Laktat als Wunderwaffe?

Laktat ist seit mehr als 25 Jahren fester Bestandteil von Leistungsdiagnostiken im Sport. Es ermöglicht einen guten Einblick in den Stoffwechsel der Muskelzelle. Doch die einfach zu messende Milchsäurekonzentration ist eine sensible und störanfällige Messgröße.

| 13. Februar 2012 | TRAINING

Laktat | Für Weltrekordhalter Steffen Deibler (Hamburger SC) ist die Laktatmessung bei Wettkämpfen Routine.

Für Weltrekordhalter Steffen Deibler (Hamburger SC) ist die Laktatmessung bei Wettkämpfen Routine.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Laktat als Wunderwaffe?

Während Sie intensiv im Schwimmbad trainieren, arbeitet Ihre Muskulatur auf Hochtouren. Wird von ihr nämlich mehr Energie abgefordert, als sie durch die „Verbrennung“ von Kohlenhydraten mit Sauerstoff (aerobe Glykolyse) und den Fettstoffwechsel erzeugen kann, muss die Muskelzelle auf andere Wege Energie beschaffen. Dann gewinnt die auch bei geringen Belastungen immer parallel laufende anaerobe Glykolyse (Oxidation von Kohlenhydraten ohne Sauerstoff) an Bedeutung. Dabei entsteht als Stoffwechselzwischenprodukt Laktat, das Salz der Milchsäure. Selbst im körperlichen Ruhezustand wird ständig Laktat gebildet. Je nach genetischer Veranlagung liegt die Laktatkonzentration im Blut zwischen 0,55 und 2,2 Millimol pro Liter (mmol/l).

Empfindliche Balance

Aufgrund seiner sauren Eigenschaften hat Laktat entscheidenden Einfluss auf die Funktionsfähigkeit der Muskulatur. Wird das Milieu in der Muskelzelle zu sauer, nimmt die Aktivität wichtiger Enzyme des Energiestoffwechsels ab, die Energieversorgung bricht nach und nach zusammen. Die Folge: Frequenz und Kraft der Bewegung lassen nach und kommen ab einer gewissen Milchsäurekonzentration fast völlig zum Erliegen.

Um diese Übersäuerung des Muskels, die Azidose, möglichst lange zu verhindern, stehen dem Körper allerdings eine Reihe sogenannter Puffersysteme zur Verfügung. Neben der direkten Verstoffwechselung im Muskel, ist das Blut der wichtigste dieser Puffer. Das wasserlösliche Laktat tritt aus der Muskelzelle per Diffusion ins Blut über und wird dort größtenteils vom roten Blutfarbstoff Hämoglobin und durch eine chemische Reaktion mit Bikarbonat „neutralisiert“.

Dynamisches Gleichgewicht

Solange dieses System nicht überfordert ist und genauso viel Laktat abgebaut wie produziert wird, entsteht ein dynamisches Gleichgewicht, das sogenannte Laktat steady state. Bei körperlicher Arbeit spiegelt die Laktatkonzentration im Blut so relativ genau die Form der Energiebereitstellung in der belasteten Muskulatur wider und eignet sich deshalb zur Einschätzung der Ausdauerleistungsfähigkeit eines Athleten.

Prof. Hermann Heck, einer der führenden Wissenschaftler auf diesem Gebiet, erläutert: „Laktat reagiert als Parameter äußerst sensibel auf eine Veränderung der aeroben und anaeroben Leistungsfähigkeit.“ Bei einer Leistungsdiagnostik auf dem Laufband bedeuten niedrige Laktatwerte bei mittleren bis hohen Laufgeschwindigkeiten, dass die aerobe Energiebereitstellung den Großteil der notwendigen Energiemenge liefern kann. Werden hingegen bereits bei niedrigen Laufgeschwindigkeiten schnell ansteigende und hohe Laktatwerte verzeichnet, weist dies auf eine mangelhaft entwickelte aerobe Kapazität hin.

Stufen der Erkenntnis

Zur Bestimmung der Ausdauerleistungsfähigkeit können verschiedene Testverfahren herangezogen werden. Das gebräuchlichste Verfahren ist der Laktatstufentest, bei dem der Sportler auf dem Fahrradergometer oder dem Laufband, seltener im Wasser, bei niedriger Intensität beginnt und dann ansteigende Belastungsstufen von fest definierter Dauer, meist drei oder fünf Minuten, absolviert. Eine Ausbelastung bis zur subjektiven Erschöpfung ist für die Bestimmung der aeroben Leistungsfähigkeit nicht notwendig. Die nach jeder Stufe gemessenen Laktatwerte werden anschließend in ein Koordinatensystem eingetragen und ins Verhältnis zur erbrachten Leistung und zur parallel aufgezeichneten Herzfrequenz gesetzt. Verbindet man die einzelnen Laktatwerte miteinander, ergibt sich eine charakteristische Kurve, die zunächst flach verläuft und dann einen exponentiellen Anstieg aufweist.

Diskussion um die anaerobe Schwelle

In Ausdauersportarten ist der Bereich des aerob-anaeroben Übergangs besonders interessant, der mit dem ersten Laktatanstieg (auch aerobe Schwelle genannt) beginnt und bei jenem Punkt endet, der als anaerobe (ANS) beziehungsweise individuelle anaerobe Schwelle (IANS) bezeichnet wird. Er steht für das maximale Laktat steady state (MLSS), also jenen Punkt, an dem das entstehende Laktat gerade noch abgebaut werden kann. Bei länger andauernden Belastungen oberhalb dieser Schwelle würde die Blutlaktatkonzentration weiter steil ansteigen und Werte weit über 10 mmol/l erreichen.

Die genetisch festgelegte Muskelstruktur, die dominierenden Trainingsinhalte und der Anteil der für eine sportliche Dauerleistung eingesetzten Muskelmasse haben einen Einfluss auf die Höhe der individuellen anaeroben Schwelle. Im Durchschnitt liegt sie bei 4 mmol/l, allerdings weisen Spitzenausdauerathleten wie Radfahrer, Ruderer und Triathleten oft eine niedrigere IANS von 2,5 – 3,5 mmol/l auf. Ob Männlein oder Weiblein, scheint nebensächlich zu sein: „Ein Geschlechterunterschied im Laktatverhalten ist wohl noch nicht im großen Maßstab untersucht wurden, eigene Arbeiten mit gemischten Gruppen waren diesbezüglich aber unauffällig“, so Heck.