Traue den alten Regeln nicht (immer)!

„Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben!“ Haben Sie diese Worte als Kind buchstäblich auf „die Palme“ gebracht? Dennoch ertappen wir uns hin und wieder dabei, alte Weisheiten einfach zu wiederholen. Was mal gut war, muss ja heute nicht verkehrt sein. Aber stimmt das wirklich?

| 6. Februar 2014 | TRAINING

Nachwuchsschwimmer | Schwimmende Kinder in Fernost.

Schwimmende Kinder in Fernost.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Als Sportler oder Trainer sind Sie auf der Suche nach dem einen Geheimnis: wie kann ich schneller werden oder wie kann ich meine Schützlinge schneller machen? Gerne blättert man in den Nachschlagewerken des Sports, um sich Anregungen für die Trainingsgestaltung zu holen. Man will ja auf keinen Fall etwas falsch machen!

Mal ganz ehrlich: Steckt nicht häufig hinter diesem Ansatz die Angst, etwas verkehrt zu machen? Bloß keine Fehler machen, lauetet die Devise, die den Trainingsverlauf und den kurz- wie langfristigen Formaufbau stören könnten. Doch wie schafft man es, ein umfangreiches Verständnis von dem zu bekommen, was man gut oder hervorragend machen möchte? Wie wäre es denn, wenn Sie den alten Regeln nicht immer blind vertrauen würden? Oder sagen wir, nur zum Teil – und die anderen Teil würden Sie selber erkunden.

Ausprobieren

Stellen Sie sich einen jungen Trainer vor, der genau das tut und dabei etwas Erstaunliches feststellt. Es geht ihm darum, die Schnelligkeitsfähigkeiten bei seinen Schwimmern zu entwickeln. Laut Lehrbuch sollte man nach einem ausgiebigen Schnelligkeitstraining eine Phase der Regeneration einschieben. In diesem Falle jedoch, wendet er dasselbe Trainingsmittel auch am Folgetag an und stellt zu seinem Erstaunen fest, dass sich die Zeiten seiner Schützlinge verbessert haben. Einen Tag später lässt er einen klassischen Stehvermögentest über 4 x 50 Meter mit zehn Sekunden Pause schwimmen. Nach fünf Minuten Pause überrascht er seine Schwimmer mit der Aufgabe, nochmals einen Schnelligkeitstest zu absolvieren. Und tatsächlich erreichen fast alle Schwimmer ihre schnellsten 25m-Zeiten in dieser Trainingswoche.

Nun sollen Sie nicht animiert sein, in jeder Woche nur ein einziges Programm zu schwimmen. Und es soll auch nicht der Eindruck vermittelt werden, bewährte Methodikreihen wären nicht mehr zeitgemäß. Und schon gar nicht erfüllt die gemachte Erfahrung den Kriterien einer wissenschaftlichen Untersuchung. Denn natürlich kann man nicht bei allen Anforderungen erwarten, dass ein Schwimmer in der Lage ist, quasi von Tag zu Tag besser mit ihnen zurecht zu kommen und damit täglich besser werden zu können. Sicher nicht! Vielleicht aber haben Sie als Schwimmer oder Trainer schon einmal ähnliche Erlebnisse gehabt und sich selber ein wenig gewundert, wie so etwas passieren kann. Die Ausnahmen von der Regel oder trauen wir uns nur zu selten etwas zu?

Alte Regeln hinterfragen

Da kommt man möglicherweise einem ganz anderen Phänomen auf die Schliche! Immer wieder entwickeln sich in kleinen Vereinen großartige Sportler, die von Trainern betreut werden, die noch nie einen Spitzensportler in ihren Reihen hatten. Trainer, die wegen teilweise enorm schwieriger Trainingsbedingungen zu echten Improvisationskünstlern geworden sind. Immer auf der Suche nach neuen Inhalten, um mit viel zu vielen Schwimmern auf einer Bahn ein interessantes und forderndes Trainingsprogramm zusammen zu stellen. Dort wo sich Routine wie von selbst verbietet, werden ganz häufig Ideen entwickelt, die nicht immer kompatibel sind mit den altbewährten Regeln.

Lüning | Holger Lüning

Holger Lüning

Ganz gleich, ob Sie Schwimmer oder Trainer sind. Stellen Sie die alten Regeln infrage. Kann man Schnelligkeit an zwei aufeinander folgenden Tagen trainieren oder nicht? Probieren Sie es einfach mal aus. Beobachten Sie die eigene Formkurve oder die Ihrer Schützlinge und fragen Sie sich, ob die Trainingsperiodisierung, wie sie seit mehr als vier Jahrzehnten weitergetragen wird, überhaupt zu Ihrem Trainingsumfeld passt. Niemand soll aufgefordert werden, ab heute alles zu ändern. Nein, im Gegenteil. Viele bewährte Erkenntnisse haben ihren Wert – aber ein wenig Auffrischung hat noch keiner Erkenntnis geschadet.