„Niemals mit akutem Infekt trainieren“

In den vergangenen Jahren starben ein dutzend Profisportler im Wettkampf oder Training, zuletzt hat der plötzliche Tod von Weltmeister Alexander Dale Oen für Bestürzung gesorgt. Der norwegische Brustspezialist starb vergangenen Montag nach dem Training offenbar an den Folgen eines Herzstillstands. swim.de hat den Sportmediziner Karlheinz Zeilberger gefragt, wie es dazu kommen konnte, ob es hätte verhindert werden können und worauf gerade auch Hobbysportler achten sollten.

| 7. Mai 2012 | TRAINING

Dale1b | Alexander Dale Oen starb im Alter von 26 Jahren.

Alexander Dale Oen starb im Alter von 26 Jahren.

Foto >Silke Insel / spomedis

Herr Zeilberger, wie kann es sein, dass ein trainierter, junger Mann wie Alexander Dale Oen im Alter von nur 26 Jahren plötzlich stirbt?
Das ist zu diesem Zeitpunkt natürlich reine Spekulation. Die häufigsten Ursachen für plötzlichen Herztod beim Sport sind jedoch angeborene Herzerkrankungen, die nicht erkannt wurden.

Zeilberger | Dr. Karlheinz Zeilberger ist Internist und Sportmediziner in München.

Dr. Karlheinz Zeilberger ist Internist und Sportmediziner in München.

Foto >privat

Welche Erkrankungen sind das?
Oft sind das Herzmuskelverdickungen. Dann gibt es die Möglichkeit, dass die Herzkranzgefäße einen untypischen Verlauf haben oder dass mit den Herzklappen etwas nicht in Ordnung ist. Aber das Häufigste sind, wie vor drei Jahren bei dem deutschen Leichtathleten René Herms, verschleppte Herzmuskelentzündungen, wenn also ein Infekt nicht adäquat auskuriert wurde. Außerdem wurde in letzter Zeit immer wieder diskutiert, ob unter Umständen Gen-Defekte hinter solchen Todesfällen stecken.

Wenn man um die Gefahren weiß, warum wird dann nicht jeder Leistungssportler auch auf diese Defekte untersucht?
Weil diese Gen-Untersuchungen einfach zu kostspielig sind, um alle Athleten zu testen. Andererseits zeigen uns die Italiener, dass es sehr wohl möglich ist. Da es offenbar in Norditalien Gegenden gibt, in denen diese Gendefekte häufiger auftreten, als im Rest der Welt, gibt es in Italien ein sehr engmaschiges Kontrollsystem. Und die Statistiken zeigen: Seitdem die Italiener diese Untersuchung vorschreiben, sind die plötzlichen Todesfälle beim Sport drastisch gesunken.

Und das geht tatsächlich hinunter bis in den Breitensport?
Ja. Da muss jeder, der an einem Volksmarathon oder einem Radrennen teilnehmen will, nicht nur, wie bei uns üblich, unterschreiben, dass er gesund ist. Dort wird ein Attest vom Arzt verlangt, der somit mit seinem Namen dafür bürgt, dass der Sportler für diesen Wettkampf tauglich ist. Das ist weltweit einzigartig. Aber auch in Deutschland haben wir ein System, das uns auszeichnet.

Inwiefern?
Wir haben bereits seit 30 Jahren vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) aus Pflichtuntersuchungen für alle Kaderathleten – oder besser gesagt Pflichtuntersuchungen in Anführungszeichen – die einmal im Jahr auch eine internistische Untersuchung plus Belastungs-EKG und alle zwei Jahre einen Ultraschall des Herzens vorschreiben.

Warum sagen Sie Pflichtuntersuchung in Anführungszeichen?
Weil das jetzt die Theorie ist, die ich Ihnen erzähle. Das Problem ist: Von Seiten des DOSB haben Sportler, die sich der Untersuchung nicht unterziehen, keine Konsequenzen zu befürchten. Das ist dann wiederum Angelegenheit der einzelnen Verbände. Die Zahlen, wie viele Sportler diese Untersuchungen wirklich wahrnehmen, wechseln von Verband zu Verband zwischen 30 und 80 Prozent.

Wie sollten die Verbände Ihrer Meinung nach reagieren?
Im Eisschnelllauf hatte die medizinische Abteilung zu meiner Zeit die Rückendeckung durch die Verantwortlichen, so dass ganz klar gesagt wurde: Wer die Untersuchung nicht macht, darf nicht bei den deutschen Meisterschaften starten und kann sich so nicht für Großereignisse qualifizieren. Das haben wir ohne Ausnahmen knallhart durchgezogen. Aber seit einigen Jahren übt auch der DOSB indirekt bereits mehr Druck aus, weil man natürlich Angst hat, dass trotz des auf dem Papier guten Systems mal etwas Schlimmes passiert.

Zurück zu Alexander Dale Oen. Müsste es Warnsignale gegeben haben, die er vielleicht überhört oder gar ignoriert hat?
Eine größere Krankheit kann er eigentlich nicht gehabt haben, das wäre dem Trainer sicher aufgefallen. Bei einer leichteren Erkältungen oder Ähnlichem ist das schwer zu sagen, weil jeder Sportler da unterschiedlich reagiert.

Leistungssportler glauben, ihre Körper gut genug zu kennen, um Risiken einschätzen zu können. Ist das ein Trugschluss, wenn dieses Wissen auf Ehrgeiz trifft?
Bei einem Mannschaftssportler, der um einen Platz im Team kämpft, oder einem Einzelsportler, für den es um die Frage geht, ob er es in den Olympia-Kader schafft, da ist die Risikobereitschaft sicher sehr groß. Aber jemand wie Dale Oen, der ja quasi gesetzt ist und gute Chancen auf Gold hat, der muss sich im Training doch nichts mehr beweisen.

Aber hat nicht auch ein Weltmeister Sorge, so kurz vor dem Ziel Trainingseinheiten zu verpassen?
Nein, die Basis muss doch schon stehen. Wenn er jetzt noch nicht die entsprechende Grundlage für London geschaffen hat, dann ist er eh zu spät dran. So jemand müsste vernünftig genug sein, um zu sagen: Wenn ich einen Infekt habe, dann nehme ich lieber ein paar Tage raus, bevor das ich mir so kurz vor Olympia gegebenenfalls eine Medaille versaue. Denn genau das ist ja das Problem: Wenn man intensives anaerobes Training macht, dann kommt das Immunsystem in dieses sogenannte Open Window, in dem es geschwächt ist. Da muss man wirklich sehr vorsichtig sein, besonders auch in der Höhe.

Sind Profis gefährdeter, als Hobbysportler?
Nein. Leistungssport an sich ist sicher nicht gefährlich. Im Gegenteil: Ehemalige Leistungssportler leben länger und sind auch gesünder. Doch für jeden Sport, für jede Sportart, für jedes Alter sollte gelten: Mit einem akuten Infekt, egal wie banal er scheint, egal wo er sitzt, wird weder trainiert noch am Wettkampf teilgenommen.

Welche Infekte werden denn am häufigsten unterschätzt?
Die einfachen Erkältungskrankheiten. Gliederschmerzen sind in einem solchen Fall nichts anderes als Muskelschmerzen, da kann der Herzmuskel von dem Virus genauso befallen werden – er tut nur nicht so schnell weh. Wichtig ist aber auch – und das gilt genauso für mich wie für meine Kollegen: Man muss wirklich schauen, wann man ein Antibiotikum verschreibt. Ich kann verstehen, dass ein Sportler nicht gleich Antibiotika schluckt, nur weil ein Arzt es schon bei jeder leichten Erkältung verschreibt. Wenn dann aber bei einer Madelentzündung auch darauf verzichtet wird, setzten sich diese Bakterien gerne auf die Herzklappen. Und das ist fatal. Da muss man dem Sportler klipp und klar sagen: Du musst das Antibiotikum jetzt zehn Tage nehmen. Keine Widerrede.

Welche Checks sollte auch ein Breitensportler regelmäßig machen?
Dazu vielleicht vorab: Ab 35 steigt das Risiko für einen plötzlichen Herztod gewaltig. Grund Nummer eins sind auch hier die unerkannten Herzerkrankungen wie die der Herzkranzgefäße. Ab diesem Alter ist man zudem anfälliger für erhöhten Blutdruck und erhöhtes Cholesterin. Das sind die klassischen Tests, alles keine Hexerei, die man machen sollte. Wer sich auf besonders trainingsintensive Sportarten einlässt, sollte zusätzlich ein Belastungs-EKG machen.

Vielen Dank für dieses Gespräch, Herr Zeilberger.