Warum sich Schwimmer rasieren

Dass sich Schwimmer vor wichtigen Wettkämpfen von ihren Körperhaaren befreien, ist kein Zufall. Doch welche Aspekte stecken dahinter?

| 18. Mai 2017 | TRAINING

Paul Biedermann in einer Werbung für Gilette.

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Foto >Gillette

Ruft man sich die Endläufe bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften ins Gedächtnis, dann fällt auf, dass man dort nicht einen Schwimmer sieht, der stolz sein Brusthaar präsentiert. Vielmehr sehen alle Athleten herausgeputzt und poliert aus. Ist Rasieren nun der sportiven Optik geschuldet oder handelt es sich um ein Ritual, das sich – ohne auf seine Wirksamkeit hin überprüft zu sein – über Jahre und Jahrzehnte entwickelt hat?

Geht man das Thema wissenschaftlich an, so bietet die Studienlage nicht wirklich viele belegte Vorteile. 1989 war es der Wissenschaftler Dave Costill, der seine Erkenntnisse in der Zeitschrift Medicine and Science in Sports and Exercise veröffentlichte. Er bildete zwei Gruppen von Leistungsschwimmern, die er verschiedenen Tests unterzog. Zunächst starteten beide Gruppen ohne Körperrasur in ein Dauerschwimmen sowie ein stehendes Schwimmen am Seil ("tethered swim"), bei dem Parameter zur Beurteilung des Leistungsaufwandes gemessen wurden. Im Anschluss daran entfernte eine Gruppe die Köperhaare, während die zweite Gruppe keine Änderungen vornahm.

Weniger Widerstand?

In einer zweiten Testreihe konnte festgestellt werden, dass sich die Laktatwerte der „rasierten“ Gruppe bei gleichen Testanforderungen wie zuvor signifikant, und zwar im Mittel von 8,48 auf 6,74 mmol/l verringert hatten. Die Kontrollgruppe hingegen zeigte keinerlei Veränderungen.

In einer weiteren, etwas neueren Untersuchung wurde dieses Ergebnis bestätigt. Hier stellten die Wissenschaftler fest, dass der Geschwindigkeitsabfall auf einer zuvor festgelegten Strecke nach einer Haarentfernung deutlich geringer war als zuvor. Die Schlussfolgerung lautete: Eine Körperrasur verringert offenbar die Widerstandskomponente zugunsten des Schwimmers, wodurch sich der metabolische Aufwand reduziert, der Schwimmer also für dieselbe Leistung weniger Energie aufbringen muss. Im Umkehrschluss könnte man auch sagen: Wer rasiert, schwimmt schneller!

Schadet nicht

Aus der Erfahrung und Befragung von Athleten zeigt sich aber immer auch eine weitere wichtige Komponente: die Psyche. Im Regelfall wird die Prozedur der Körperrasur dann durchgeführt, wenn es in die wichtigen Wettkämpfe geht. In diesem Zusammenhang entwickelt sich die sportliche Form planungsgemäß ebenfalls stark positiv, wenn die letzten Wochen und Tage ganz im Zeichen der Umfangsreduzierung und des Taperns stehen.

Dann kommen womöglich zwei Dinge zusammen. Zum einen steigert sich die sportliche Form, das Wassergefühl verbessert sich aufgrund der zunehmend höheren Trainingsgeschwindigkeiten und hinzuaddiert sich ein außergewöhnliches Gefühl der Widerstandsoptimierung dank der Körperrasur. Manche Schwimmer sprechen davon, „ewig gleiten zu können", wenn sie rasiert sind.

Im Endeffekt lässt sich auf jeden Fall behaupten, dass eine Körperrasur noch niemandem geschadet hat. Ganz im Gegenteil – die ritualisierte Prozedur zeigt auch der Psyche unmissverständlich an: Nun wird es ernst, es geht es um etwas!