Erst fassen, dann drücken

Wasserfassen und Druckmachen – für Schwimmer sind das typische Wörter aus dem Alltag. Mitunter verbergen sich hinter solchen Fachbegriffen sogar echte Weisheiten. Wir sind dem auf den Grund gegangen.

| 18. Juni 2015 | TRAINING

Paul Biedermann im Schwimmkanal | Paul Biedermann im Schwimmkanal seines neuen Trainingszentrums in Halle (Saale)

Paul Biedermann im Schwimmkanal seines neuen Trainingszentrums in Halle (Saale)

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Viele Schwimmbücher schreiben dem sogenannten Wasserfassen eine enorme Bedeutung zu. Die Idee, die dahinter steckt: Die Antriebsflächen sollten so früh wie möglich in einen optimalen Winkel zur Vortriebs-Erzielung gebracht werden. In Schwimmerkreisen hört man in diesem Zusammenhang häufig den Begriff des "Ellbogenstellens". Diese Bewegung ist sehr spezifisch und tendenziell eher unnatürlich, was dazu führt, dass häufig eine technisch unsaubere Phase des Wasserfassens zu beobachten ist.

Um den Ellbogen hoch anzustellen, sind gut ausgebildete Kräfte, vor allem des M. latissimus dorsi (großer Rückenmuskel), notwendig. Fehlen diese spezifischen Kräfte, kommt es zu einem schwerwiegenden Technikfehler, der sich auf den gesamten Unterwasserzug auswirken kann. Dann nämlich, wenn der Ellbogen die Hand und den Unterarm nach hinten wegzieht ohne dass diese Flächen in einem optimalen Winkel zur Schwimmrichtung stehen. In diesem Falle besteht die Gefahr, dass die folgende Druckphase an Effektivität verliert. Das ist tragisch, weil Sie dort den größten Vortrieb erzeugen. Achten Sie deshalb darauf, den Beginn der Druckphase als technisches Merkmal höher einzustufen als ein vorzeitiges und möglicherweise unsauberes Wasserfassen.

Schwimmen wird zum Kraftsport

Sicher kennen Sie die Form eines Paddels aus dem Rudersport. Dort gibt es zwischen dem Hebel, also der Paddelstange, und dem Blatt kein bewegliches Gelenk. Wäre eines vorhanden, wäre es fast unmöglich, einen sauberen und effektiven Zug durchzuführen. Ein Problem, mit dem ein Schwimmer aber ständig zu kämpfen hat. So verfügt der Mensch mit dem Handgelenk über die Möglichkeit, die beiden Antriebsflächen Hand und Unterarm durch eine Beugung quasi voneinander zu trennen und ihre Impulse in verschiedene Richtungen zu bringen.

Holger Lüning | Holger Lüning

Holger Lüning

Foto >privat

Genau dieses Phänomen ist ein häufiges Problem während der Unterwasserphase. Schauen Sie sich Ihre Hand einmal separat an und heben Sie dann den gesamten Arm. Sehen Sie, wie groß die zusätzliche Unterarmfläche wird? Größer als die der Hand! Da man jedoch wegen der feineren Rezeptoren in der Handfläche deutlich stärker über die Hand empfindet und steuert, "verliert" man den Unterarm beim Schwimmen häufig. Achten Sie deshalb auf die Stabilisierung des Handgelenks in der Unterwasserphase. Können Sie diese Haltung dauerhaft stabilisieren, vergrößern Sie die Antriebsfläche und schwimmen, ohne mehr Kraft aufwenden zu müssen, deutlich schneller.

Den Druck suchen

"Bei den Spitzenschwimmern sieht das alles so leicht aus. Nur bei mir fühlt es sich so schwer an.“ Diese häufig zu vernehmende Aussage beschreibt eine nicht selten vorhandene Fehlannahme. Denn das, was man Überwasser wahrnehmen kann, ist lediglich ein Teil der Gesamtleistung. Hinzu kommt, dass diese wahrnehmbare Schwungphase der Erholung dient. Würde dies angestrengt aussehen, so würden die beobachteten Schwimmer auch etwas falsch machen.

Der große Unterschied wird klar, wenn man sich die Unterwasserphase ansieht. Denn hier wird Schwimmen zum Kraftsport. Nicht ohne Grund sind die besten Schwimmer zum Teil sehr muskulös. Allein die Erzeugung von Vortrieb im zähen Medium Wasser erfordert hohe spezifische Kräfte. Im Umkehrschluss heißt das: Suchen Sie den Druck in der Unterwasserphase und arbeiten Sie gegen ihn. Nur wenn Sie kraftvoll und mit hohem Impuls gegen das Wasser drücken, können Sie effektiv Vortrieb erzeugen. Je höher die Geschwindigkeit Ihrer Hand gegen das Wasser ist, desto "härter" wird das Wasser. Genau das ist Ihre Chance, schneller zu schwimmen!