Sportmedizin | 29. Januar 2012

Iliosakralgelenk  Einmal verdreht und schon blockiert

Dr. Wolfgang Schillings | Ob Schulter-, Knie- oder Sprunggelenk – meistens sind Sportler mit diesen Körperstrukturen bestens vertraut. Doch wissen Sie auch, wo Ihr Iliosakralgelenk liegt? Wahrscheinlich nur, wenn es dort schon einmal zu einer Blockade gekommen ist – eine äußerst schmerzhafte Erfahrung.
Dieser blöde Hund! Gerade lief es richtig rund für Beate Fischer (33). Als Ausgleichssportart hatte die Schwimmerin vor Kurzem mit dem Joggen angefangen. Und dann das: Keine 30 Meter von ihrer Haustür entfernt läuft ihr – kurz vor dem Ziel ihrer Laufrunde – dieser räudige Nachbarsdackel vor die Füße. Eine Drehung zur Seite, ein Ausfallschritt, Knacks – schon ist’s passiert.

Fehltritt mit Folgen

"Ich konnte mich plötzlich kaum noch richtig bewegen. Zum Glück war ich gleich zu Hause. Die Schmerzen strahlen vom unteren Rücken über das Gesäß und den Oberschenkel bis zum Knie aus. So etwas hatte ich noch nie", berichtet Fischer am nächsten Morgen ihrem Hausarzt. Nachdem der sich den Fehltritt hat ausführlich schildern lassen, fängt er an zu untersuchen. Im Bereich der rechten Kreuzdarmbeinfuge stößt er auf den maximalen Schmerzpunkt. Anschließend bemerkt er, dass seine Patientin beim Aufrichten des Oberkörpers aus der Rückenlage ("Derbolowsky-Test") ein Bein vorschiebt. Diese sogenannte variable Beinlängendifferenz erhärtet seine erste Verdachtsdiagnose: eine Blockade des rechten Iliosakralgelenks (restricted movement of sacroiliac joint).

Fest verankert

Das Iliosakralgelenk (ISG, Articulatio sacroiliaca oder Kreuzbein-Darmbein-Gelenk) ist Teil unseres Beckens (Pelvis), über das die Beine mit dem Skelett des Rumpfs in Verbindung stehen. Das Kreuzbein (Os sacrum) bildet die Rückwand des knöchernen Beckens. Es steht als unterster Teil der Wirbelsäule mit dem letzten Lendenwirbelkörper in Verbindung und liegt zwischen den beiden schaufelförmigen Hüftbeinen (Ossa coxae). Deren Ausläufer führen in einem Bogen nach vorn und sind dort über eine etwa ein Zentimeter breite knorpelige Verbindung, die Schambeinfuge (Symphyse), zusammengefügt.
Die Hüftbeine bestehen aus jeweils drei miteinander verschmolzenen Knochen: dem Darmbein (Os ilium), dem Sitzbein (Os ischii) und dem Schambein (Os pubis). Diese wachsen im Laufe der Wachstumsperiode zusammen, so dass ihre Grenzen im Erwachsenenalter nicht mehr erkennbar sind. Zwischen dem Kreuz und dem Darmbein liegen die beiden Iliosakralgelenke. Es handelt sich dabei um sogenannte Amphiarthrosen, also Gelenke, deren Bewegungsspielraum stark eingeschränkt ist. Dafür verantwortlich sind eine straffe Gelenkkapsel und starke kurze Bänder. Das Iliosakralgelenk ist die größte Amphiarthrose des menschlichen Körpers und verankert die Wirbelsäule fest im Beckenring.

Verkantete Gelenkflächen

Obwohl die Bewegungsmöglichkeiten im Iliosakralgelenk durch die starke Bänderverankerung bei weitem nicht mit denen des Knie- oder Schultergelenks vergleichbar sind, macht sich eine Blockade auch hier unmittelbar bemerkbar: Die eingeschränkten Bewegungsumfänge im Bereich des unteren Rückens, Beckens sowie gegebenenfalls auch der Beine und das Gefühl, »etwas sei eingeklemmt«, werden von akuten Schmerzen im Bereich des ISG und oft auch von sogenannten pseudoradikulären Beschwerden begleitet. Durch die knöcherne Verschiebung werden nämlich die sensiblen Versorgungsnervenäste der kleinen Wirbel- oder Kreuzdarmbeingelenke irritiert, wodurch die Schmerzen vom Rücken über das Gesäß in die Leiste oder bis zum Knie ausstrahlen können.
Häufig sind Sportler von einer Blockierung des ISG betroffen. Durch eine "falsche", unvorhergesehene Bewegung und Krafteinwirkung, wie etwa einem "Tritt ins Leere" bei Unebenheiten auf der Laufstrecke oder einem "Verheben", kann sich die straffe Verbindung zwischen Kreuzbein und Becken verschieben. In vielen Fällen verursachen (schnelle) Rotationsbewegungen die Verkantung der Gelenkflächen.
Ungünstige Einflussfaktoren sind neben einer Überlastung und starker Kälteeinwirkung auch bestimmte statische Voraussetzungen wie zum Beispiel eine angeborene Beinlängendifferenz. Eine länger andauernde Blockierung kann zu chronischen Beschwerden mit nachfolgender Überlastung der angrenzenden Bänder führen.