Sportmedizin | 18. April 2011

Wenn die Schulter zwickt Die Schwimmerschulter: Erkennen, behandeln, vermeiden

Dr. Matthias Marquardt | Schwimmen ist insgesamt sicher als orthopädisch wenig belastender Sport zu bezeichnen. Schmerzen im stark belasteten Schultergelenk kommen allerdings gar nicht so selten vor. Der Fachmann spricht dann von einer Schwimmerschulter.
Unter erfahrenen Hochleistungsschwimmern geben teilweise mehr als die Hälfte der Athleten an, schon einmal Schmerzen in dem extrem beweglichen Kugelgelenk der Schulter verspürt zu haben. Das Wort "Schwimmerschulter" ist aber alles andere als eine exakte medizinische Diagnose.
Hinter den Beschwerden können sich diverse krankhafte Erscheinungen verbergen, die nur ein erfahrener Orthopädie und Sportmediziner sorgfältig voneinander trennen kann. In gewisser Hinsicht ist aber die Zusammenfassung einiger wesentlicher Beschwerden durchaus zulässig, weil deren Ursachen und Therapien sehr ähnlich sind. So ist bei vielen Schultergelenksbeschwerden eine schlechte Zentrierung des Oberarmkopfes in der kleinen Schultergelenkspfanne anzutreffen. Der Oberarmkopf klemmt beim Anheben des Armes bestimmte Sehnen und Schleimbeutel unter dem Schulterdach ein. Entzündungen und Schmerzen sind die Folge. Im Fachjargon nennt sich ein solcher Einklemmungsprozess "Impingementsyndrom".

Muskuläre Dysbalancen als Ursache

Ursache dieser gestörten Schultergelenksmechanik ist eine bei Schwimmern oft anzutreffende muskuläre Dysbalance (Ungleichgewicht zwischen einem Muskel und seinem Gegenspieler). Im Extremfall wird eine Muskelpartie stark gekräftigt und verkürzt sein, wobei der Gegenspieler zunehmend verkümmert und dem anderen Muskel nur noch schwer entgegen wirken kann. Solche Prozesse beziehen sich beim Kraulschwimmer besonders auf die Rotatoren der Schulter. Um sich im Wasser fortzubewegen, wird die Schulter innenrotiert (bei allen Lagen!). Diese besonders leistungsbestimmende Muskelgruppe wird also bei jedem Armzug stark gefordert.
Entsprechend ihrer starken Kräftigung neigen die Innenrotatoren der Schulter auch zu einer Verkürzung, so zum Beispiel der große Brustmuskel. Die Gegenspieler, die Außenrotatoren der Schulter, verkümmern bei umfangreichem Schwimmtraining zunehmend. Da die Außenrotatoren den Oberarmkopf im gesunden Gelenk aber auch nach unten ziehen und so den Abstand vom Oberarmkopf zum Schulterdach sichern, wird bei ihrer Abschwächung das "Einquetschsyndrom" der Muskeln und Sehen unter dem Schulterdach vermehrt stattfinden.

Dehnen und Kräftigen

Um die muskuläre Dysbalance der Schulter effektiv zu verhindern, muss die stark trainierte Gruppe der Innenrotatoren (Brustmuskulatur) nach jedem Training gedehnt werden. Noch wichtiger ist es allerdings, ihre Gegenspieler (Schulterblattmuskulatur) anzutrainieren. Ein regelmäßiges Krafttraining der Außenrotatoren, das in das regelmäßige Athletiktraining integriert werden sollte, ist der sicherste Schutz vor der gestörten Schultermechanik. Damit die Schulter keinen anderen Fehlbelastungen ausgesetzt wird, ist natürlich das Erlernen einer sauberen Schwimmtechnik oberstes Ziel eines Schwimmtrainingsprozesses. Und auch hierfür ist neben vielen Übungen zum Wassergefühl eine gleichmäßig auftrainierte Muskulatur sinnvoll, um den anspruchsvollen Bewegungsablauf des Kraularmzuges effektiv umsetzen zu können.

Vorsicht bei zu großen Paddles

Tipp
Paddles sollten immer nur so lange eingesetzt werden, wie mit ihnen eine saubere Technik aufrecht erhalten werden kann.
Weitere häufige Beschwerdeauslöser sind Paddles im Schwimmtraining, mit denen häufig entschieden zu lange Strecken absolviert werden. Paddles sollten immer nur so lange eingesetzt werden, wie mit ihnen eine saubere Technik aufrecht erhalten werden kann. Bei den wenigsten Schwimmern im Triathlontraining werden das Intervalle von wesentlich mehr als 100 Metern sein. Natürlich spielt auch die Größe der Paddles eine Rolle. Hier muss ein sinnvolles Verhältnis zwischen schwimmerischem Können, der allgemeinen Athletik und der Größe der Trainingsgeräte gesucht werden. Wer meint, nur mit "Klodeckeln" an den Händen der Konkurrenz enteilen zu können, wird schnell eines Besseren belehrt werden. Für mäßige Schwimmer sind auch kleinere Fingerpaddles eine Alternative, die die Schulter nicht so leicht überlasten. Ein abwechslungsreiches Trainingsprogramm, in dem nicht Tausende Kraulmeter ohne Pause absolviert werden, sondern technisch anspruchsvolle Intervallserien in verschiedenen Lagen, ist ein weiteres nützliches Instrument, um  Schulterbeschwerden gar nicht erst entstehen zu lassen.