Abenteuer im Allgäu

Wer einigermaßen schwimmen und ganz passabel rennen kann, der sollte das unbedingt mal machen: Bei einem Swimrun starten, ein grandioser Wettbewerb. Impressionen eines Novizen.

| 9. Oktober 2017 | AKTUELL

Mal was Neues: MAutor Martin Tschepe versuchte sich mit Teamkollegin Katja im Swimrun.

Mal was Neues: MAutor Martin Tschepe versuchte sich mit Teamkollegin Katja im Swimrun.

Foto >privat

Die Vorhersage: nicht so toll, vielleicht soll es sogar schneien, feixen ein paar Spötter am Vortag. Das Wetter ist dann aber bombastisch: nur ein paar Wölkchen am Himmel und Sonne statt im Allgäu. Ein lauer Wind bläst, das Wasser der Seen habe rund zwölf Grad, heißt es beim Start. Was nicht ganz stimmt. 

Am Horizont sind die schneebedeckten Alpengipfel zu sehen. Gigantisch. Aber das Gefühl in der Magengegend ist flau. Gleich geht’s los: 23 Kilometer rennen, inklusive ordentlich Höhenmetern. Und 3,5 Kilometer schwimmen, im Rottachspeicher und im Grüntensee. Immer abwechselnd, mal rennen, mal schwimmen. Rennen und dann wieder schwimmen. Mein aller erster Swimrun.

Der Startschuss. Die Profis gehen ab wie die Feuerwehr. Und ich laufe erstmal hinterher. Vermutlich viel zu schnell. Mach mal langsamer, ruft meine Doppel-Partnerin Katja nach knapp zwei Kilometern. Beim Swimrun bilden immer zwei Sportler ein Team. Zwei Männer, zwei Frauen oder eine Frau und ein Mann. Das ist sicherer, falls einem unterwegs etwas passieren sollte, dann ist zumindest ein Soforthelfer zur Stelle. Die Teams sind nämlich mitunter mutterseelenallein unterwegs.

Der Puls ist schnell auf 180

Ich gehe nach der Ermahnung also vom Gas. Wir lassen die Cracks ziehen - auch den Meisterschwimmer Christoph Wandratsch und seine Schwester Birgit. Die beiden, an denen ich ganz gerne etwas länger dran geblieben wäre, werden später weit vorne landen.

Die Swimrunner müssen steile Berge hoch laufen, über schmale Pfade und auf matschigen Pisten bergab rennen. Der Puls ist schnell auf 180. Der Schweiß läuft bald in Strömen, die Bademütze muss deshalb vorerst vom Kopf.

Was mache ich hier eigentlich? Rennen im Neoprenanzug, mit Pull-Bouy, mit Schwimmbrille und mit einem elastischen Seil, das mich und Katja später im See verbinden wird. Damit wir beieinander bleiben. Geschwommen wird mit den Laufschuhen. Was also mache ich hier nur? Das frage ich mich nach ein paar Kilometern, als es mal wieder bergauf geht. Wie die meisten anderen Teilnehmer rennen wir an den steilsten Passagen nicht immer, gelegentlich gehen wir flott.

Wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kinde - so bin ich, der Langstreckenschwimmer, zu diesem Einsatz gekommen. Drei Tage vor dem Start des Allgäu Swimrun in Oy-Mittelberg eine Nachricht auf dem Mobiltelefon: Hilfe, hieß es sinngemäß in der Anfrage von Katja, ihre Partnerin sei krank. Startest Du mit mir? Ihr Team heiß Neckarnixen.

Laufen trainiere ich nie

Ich kenne Katja seit Jahren, Katja Fischer - Mitglied beim Schwimmverein Ludwigsburg wie ich. Lange nachdenken musste ich nicht. Okay, habe ich gesagt. Aber ich kann nur eins versprechen: dass ich beim Start dabei bin - und hoffentlich auch noch im Ziel. Jetzt heißt unser Team Neckarschwimmer, das passt besser als Nixen - zum mir jedenfalls. Wir trainieren oft im Neckar. Ich trainiere aber nie laufen. Schon länger nicht mehr, seit einem Muskelfaserriss in der linken Wade laufe ich nur noch gelegentlich ganz gemütlich.

Nach dem Schwimmen heißt es wieder: laufen.

Nach dem Schwimmen heißt es wieder: laufen.

Foto >Veranstalter

Dann hab ich André gefragt, einen der Top-Swimrunner in Deutschland. Was beachten? Mit Socken laufen? Oder ohne? André Hook ist ein super Typ. Er hat mir alle Fragen beantwortet - und einen paar Utensilien geschickt, zum Beispiel das Seil fürs Schwimmen. Auch Christof Wandratsch hat André ausgestattet.  

In der ersten Euphorie dachte ich: Okay, den Halbmarathon bis du mal in 1:44 Stunden gerannt, und die 3,5 Kilometer schwimmst du locker in 50 Minuten. In drei Stunden sollte der Swimrun doch zu packen sein. Nix da! Die Gewinner Knut Baadshaug und Sebastian Kreder werden nach 2.42 Stunden im Ziel sein, wir nach gut vier Stunden. Die letzten nach mehr als fünf Stunden. Aber noch ist es ein weiter Weg bis zurück zum Kurhaus in Oy.

Manche Sportler nehmen ihre Teampartner ins Schlepptau.

Manche Sportler nehmen ihre Teampartner ins Schlepptau.

Foto >Veranstalter

Partnerin im Schlepptau

Der erste Wechsel vom Laufen zum Schwimmen. Das Seil einhaken an meinem und an Katjas Neo - und los kraulen. Ich schwimme vorne, hab die Partnerin im Schlepptau. Wir überholen ein paar Teams. Das kalte Wasser - zwölf Grad könnte hinkommen - bringt eine angenehme Abkühlung. Nach der ersten Etappe im See: wieder rennen. So geht das weiter, ein paar Kilometer rennen, knapp einen Kilometer oder ein paar hundert Meter schwimmen, rennen, schwimmen, rennen. schwimmen. Wir laufen über Berge und durch idyllische bayerische Dörfer. Die Strecke ist top beschildert, vielerorts stehen Helfer. Es gibt mehrere Verpflegungsstände. Einmal überholen uns DRK-Männer auf Quads. Dann ein Helfer auf seinem Fahrrad.

Meine alten Laufschuhe erweisen sich als weniger gut geeignet für die Passagen bergab. Ich komme mehrmals ordentlich ins Rutschen. Später zwickt der linke Oberschenkel. Katja klagt gelegentlich wegen Krämpfen. Meine Sprunggelenke zwicken. Aber wir rennen weiter, immer weiter. Werden an Land gelegentlich überholt, schwimmen im See wieder weiter nach vorne.

Das erste Schwimmen im Grüntensee: fühlt sich ziemlich kalt an. Später wird es heißen, das Wasser habe nur knapp neun Grad gehabt. Also richtig gefühlt. Tut aber  gut die Kälte, das Zwicken in den Gelenken ist wie ausgeknipst. Und das Brennen der Muskeln auch.

Das letzte Schwimmen, noch einmal rein ins kalte Wasser, geschätzt 300 Meter weit kraulen. Und dann geht es nochmal fies bergauf. Ankunft am Ziel. Geschafft. Platz 27, von knapp 50 Teams. Ganz passabel für den ersten Swimrun. Allgäu, wir kommen wieder.

Martin Tschepe ist Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung und Langstreckenschwimmer beim SV Ludwigsburg. Er schreibt gelegentlich für swim.de