Aufgebrezelt beim Chiemsee Eiskönig

Beim „3. Eiskönig im Chiemsee“ geht es nicht immer bierernst zu. Trotzdem liefern einige Schwimmer im eiskalten Wasser Fabelzeiten ab. Am Ende bekommen alle alkoholfreies Bier und die Gewinner Brezel-Medaillen.

| 28. Januar 2019 | AKTUELL

Schnee und kaltes Wasser: perfekte Bedingungen für Eisschwimmer.

Schnee und kaltes Wasser: perfekte Bedingungen für Eisschwimmer.

Foto >Martin Tschepe

So soll Eisschwimmen sein: Das Wasser des Chiemsees hat 2,8 Grad. Vom Himmel fallen Schneeflocken. Die Landschaft ist weiß bepudert. Am Morgen des letzten Samstags im Januar machen sich die ersten Schwimmer fertig für den Start. Auf dem Programm des 3. Eiskönigs des TSV Bernau im Strandbad Prien steht gleich zu Beginn der Wettbewerbe die Königsdisziplin an: 1.000 Meter im eiskalten Wasser. Ein junger Wilder aus Holland, der deutsche Altmeister des Eisschwimmens und eine ehemalige Weltmeisterin zaubern die besten Zeiten in das bayerische Meer: Julia Wittig aus Burghausen schwimmt den Kilometer in 13:15 Minuten, Christof Wandratsch vom Team Keep Frozen Aqua Sphere in 12:59 Minuten und der Teenager Sven Elfferich aus den Niederlanden in 12:50 Minuten.

Für manche Zuschauer indes sind die langsamsten Krauler die wahren Helden, denn diese sind rund eine halbe Stunde lang im Eiswasser unterwegs. Rund 30 Minuten bei weniger als drei Grad! Wie hält man das bloß aus? Solche Fragen stellen sich die Zuschauer und auch jene Schwimmer, die nur über die kürzeren Strecken ins Wasser gehen. Alles Übung, erklären die Wiederholungstäter. Wenn der Sommer zu Ende geht, einfach nicht aufhören mit dem Freiwasserschwimmen, sondern mehrmals wöchentlich rein gehen in einen See oder einen Fluss, dann gewöhnt sich der Körper ganz langsam an die widrigen Bedingungen und irgendwann ist es dann kälter als fünf Grad.

Jeder darf in den Pool of Pain

Fünf Grad, das ist die magische Grenze. Nur Zeiten, die in so kaltem Wasser geschwommen werden, zählen als Rekorde. „Warum mache ich das eigentlich?“ Diese Frage stellt sich fast jeder Eisschimmer - zumindest gelegentlich. Auch Christof Wandratsch gibt frank und frei zu, dass es ihm oft so gehe. "Zum Beispiel heute", sagt Mister Ice Swimming am Chiemseeufer und grinst breit.

In der Mittagspause darf dann jeder wagemutige Gast im Pool of Pain testen wie es sich anfühlt im winterlichen Chiemsee zu schwimmen. Jochen Aumüller, Christoph Fromm und ihre Kollegen vom TSV haben im seichten Wasser ein paar Stühle aufgestellt. Hier nehmen die Novizen Platz, entkleiden sich bis auf die Badehose oder den Badeanzug und testen die Kälte. Manche kommen nicht weiter ins Wasser als bis zu den Knien, andere schwimmen ein paar Züge.

Wenig später krault Tobias Wybierek aus Burghausen die schnellsten Zeiten über die Sprintdistanz 50 Meter Freistil in den größten bayerischen See: 25,4 Sekunden - ohne Startsprung wohlgemerkt. Beim Eisschwimmen müssen alle Sportler nämlich vom Wasser aus ins Rennen gehen. Mit dieser Regel soll verhindert werden, dass ein Schwimmer nach dem Start komplett untertaucht und womöglich in der Eiseskälte die Orientierung verliert oder gar ohnmächtig wird. Ferner verboten sind Rollwenden beim Kraulschwimmen sowie das Einfetten des Körpers. Eisschwimmer dürfen lediglich eine Badehose oder einen Badeanzug sowie eine Bademütze tragen. Die einzigen zusätzlich gestatteten Hilfsmittel sind Ohrenstöpsel.

Brezel für die Sieger.

Brezel für die Sieger.

Foto >Martin Tschepe

Duschen, Sauna oder Zittern?

Für das Warmwerden nach dem Eisschwimmen - speziell nach den langen Strecken - hat jeder Sportler sein eigenes Rezepte. Manche steigen unmittelbar nach dem Schwimmen in einen Bottich mit heißem Wasser, was aus ärztliche Sicht nicht zu empfehlen ist. Das sagen übrigens fast alle Mediziner. Besser sei es, sich zunächst abzutrocknen und warm einzupacken, etwa in große Handtücher, anschließend sollten sich die Akteure erstmal ein bisschen warm zittern. Nach etwa zehn Minuten, so die Mediziner, spreche dann nichts mehr dagegen, ein heißes Bad zu nehmen, heiß zu duschen oder in die Sauna zu gehen. In der Sauna mit Blick Richtung Alpen und Wettkampfbecken treffen sich nach den Rennen im Chiemsee viele Schwimmer. Manche sind komplett angezogen und schlottern trotzdem in der Schwitzkabine. Das ist angenehmer als draußen, denn gegen Mittag hat ein fieser Nieselregen eingesetzt.

Bei dieser tollkühnen Veranstaltung im Süden der Republik geht nicht alles bierernst zu, dafür bekommen am Ende aber alle alkoholfreies Bier. Jochen Aumüller sagt: "Wir wollen auch die Schwimmer auszeichnen, die nicht gewinnen können." Als Eiskönigin und Eiskönig gewürdigt werden jene Athleten, die den Durchschnittszeiten über 200 und 50 Meter Freistil am nächsten kommen.

Am Nachmittag, als alle Schwimmer ihre Wettbewerbe beendet haben, trifft man sich im Café des Strandbads zur Siegerehrung. Alle Erst-, Zweit- und Drittplatzierten bekommen ihre Medaillen umgehängt: kleine, größere und riesige Brezeln. Auf diese Weise aufgebrezelt treten die Sportler, die aus fast allen Ecken der Republik und sogar aus dem Ausland kommen, dann die Heimreise an. Einige werden sich schon in zwei Wochen wieder treffen, in Radolfzell beim Lake Constanze Eisman am Samstag, 9. Februar.

Martin Tschepe (53) ist Redakteur der Stuttgarter Zeitung und Langstreckenschwimmer des SV Ludwigsburg.