Wenn Paul Biedermann seinen Arm lang nach vorn streckt, sieht es zumindest von außen so aus, als würde der Weltrekordler gleiten.

Frank Wechsel / spomedis

Paul Biedermann
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Knowhow | 20. Juni 2013

Kontrovers Gleitwahn oder „gute Schwimmer gleiten nicht“

Holger Lüning | „Gute Schwimmer gleiten nicht“, behauptet die amerikanische Olympiasiegerin von 1996 Sheila Taormina* in ihrem Buch „Kraulschwimmen wie die Profis“. Das klingt durchaus provokativ. Und doch trifft sie ein in Schwimmerkreisen vieldiskutiertes Thema auf den Punkt. Wird das Gleiten im Schwimmen überschätzt? SWIM-Experte Holger Lüning klärt auf.
Warum spielt das Thema Gleiten in so vielen Gesprächen, Internetforen und Trainingscamps eine tragende Rolle? Wahrscheinlich weil sich besonders die vielen Seiteneinsteiger und Triathleten das visuelle Beispiel der Top-Athleten heranziehen. Und das, was man über der Wasseroberfläche zu sehen bekommt, wirkt nun mal derart leicht und schwungvoll, dass das Gleiten der richtige Ansatzpunkt sein muss, um die eigene Technik zu optimieren.
Holger Lüning
Und vielleicht spielt noch ein Argument eine Rolle. Gleiten bedeutet ja auch „nichts zu tun“ bzw. „sich auszuruhen und zu gleiten“. Der Reiz durch Passivität und Energieersparnis sogar an Tempo zuzunehmen, klingt einfach sehr verlockend. Ein perfektes Verkaufsargument für das Produkt „Gleiten“. Doch vergisst man dabei gern einen wichtigen Aspekt: wo kein Tempo, da kein Gleiten möglich!
Zum Autor
Holger Lüning (Jahrgang 1965) ist Sportwissenschaftler und Schwimmtrainer mit über 25 Jahren Erfahrung im Hochleistungssport. Als Schwimmer war er Mitglied der Bundesligamannschaft des EOSC Offenbach gewann als Mastersschwimmer zahlreiche deutsche Meistertitel. Lüning ist Dozent in der Trainerausbildung und Autor von Fachbüchern und DVDs.

Konstantes Tempo

Nehmen wir uns den Skilanglauf oder das Eisschnelllaufen als Beispiel. Auch dort gibt es Phasen des Gleitens. Doch niemand wird ernsthaft bezweifeln, dass dies auch ohne den enormen Antrieb möglich wäre. Tatsächlich ist die Gleitphase sogar nicht einmal übermäßig lang, weil es im Leistungssport auch darum geht, sich ökonomisch zu bewegen. Nur, wenn sich die Geschwindigkeitskurve relativ konstant und ohne große Ausschläge nach oben und unten darstellt, kann eine Leistung über eine längere Dauer realisiert werden.
Stellt man die Phase des Gleitens in ihrer Bedeutung und Länge nun über die Phase des Antriebs, so verliert der Schwimmer an Tempo und muss sich in der folgenden Antriebsphase mit viel Aufwand neu beschleunigen. Energetisch ein ungünstiges Szenario, welches auch keine optimale Tempoausbeute ermöglicht.

„Big Points“

Ein effektiver Antrieb, also der Unterwasserzug, ist deshalb das wichtigste Kriterium des Schwimmens. In der Reihenfolge dahinter rangiert die Wasserlage. Die Gleitphase ergibt sich aus der Optimierung der erstgenannten Parameter.
Insofern kann man sich als Schwimmer entspannen und die dauerhaften Versuche, das Becken mit immer wenigen Zügen zu durchschwimmen, durchaus reduzieren und allenfalls als Kontrollmethode einsetzen.
* Kraulschwimmen wie die Profis (24,95 Euro)
Viele Schwimmer missachten den entscheidenden Aspekt einer schnellen Kraultechnik, weil sie damit beschäftigt sind, Züge zu zählen oder Wasserlage und Gleitphase zu perfektionieren. Die viermalige Olympia-Teilnehmerin Sheila Taormina zeigt anhand simpler Berechnungen und anschaulicher Unterwasseraufnahmen von Spitzenathleten, worauf es wirklich ankommt.
Cover zu Kraulschwimmen wie die Profis von Sheila Taormina.
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