August täglich kulturelle Veranstaltungen auf die Bühne. David schwimmt zur Arbeit, täglich.

Wir stehen im tosenden Wasser. Der Fluss hat ordentlich Schuss. Man muss eigentlich gar nicht schwimmen, das übernimmt die Isar. Ein Schnappschuss zur Erinnerung und dann lassen wir uns treiben. Wir sausen mit einem Affenzahn in Richtung Stadtmitte, vorbei an stauenden Passanten, an Isarinseln und an imposanten Bauwerken. Zum Beispiel am Deutschen Museum.

Rein in die Isar!

Rein in die Isar!

Foto >Martin Tschepe

Wir winken Mädchen und sehen Fische

Nach gut einem Kilometer, hatte Benjamin vor dem Start erklärt, „müssen wir kurz anhalten“. Um den Isarfischer Florian Föllmer zu treffen. Nach wenigen Minuten - und geschätzt gut einem Kilometer - sehen wir den Mann mit den Angelrute am Ufer stehen. Wir müssen mit ein paar kräftigen Kraularmzügen zum rechten Ufer gelangen. Wenn wir nicht rechtzeitig reagierten, wir sausten vorbei am Zwischenziel. Gegen die starke Isarströmung schwimmen, das wäre schwierig.

Wir steigen an Land, schwätzen ein bisschen. Über das Fischen im Fluss und über die Isar, über München, über Gott und die Welt. Obgleich die Sonne von Himmel lacht, es wird schnell kühl, wenn man so im Wind steht. Die 13 Grad wirken nach. Also los, wieder rein in den kalten Fluss - und ein bisschen bewegen. Wir schießen unter einer Brücke hindurch, winken ein paar Mädchen zurück, sehen beim Schwimmen fast immer den Grund und mitunter auch mal einen Fisch - das Isarwasser ist glasklar. Für jeden Freiwasserschwimmer ist so ein Ausflug - wenn auch kein Training - so doch ein grandioses Vergnügen.

Autor Martin Tschepe und Benjamin David in der Isar.

Autor Martin Tschepe und Benjamin David in der Isar.

Foto >Martin Tschepe

Ein Flussbad nach Zürcher Vorbild

Benjamin David schwimmt auch aus PR-Gründen zur Arbeit. Mit seinem ungewöhnlichen Weg zum Kulturstrand hat er es weltweit in die Medien geschafft. Immer wieder rufen Journalisten an. Dann erzählt der Soziologe und Familienvater, dass er und sein Verein Isarlust ein großes Ziel haben: Sie wollen, dass mitten in München in der Isar ein Flussbad eingerichtet wird. Nach dem Zürcher Vorbild.

Die Isar, sagt David, habe durch die Renaturierung und die verbesserte Wasserreinigung im Oberlauf „meist Badewasserqualität“. Er und sein Verein wollen, dass das Schwimmen im gesamten Stadtgebiet freigegeben wird. Wo Gefahren lauern, sollten städtische Bademeistern auf die Menschen Acht geben. Der Club warte darauf, dass die Ergebnisse einer Machbarschaftsstudie vorgelegt werden. Spätestens im Sommer sollte es soweit sein, erklärt David.

Zurück mit dem Bus

Baden und schwimmen mitten in der Millionenstadt, das sei doch eine „smarte Idee“. Zumal im Sommer alle Freibäder in München oft total überfüllt seien. Ein Flussbad, sagt David, könne mit Investitionen von rund 600.000 Euro realisiert werden. Der Neubau eines Bades indes würde ein Zigfaches kosten.

Der Wasserweg zur Arbeit ist für den 41-jährigen Mann ganz schnell gemeistert. Nach kaum eine Viertelstunde steigen wir direkt hinter der Ludwigsbrücke über eine betagte Metalleiter aus der Isar - und stehen beim Kulturstrand. Am Abend wird Benjamin David mit dem Bus Heim fahren - die knapp zwei Kilometer zurück schwimmen, das wäre ein gute Trainingsprogramm nur für Spitzenschwimmer und würde vermutlich mindestens zwei Stunden dauern.

Martin Tschepe ist Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung und Langstreckenschwimmer beim SV Ludwigsburg. Auf swim.de berichtet er als Freier Autor gelegentlich von seinen Schwimmtouren.