5 km im Titisee: Ein Schwimmausflug in die eigene Kindheit

Während eines Sabbathalbjahres hat unser Autor die zehn größten Seen Deutschlands gequert. In loser Folge folgen die nächsten. See Nummer 12: der Titisee im Hochschwarzwald.

| 19. September 2017 | AKTUELL

Natur pur am Titisee.

Natur pur am Titisee.

Foto >Martin Tschepe

Auf einmal bin ich wieder der kleine Junge. 13 Jahre alt. Diese Stippvisite im Titisee wird mit dem ersten Kraularmzug zu einem Schwimmausflug in die eigene Kindheit. Das Wasser ist an diesem schmuddelig-schönen Spätsommertag ziemlich kalt, es dürfte noch etwa 15 Grad haben. Und es schillert in grünen und braunen Schattierungen, gelegentlich auch mal bläulich, wenn die Sonne hinten den Wolken vor lugt. Unter Wasser sind im Uferbereich die Gerippe alter Tannenbäume zu sehen, die auf dem Seegrund liegen. Ansonsten schaut der Schwimmer in ein grün-bräunliches Nichts.

Genauso war das damals, im Spätsommer 1978. Unsere legendärer Trainer Hans Trippel hatte seine Nachwuchsathleten spontan und ohne Rücksprache mit den Schützlingen angemeldet zum Titisee-Schwimmen. Wir haben damals zwar nahezu täglich trainiert - aber nie im Freiwasser, sondern entweder im Stadionbad Ludwigsburg oder in unserem schönen, alten Vereinsfreibad in Hoheneck am Neckar.

Große Augen beim ersten Mal

ir sind damals im Ort Titisee in einer einfachen Pension abgestiegen, und kurz nach dem Frühstück standen der Gunther, der Peter, der Christian und ich dann am Ufer und haben gestaunt. Die anderen Seeschwimmer haben ihre Körper nämlich eingefettet, manche trugen sogar Anzüge, keine Ahnung, ob das damals schon Neoprenanzüge waren. Wir jedenfalls waren nicht sonderlich gut vorbereitet auf unseren ersten Freiluftwettbewerb: 1.500 Meter bei 15 Grad.

Unser Trainer sagte sinngemäß: schwimmt halt schneller, dann wird’s euch nicht so kalt und ihr seid auch schnell wieder draußen aus dem Titisee. Dabei trug er sein freches Grinsen im Gesicht. Widerspruch war zwecklos. Hans Trippel bleute uns im Training regelmäßig ein: „Ich kann, ich will, ich muss.“ Also mussten wir: rein in das saukalte Wasser und möglichst schnell kraulen. Das haben wir dann auch gemacht, wohl oder übel.

Diese Anekdote von anno dazumal geht mir durch den Kopf, als ich fast vier Jahrzehnte später wieder im Titisee schwimme. Diesmal indes mit einem kurzen Neoprenanzug und mit einer Sicherheitsboje im Schlepptau. Ich will das Ufer des Titisees einmal abschwimmen, geschätzt etwa fünf Kilometern weit.

Etwa fünf Kilometer legt zurück, wer immer am Ufer schwimmt.

Etwa fünf Kilometer legt zurück, wer immer am Ufer schwimmt.

Foto >Martin Tschepe

Spektakuläre Kulisse

Der Wind bläst, auf dem See bilden sich immer größere Wellen. Nah am Ufer indes lässt es sich ganz gut kraulen. Ich hab den See nahezu für mich allein. Ein Ausflugsboot ist unterwegs und ein einsamer Kajakfahrer, wir werden uns später grüßen und kurz unterhalten.

Der Titisee liegt spektakulär im Hochschwarzwald. Die Kulisse ist spitze: bei jedem Zug sieht der Schwimmer viel Wald und die Höhenzüge der Berge. Am Westufer stehen auf den zwei Campingplätzen noch mehrere Wohnmobile. Die Schulferien sind zwar vorbei, aber über zu wenig Urlauber können sich die Hoteliers und die anderen Gewerbetreibenden am Titisee trotzdem nicht beklagen. Der Titisee ist gefragt, auch bei Gästen aus dem Ausland.

Ein Zug rechts, ein Zug links, einer rechts und wieder einer links. Nach etwa einer Stunde werden die Finger taub. Trotzdem macht das Titiseeschwimmen mordsmäßig viel Spaß. Auch wegen der nostalgischen Erinnerungen im Kopf. Ich komme vorbei an privaten Badestellen und schmucken Häusern, die direkt am Seeufer stehen. Menschen direkt am Ufer sind indes kaum zu sehen.

Martin Tschepe hat See Nummer 12 abgehakt.

Martin Tschepe hat See Nummer 12 abgehakt.

Foto >Martin Tschepe

Ironman? Nein, Eisschwimmen!

Ein Stopp an der Uferpromenade. Ein älterer Mann kommt angelaufen, sagt zunächst: „Glückwunsch“ - und dann: „Du spinnst doch.“ Dann sagt er nichts mehr, marschiert weiter. Ein ausländischer Tourist macht eine aufmunternde Geste: Daumen der rechten Hand nach oben. Andere Ausflügler spekulieren, ob ich wohl für einem Ironman trainiere. Nein, das ist eher eine erste Vorbereitung auf die Eisschwimm-Saison. Nach einer Stunde und zwanzig Minuten ist der See einmal umrundet - und ich leg mich erstmal zitternd in die Badewanne.

Anno 1978 hatten wir weniger Komfort nach unserem allerersten Freiwasserschwimmen. Ich konnte nach dem Wettkampf für ein paar Sekunden gar nicht mehr aufrecht stehen, derart eingefroren fühlte sich der Körper an. Und die eigentlich kalte Dusche am Ufer kam uns vor wie eine heiße Brause. 18 Grad sind halt mehr als 15. Wir haben damals übrigens die Mannschaftswertung in unserer Altersklasse gewonnen.

Danke, Trainer, für den Start in diese grandiose Freiluft-Sportart. Hans Trippel schaut mir seit etwa zehn Jahren bestimmt gelegentlich von ganz oben beim Schwimmen zu. Vom Himmel aus ruft er dann mitunter: „Ich kann, ich will, ich muss.“

Martin Tschepe ist Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung und Langstreckenschwimmer beim SV Ludwigsburg. Auf swim.de berichtet er gelegentlich von seinen Schwimm-Abenteuern. Mit seinen Projekten sammelt er Spenden für ein Behinderten-Schwimmprojekt. Infos auf www.bahn9.de