Ein Schwimmer trainiert mit dem Schwimmbrett seinen Beinschlag.

Frank Wechsel / spomedis

Ein Schwimmer trainiert mit dem Schwimmbrett seinen Beinschlag.
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Knowhow | 11. Juli 2013

Techniktraining Du kannst nicht immer gut aussehen

Holger Lüning | Es ist ein weit verbreiteter Glauben, dass man technische Aufgaben nur so lange trainieren sollte, wie man auch in der Lage ist, sie optimal umzusetzen. Vielleicht gibt es aber auch einen zweiten Weg, der uns im Wasser voran bringt.
„Macht es Sinn, mit einem Training fortzufahren, wenn die Technik aufgrund der Erschöpfung nicht mehr in der Idealform aufrecht erhalten werden kann?“ So lauten häufige Fragestellungen von Sportlern, die für sich selber trainieren und eher selten auf das Feedback eines Trainers zurückgreifen können.
Jeder Sportler wird das Gefühl kennen, wenn man einfach nicht mehr in der Lage ist, die Technik sauber auszuführen. Im Schwimmen fällt dann schnell der Ellenbogen oder der Abdruck endet, statt am Oberschenkel, schon auf Hüfthöhe. Das sind keine schönen Momente als Sportler, weil man ahnt, wie diese mangelhafte Darbietung auch visuell durch andere wahrnehmbar ist. Da ist man als Sportler geneigt, auch mal frühzeitig das Training zu beenden, wenn es keinen Trainer gibt, der ein deutliches Veto einlegt.

Wichtige Komponente: Sensomotorik

Auch die Trainingsratgeber sprechen eine einheitliche Sprache. Nur in ausgeruhtem Zustand sei es sinnvoll, neue Bewegungen einzustudieren oder komplizierte Abläufe zu festigen. Vom Grundprinzip ist das natürlich vollkommen korrekt und einleuchtend. Nur wer mental und körperlich frisch ist, kann sich auf komplexe Situationen adäquat einstellen.
Besonders im Schwimmen kommt aber noch eine weitere Komponente hinzu. Sie nennt sich Sensomotorik und umschreibt die Fähigkeit, das Wasser effektiv zu greifen und ein sehr gut ausgeprägtes Gefühl der eigenen Bewegung zu haben. Nur wer das Wasser richtig fühlt, kann das komplizierte Geflecht aus technischer Anforderung, passender Wasserlage und optimal koordinierter Bewegungen der Extremitäten in idealer Weise ansteuern und umsetzen.
Holger Lüning
Doch Gefühl prägt sich häufig auch erst mit einem lang andauernden Eintreffen von Signalen aus den sensorischen Systemen aus. Was in der Praxis, besonders der Ausdauersportarten, bedeutet: man muss sich Zeit nehmen, um ein Bewegungsgefühl zu bekommen. Deshalb muss es ab und zu auch die klare Anforderung sein, dieses Gefühl gezielt in Krisensituationen zu erleben. Mitunter wird das kinästhetische Erlebnis sogar nachhaltiger als immer nur in ausgeruhtem Zustand an der Technik zu feilen.
Zum Autor
Holger Lüning (Jahrgang 1965) ist Sportwissenschaftler und Schwimmtrainer mit über 25 Jahren Erfahrung im Hochleistungssport. Als Schwimmer war er Mitglied der Bundesligamannschaft des EOSC Offenbach gewann als Mastersschwimmer zahlreiche deutsche Meistertitel. Lüning ist Dozent in der Trainerausbildung und Autor von Fachbüchern und DVDs.
Erschöpfung ist ein gewollter Zustand. Man kann fast sagen, das Ziel der meisten Trainingseinheiten. Wenn die Kraft den Körper verlässt, muss das Gefühl dafür sorgen, dass die Technik ökonomisch wird. Interessant ist in solchen Trainingssituationen, wie intelligent der Organismus mit solchen Krisen umgeht. Dann empfängt das Gehirn plötzlich andere Informationen als das im ausgeruhten Zustand der Fall ist. Insgesamt führt dieses Wechselspiel an Informationen auch dazu, dass die vorhandenen Ressourcen noch sinnvoller eingesetzt werden.

Feingefühl erwerben

In einem Training kann dieser Umstand genutzt werden, um am Ende einer Einheit noch einmal ganz gezielt technische Übungen einzusetzen. Das über die Dauer des Trainings erworbene Feingefühl kann nämlich genau dann helfen, das Wasser noch besser greifen zu können und somit die technischen Aufgaben noch effektiver umsetzen zu können.
Auch wenn die gesamte Performance, sprich Schwimmgeschwindigkeit, vielleicht nicht mehr der Zielsetzung entspricht, so können genau die Momente, in denen man sich als Sportler nicht mehr ganz so frisch fühlt, genau die Momente sein, in denen man neues Bewegungswissen sammelt. Wenn Sie diese Situation regelmäßig, sicher nicht zu häufig, bewusst provozieren, können Sie oder Ihre Schützlinge genau dieses Wissen in die nächsten Einheiten und Trainingsaufgaben transferieren.
Ab und zu sollte man sich einfach von bewährten Regeln und Empfehlungen trennen. Besonders im Schwimmen, Radfahren oder auch Laufen kommt es nicht auf technische Perfektion, wie z.B. beim Kunstturnen, an. Vielmehr geht es um das persönliche Optimum. Und um genau das zu erkennen und zu erspüren, ist es gar nicht immer von Vorteil, ausgeruht zu sein. Dann neigt man dazu, die Bewegung sehr stark zu kontrollieren anstatt sie „laufen zu lassen“.
Und dann besitzt die Überschrift auch ihre Berechtigung, wenn es um technisches Training geht: „Du kannst (und sollst) nicht immer gut aussehen!“

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