Die Schwimmerschulter - Ursachen und Therapie

Am Rande einer sportmedizinischen Fortbildungsveranstaltung auf Teneriffa traf swim Dr. Johannes Plath am Beckenrand und nutze die Gelegenheit für ein Interview zum stets aktuellen Thema „Schwimmerschulter“. Das Gespräch führte swim-Experte Holger Lüning.

| 7. März 2014 | TRAINING

Interview_Schwimmerschulter | Johannes Plath

Johannes Plath

Foto >Holger Lüning

Sie haben durch Ihre Tätigkeit in der größten sportorthopädischen Abteilung Deutschlands ja sicher nicht nur mit Schwimmern zu tun, welche Sportler kämpfen denn am häufigsten mit einer schmerzenden Schulter?
Das ist richtig, man darf sich bei diesem Beschwerdebild nicht zu sehr auf einzelne Sportarten beschränken wie beispielsweise „Swimmer’s Shoulder“ oder „Thrower’s shoulder“. Die Entstehung dieses komplexen Beschwerdebildes ist im Grunde in allen Überkopfsportarten sehr ähnlich. Wir nutzen in diesem Zusammenhang deshalb auch eher den Begriff „Sportlerschulter“ oder „Überkopfsportler-Schulter“.
 
Warum ist das Schultergelenk offensichtlich so vulnerabel, also verletzungsanfällig, in den sogenannten Überkopfsportarten?
Die Besonderheit des Schultergelenks ist seine geringe Formschlüssigkeit durch die Verbindung aus einem großen Oberarmkopf und einer sehr kleinen Gelenkpfanne. Erst durch die umliegenden Muskeln, Bänder und die Gelenkkapsel wird die Schulter zum einen in ihrer Beweglichkeit limitiert und stabilisiert.  
Dieser Gelenkaufbau ermöglicht uns zwar den großen Bewegungsumfang der Schulter, macht das Gelenk jedoch auch sehr anfällig gegenüber Überlastungssyndromen und Instabilitäten. Außerdem darf man die Schulter nicht alleinig auf das Schultergelenk beschränken, denn der gesamte Schultergürtel, insbesondere das Schulterblatt mit der umliegenden Muskulatur trägt zur Schulterbeweglichkeit bei.  
 
Was sind aus Ihrer Sicht die häufigsten Ursachen für die Schwimmerschulter?
Zur Entstehung einer Sportlerschulter gibt es mehrere Theorien, die sich zum Teil auch widersprechen. Einer Struktur, der meiner Meinung nach zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird ist das Schulterblatt. Häufig sind Fehlstellungen und Bewegungsstörungen des Schulterblattes beim Schwimmer zu erkennen. Eine weitere wichtige Ursache ist außerdem ein Missverhältnis aus weiten vorderen und engen hinteren Gelenkkapselverhältnissen. Wir beobachten beim Überkopfsportler häufig bereits ausgeprägte funktionelle Störungen des Schulterblatts und eine eingeschränkte Innendrehbarkeit des Armes, als Zeichen einer engen hinteren Kapsel, ohne dass Beschwerden beklagt werden. In der Fachliteratur wird eine solche Situation auch als Risikoschulter oder „Shoulder at risk“ bezeichnet.
 
Welche Möglichkeit der Prävention würden Sie empfehlen? Gibt es Schwachstellen beim Schwimmer?
Zur Prävention sollte der Schwimmer Übungen zur Stabilisierung und zur Kräftigung der Schulterblattmuskulatur in seinen Trainingsplan einbauen. Dazu bedarf es jedoch zu Anfang einer professionellen therapeutischen Anleitung. Auch eine gezielte Aufdehnung des kurzen Brustmuskels ist ein wichtiger Aspekt zur Optimierung der Schulterblattstellung. Zusätzlich sollte der Sportler selbstständig die hintere Kapsel der Schulter behutsam aufdehnen und die Rotatorenmanschette gezielt kräftigen.
 
Gibt es eine Möglichkeit der Diagnostik oder Lokalisation von Beschwerden, die man selbst im Vorfeld eines Arztbesuches durchführen kann?
Typischerweise geben Sportler ihre Beschwerden im Bereich der hinteren Schulter an. Jedoch gehören auch die Bizepssehnenreizungen und -verletzungen zu dem Beschwerdekomplex der Überkopfschulter, dann zeigt sich der Schmerz typischerweise vorn. Wie bereits erwähnt, ist das Krankheitsbild komplex und die Diagnostik sollte einem Fachmann vorbehalten bleiben.  
 
Kommt es nun zur der Entscheidung Operation oder konservative Behandlung. Welche Entscheidungshilfe würden Sie einem ambitionierten Sportler auf den Weg geben?
Eine operative Behandlung steht ganz am Ende des Behandlungsspektrums. Solange kein wesentlicher struktureller Schaden am Gelenk entstanden ist, d.h. lediglich ein funktionelles Problem vorliegt, ist dieses Krankheitsbild gut konservativ zu behandeln. Erst wenn es schon zu relevanten Verletzungen von Rotatorenmanschette, hier vor allem der hinteren Anteilen der Supraspinatussehne, der Bizepssehneninsertion und der Gelenklippe gekommen ist, muss operiert werden. Aus Studien wissen wir jedoch, dass bei einem Vollbild der Sportlerschulter mit genannten strukturellen Verletzungen lediglich ein Drittel der Sportler auf das Ausgangsniveau zurückfindet. Dies betont noch einmal die Wichtigkeit der Prävention.  
 
Wie sehen Sie die Einsatzmöglichkeit einer Medikation im Hinblick auf eine dauerhafte Lösung des Problems?
Entzündungshemmende Medikamente haben sicherlich in der Akutbehandlung ihren Stellenwert, um die Beschwerden zu bessern. Damit wird das Problem jedoch nicht gelöst. Wer Schulterbeschwerden im Überkopfsport hat, sollte mit dem Training pausieren und gezielt unter professioneller Anleitung die Ursache der Beschwerden angehen. Was man wissen muss ist, dass die Behandlung mitunter sehr langwierig sein kann. Bei konsequenter Behandlung und strenger Sportkarenz ist die Prognose jedoch sehr gut.  
 
Ein letzter Tipp, den Sie Schwimmern und Trainern mit auf den Weg geben würden, um gar nicht erst in das Problemfeld „Schwimmerschulter“ zu geraten?

Wie bereits erwähnt, sollten Übungen zur Kräftigung und Stabilisierung von Rumpf- und Schulterblatt in keinem Trainingsplan fehlen. Auch ein regelmäßiges Aufdehnen der hinteren Kapselstrukturen der Schulter ist wichtig, um dem Problem von Anfang an aus dem Weg zu gehen.

Dr. Johannes Plath

Studium der Medizin in Ulm und München, mehrjährige Ausbildung in der Abteilung für Sportorthopädie am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität in München, Forschungstätigkeit an mehreren wissenschaftlichen Studien der sportorthopädischen Abteilung, derzeit tätig in der Abteilung für Unfallchirurgie am Zentralklinikum in Augsburg