Trauen Sie nicht dem Ausnahmekönner!

Weltrekorde faszinieren und stellen frühere Bestleistungen in den Schatten. Damit entsteht auch immer die Frage, ob der neue Rekordhalter im Training oder in Bezug auf die Technik etwas Neues entdeckt hat. Und schon begibt sich die Sportwelt auf die Suche nach möglichen Geheimnissen.

| 26. Juni 2014 | TRAINING

Sun Yang | Sun Yang (China) schwimmt 400 Meter Freistil Vorlauf

Sun Yang (China) schwimmt 400 Meter Freistil Vorlauf

Foto >Daniel Kopatsch

Trainer wie Athleten aller Leistungsklassen haben eines gemeinsam: das Streben nach dem optimalen Ergebnis. Das heißt, aus der gegebenen Trainingszeit das Beste herauszuholen. Mitunter stellt man bewährte Gewohnheiten auf die Probe und testet etwas Neues, um am Ende festzustellen, dass der bisherige Weg gar nicht so verkehrt war.

"Erkennen Sie Gemeinsamkeiten. Imitieren Sie nicht den einen Ausnahmekönner!"
Taucht dann ein neuer Superstar auf, der den Schwimmsport auf ein neues Niveau hebt, vermutet man schnell, dass der Leistungsvorsprung solcher Sportler erklärbar und vor allem, duplizierbar sein müsste. Wenn Sie Trainer sind: Wie viele Diskussionen mussten Sie mit ihren Sportlern führen, um ihnen klar zu machen, dass man die erfolgreiche Technik eines Michael Phelps nicht einfach kopieren kann? Und wegen dieser überragenden Leistungen produzieren Weltrekorde auch immer eine gehörige Portion Unsicherheit bei vielen Beteiligten.
Lüning | Holger Lüning

Holger Lüning

Ist es denn überhaupt sinnvoll, sich die Technik der Ausnahmesportler als Vorbild zu nehmen? Schaut man sich Unterwasseraufnahmen von Michael Phelps an, so stellt man fest, dass es besonderer Fähigkeiten bedarf, genauso zu schwimmen. Das fängt bei den Körpermaßen an, die ein solcher Athlet mitbringt. Ein anderes, derzeit besonders unter Langstreckenschwimmer viel diskutiertes Vorzeigeobjekt ist der chinesische Weltrekordhalter über 1.500 Meter Freistil, Sun Yang. Die ausgeprägte Gleitphase und der über lange Zeit recht mäßige Beinschlag, könnten einen Schwimmer dazu animieren, die eigene Zugzahl zu minimieren und den Beinschlag zu vernachlässigen. Wahrscheinlich würde in 99% aller Fälle die Leistung recht deutlich sinken. Woran liegt das?

Spezielle Merkmale

Häufig vergisst man einfach, dass ein Schwimmer wie Sun Yang, mit seinen 198 Zentimetern Körpergröße und einem Gewicht von 88 Kilogramm über sehr spezifische Merkmale verfügt. Doch das ist nur ein kleiner Teil der komplizierten „Maschine Mensch“. Die Besonderheiten der Extremitäten, also die Länge der Arme, des Rumpfes und der Beine, sowie das Längenverhältnis zueinander, spielen eine sehr wichtige Rolle hinsichtlich der Eignung zu einer bestimmten Sportart und der Ausprägung einer individuell optimalen Technik.

Michael Phelps | Ist die Technik von Michael Phelps das Nonplusultra?

Ist die Technik von Michael Phelps das Nonplusultra?

Foto >Speedo

Betrachtet man nur einmal das Verhältnis aus Spannweite und Körperlänge (der sogenannten Ape-Index), so wird schnell deutlich, wie ein Schwimmer „gebaut“ sein sollte. Doch selbst wenn Sie über eine Körperlänge von zwei Metern verfügen, so bedeutet das nicht zwangsläufig, dass Sie als Schwimmer prädestiniert wären. Auf der anderen Seite spricht aber auch nichts ausdrücklich dagegen. Es ist komplizierter als man es wahrhaben möchte. Was also tun, wenn man Augenzeuge herausragender sportlicher Leistungen ist und für sich selbst eine Anregung mitnehmen möchte?

Betrachten Sie die Breite!

Denn genauso wenig wie der Laufstil des aktuellen Marathonweltrekordlers oder die Trittfrequenz eines Lance Armstrong im Vergleich zu Jan Ullrich für jeden Sportler eine sinnvolle Empfehlung darstellt, so gilt in allen Ausdauersportarten: erkennen Sie die Gemeinsamkeiten der Spitzensportler und imitieren Sie nicht den Ausnahmekönner!

Gehen Sie in die breite Betrachtung der Spitze. Interessant wird es nämlich dann, wenn Sie sich die besten Sportler der Welt anschauen. So sind beispielsweise die Endläufe von Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften für viele Experten genau der Anschauungsunterricht, der den modernen Sport in seiner besten Form präsentiert. Schaut man sich nun eben nicht nur den schnellsten Schwimmer in diesem Feld an, sondern betrachtet die besten der Welt, so lassen sich schneller Bewegungsmuster erkennen, die erfolgsversprechend sind, als wenn man ein einziges, prominentes Beispiel herauszieht. Versuchen Sie also, Gemeinsamkeiten der besten Sportler der Welt zu erkennen, und schon sind Sie als Beobachter und Analytiker auf der richtigen Spur, wenn es um die persönliche Leistungsoptimierung oder die ihrer Schützlinge geht.