Knowhow | 5. April 2011

Im Haifischbecken Die richtige Vorbereitung für das Open-Water-Schwimmen

Holger Lüning | Es geht um mehr als ein paar Sekündchen. Eine optimale Vorbereitung auf das Schwimmen im offenen Gewässer kann den Verlauf des gesamten Rennens prägen. So gehen sie gut gerüstet an den Start.
Schon in den ersten Augenblicken eines eines Open-Water-Wettkampfes offenbart sich die Sonderstellung des Schwimmens. In keiner anderen Disziplin erleben die Sportler etwas Vergleichbares wie den Massenstart. Ein explosiver Start und hohe Intensitäten kennzeichnen den ersten, das Aufrechterhalten einer hohen Geschwindigkeit den zweiten und ökonomisches Schwimmen den dritten Teil des Schwimmens im offenen Gewässer. Während der Schwimmer im Becken in aller Ruhe seine Bahnen ziehen kann, hat er im Open Water mit Konkurrenten zu kämpfen, muss Ausweichmanöver und Geschwindigkeitskorrekturen vornehmen. Alles in allem verlangt das Open-Water-Schwimmen einen sehr anpassungsfähigen Athleten. Aber der Reihe nach…

Die Waschmaschine

Es ist nicht nur die hohe Beschleunigungsenergie, die Sie beim Open-Water-Schwimmen gleich zu Beginn aufbringen müssen. Zugleich kämpfen Sie mit vielen anderen um Plätze, den kräftesparenden Wasserschatten und den kürzesten Weg zum Ziel. Ambitionierte Sportler haben zudem immer auch die Gruppe im Auge, die sie unbedingt erwischen müssen, um „vorn dabei“ zu sein. Zwangsläufig ergeben sich aus diesen Beanspruchungsformen auch die Hauptaufgaben für Ihr Training.
Das Schwimmtraining für Wettkämpfe im Freiwasser ist wesentlich intensiver als das Rad- oder Lauftraining, das sie eventuell als Triathlet ebenfalls absolvieren. Der Anteil des anaeroben Trainings nimmt einen größeren Stellenwert ein, um auch im ermüdeten Zustand auf Tempoveränderungen reagieren zu können. Genauso wichtig ist eine Belastungssimulation der Startphase. Je besser Ihr Organismus lernt, mit dieser Situation zurecht zu kommen, desto entspannter erleben Sie die Startphase. Doch nicht nur das. Außerdem kommen Sie auch schneller aus dem Gewühl heraus, schwimmen sich frei und können Ihren Rhythmus schneller finden. Gute Gründe also, im Training ab und zu an Ihre Grenzen zu gehen.

Im eigenen Rhythmus

Es ist die typische Situation an der Wende­boje: Das Feld drängt sich zusammen, das Tempo steigt im Kampf um die Ideal­linie. Auf diese taktische Phase sollten Sie sich vorbereiten, die Übungen können in spielerischer Version ins Training integriert werden. Auch ein Testwettkampf im Freiwasser kann Ihnen zusätzliche Sicherheit geben.
Oberstes Gebot – bei allen taktischen Finessen – ist das Finden Ihres eigenen Rhythmus‘. Gerade in der Anfangsphase werden Sie geneigt sein, ein zu hohes Tempo anzuschlagen, für das Sie am Ende teuer bezahlen könnten. Auch wenn Sie schon zu Beginn immer wieder Kollisionen mit anderen Sportlern hatten oder Schläge einstecken mussten: Sie sollten sich immer vergegenwärtigen, dass dies nicht aus Absicht geschah und jeder Sportler für sich genug zu kämpfen hat. Also, nicht lange über die Gegner ärgern, sondern fokussiert auf den eigenen Rhythmus bleiben. Nur so können Sie Ihre Leistung abrufen und das Rennen ökonomisch gestalten. Ein wichtiger Aspekt beim Open-Water-Swimmen!

Kleine Bojen, hohe Häuser

Ein aufmerksames Studieren des Streckenverlaufs bringt viele Vorteile. Erstens können Sie so schon im Vorfeld Ihre eigene Strategie entwickeln, zweitens im Rennen besser reagieren, wenn Sie doch einmal von der Ideallinie abkommen sollten. Besondere Merkmale am Ufer oder in Ufernähe (beispielsweise Gebäude, Werbetafeln, Bademeisterhaus, Baumgruppen) eignen sich sehr gut zur groben Orientierung. Gerade zu Beginn des Rennens ist es oft sehr schwierig, über die Badekappen der Konkurrenten hinweg die nächsten Bojen zu erkennen. Ein höheres Gebäude am Ufer hingegen bleibt die ganze Zeit gut sichtbar.
Um den besten Ausstiegsweg aus dem Wasser zu finden, sollten Sie sich schon vor dem Wettkampf den Zielbereich genau einprägen. Zudem hilft es, während des Einschwimmens den Ausstieg kurz zu simulieren. So bekommen Sie einen Eindruck davon, wie Sie sich vom Wasser aus in diesen Bereich bewegen.

Schwimmer-Hardware

Ganz oben auf Ihrer Ausrüstungsliste steht natürlich der Neoprenanzug, ein Hilfsmittel, das man in mitteleuro­päischen Breitengraden nur selten vergisst. Anders sieht es mit Schwimmbrillen aus. Beim Schwimmen unter freiem Himmel ist es immer empfehlenswert, zwei Brillen mit unterschiedlicher Glaseinfärbung einzupacken. Je nach Grad der Sonneneinstrahlung wählen Sie das geeignete Modell.
Routinemäßig sollten Sie auch immer eine zusätzliche Badekappe im Gepäck haben: gegen zu starken Wärmeverlust im kalten Wasser oder falls der Veranstalter mal keine Mützen ausgibt. Um unangenehme Scheuerstellen durch den Neoprenanzug zu verhindern, helfen Salben oder Cremes zum Schutz der beanspruchten Hautpartien.
Jetzt sind Sie für das Schwimmen im Freiwasser bestens gerüstet und es gibt nicht mehr viel, das Sie noch aus der Ruhe bringen könnte. Begeben Sie sich nun rechtzeitig vor dem Startschuss an die ­Position, die Sie sich in realistischer Ein­schätzung Ihrer eigenen Leistungsfähigkeit vorher ausgesucht haben. Beste Voraussetzungen, um sich im Rennen ganz auf sich selbst konzentrieren zu können.