Das Prinzip des Polarized Trainings

Diese Situation kennen Sie bestimmt: Unter Zeitdruck starten Sie zu einer Trainingseinheit ohne rechte Idee, was Sie erreichen wollen. Man fängt meistens verhalten an und ehe man sich versieht, kommt man dem Trainingsende näher. Also schnell noch die Intensität kurzfristig angehoben, um wenigstens zum Ende hin noch einmal richtig außer Atem zu geraten. Denn schließlich hat man nur dann das Gefühl, „ordentlich“ trainiert zu haben.

| 13. März 2014 | TRAINING

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Polarized Training

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Das Prinzip des Polarized Trainings

Da sind Sie schön in die Falle getappt, würde der Sportwissenschaftler Stephen Seiler zu Ihnen sagen. Voll hinein in das Black-Hole-Training, wie es der amerikanische Forscher nennt. Langsame Einheiten werden seiner Erfahrung nach nämlich meistens zu intensiv absolviert und intensive Einheiten aufgrund der fehlenden Frische mit reduzierter Leistung und Wirkung.

Lüning | Holger Lüning

Holger Lüning

Unerklärlicher Leistungseinbruch

Ausgangspunkt dieser Beobachtungen war eine anhaltende Formschwäche des norwegischen Olympia-Medaillengewinners Olaf Tufte. Der Ruderer litt, obwohl er sein Training scheinbar optimal durchführte, unter einem unerklärlichen Leistungseinbruch. Auch die Untersuchung seiner physiologischen Werte ließ keine Hinweise auf eine Erkrankung erkennen.

Bis Seiler, zu dem Zeitpunkt an der Universität in Kristiansand beschäftigt, erkannte, dass Tufte einen neuen High-Tech-Ruderergometer für seine regenerativen Trainingseinheiten nutzte. Offenbar war der Sportler von seinem neuen Sportgerät derart begeistert, dass er im Überschwang der Freude in einem höheren als dem vorgesehenen regenerativen Intensitätsbereich trainierte.

Geradewegs in eine Formschwäche

Damit war Tufte für die Schlüsseleinheiten nicht mehr ausreichend erholt und konnte die erforderlichen Intensitäten nicht mehr mobilisieren. Dieser anhaltende Zustand beförderte ihn geradewegs in eine Formschwäche, die sich auflöste, nachdem man das Übel identifiziert hatte und das Trainingsregime genauer kontrollierte. Tufte konnte noch im selben Jahr Weltmeister werden und gewann in Athen und Peking die Goldmedaille im Einerrudern.

Doch wie definiert man nun den offenbar zu meidenden Trainingsbereich für die eigene Praxis? Seiler sieht den kritischen Punkt im Herzfrequenz-Bereich der anaeroben Schwelle zuzüglich sechs Prozent. Dieses Schema nahm Seiler auch als Grundlage für eine Untersuchung an zwölf spanischen Läufern nationaler Klasse, die er zusammen mit dem Lauftrainer Jonathan Esteve-Lanao über einen Zeitraum von fünf Monaten vornahm. Eine Gruppe absolvierte einen größeren Teil des Trainingsvolumens, nämlich 25 Prozent, im Black-Hole-Bereich, während die zweite Gruppe nur zwölf Prozent auf das Training in diesem Bereich verwandte. Das Ergebnis war überzeugend.