Stress nach Plan Das perfekte Timing für erfolgreiches Training
Dauer- oder Intervallmethode, Kraftausdauer- oder Tempotraining. Im Trainingsalltag wird die Wirkung dieser Methoden viel diskutiert. Weniger bekannt ist allerdings, wie der zeitliche Aufbau eines Trainingsplans aussehen sollte. Auf welchen wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht der Wechsel von Be- und Entlastung, warum sollen Sie nach drei Wochen Training in der vierten Woche eine Erholungswoche einlegen? Oder warum ist es gerade nach einem Trainingslager so wichtig, dass Sie erstmal "einen Gang herausnehmen"?
Die verschiedenen Phasen eines Jahrestrainingsplans – Vorbereitungsperiode I und II, Wettkampfperiode, Übergangsperiode – werden in der Regel in sogenannte Mesozyklen von vier bis sechs Wochen Dauer unterteilt. Dabei folgt auf drei in Intensität oder Umfang ansteigende Trainingswochen eine Ruhewoche mit deutlich reduziertem Trainingsumfang (3:1-Schema). Die einzelnen Trainingswochen (Mikrozyklen) sind dann oftmals nach dem Muster drei Tage Training, ein Tag Ruhe, zwei Tage Training, ein Tag Ruhe (3:1+2:1-Schema) unterteilt, wobei hier viel mehr Gestaltungsspielraum besteht.
Profisportler, die ihre Trainingswoche völlig frei gestalten können, verfolgen in ihrer Trainingsplanung oft Schemata, die sich von der kalendarischen Woche komplett lösen. Es gibt unter ihnen Athleten, die konsequent nach dem 3:1-Rhythmus trainieren, auf drei Tage Training folgt also ein Tag Ruhe. Andere trainieren in einem 6:1-Rhythmus (sechs Tage Training, ein Tag Ruhe).
Eine Frage des (Un-)Gleichgewichts
Training verfolgt immer das gleiche übergeordnete Ziel: die Steigerung der psycho-physischen Leistungsfähigkeit. Dabei passt sich der Körper mittel-und langfristig an die Belastung an, er adaptiert. Dahinter steckt eine schlichte Überlebensstrategie: Durch die Anpassung an sich wiederholende Belastungen versucht der Organismus, gefährliche Überlastungen zu vermeiden.
In Ruhe befinden sich die Funktionssysteme des Körpers (Herz-Kreislauf-System, Atmung etc.) in einem Gleichgewichtszustand, der Homöostase. Sportliche Belastungen stören diesen Zustand, es entsteht ein Ungleichgewicht, die Heterostase. Der Körper ist stets bemüht, den Zustand der Homöostase so schnell wie möglich wieder herzustellen. Kurzfristig stehen ihm dafür verschiedene funktionelle Regelmöglichkeiten zur Verfügung.
Dazu gehört zum Beispiel der Anstieg der Herzfrequenz auf über 200 Schläge pro Minute. Eine natürliche Leistungsreserve des Körpers, aber auch eine unökonomische Lösung, denn der Herzmuskel verbraucht in dieser Zeit eine Menge Energie. Auch eine heftige Atmung verbraucht im schnell ermüdenden Zwerchfell und der Zwischenrippenmuskulatur viel Energie. Wiederholen sich solche Belastungen regelmäßig, versucht der Organismus seine Beanspruchung zu reduzieren, indem er seine Arbeitsweise ökonomisiert. Dazu gehören zum Beispiel die Ausbildung eines Sportherzens (Vergrößerung des Herzmuskels), die Kräftigung der Atemmuskulatur, die Vergrößerung der Energiespeicher in Muskelzellen und Leber sowie das ökonomischere Zusammenspiel von Nerven und Muskeln.
Um diese körperliche Anpassungsfähigkeit im sportlichen Training zu nutzen, werden dem Körper energetische und neuromuskuläre Engpässe künstlich aufgezwungen. Erst dann vergrößert der Körper nach und nach die Größe des Energiepotenzials und passt die Arbeit seines neuromuskulären Systems an. Dabei ist es sinnvoll, Belastungen in verschiedener Intensität anzuwenden, da dies den Anpassungsprozess beschleunigt.
Ungleichzeitigkeit der Anpassung
Die verschiedenen Anpassungsvorgänge benötigen unterschiedlich viel Zeit. In der Wissenschaft wird dies als Heterochronizität der Adaptation bezeichnet. Hier liegt der Schlüssel zum tieferen Verständnis des Aufbaus der Mesozyklen im Trainingsplan. Ihre Dauer entspricht dem Zeitraum, der nötig ist, bis alle Systeme auf einem höheren Funktionsniveau angekommen sind – nach heutiger Vorstellung etwa vier bis sechs Wochen. Die Anpassung verläuft nach diesem Modell in vier Stufen:
Stufe 1 – Ökonomischere Bewegungen
Bereits in der ersten Woche kommt es zu Veränderungen im motorischen Steuerprogramm: Die Bewegungen werden flüssiger und effizienter, Muskeln, die an der Bewegung nicht direkt beteiligt sind, entspannen sich, unnötige Mitbewegungen werden unbewusst oder bewusst eingeschränkt. Der Gesamtenergieverbrauch nimmt dadurch ab, die muskuläre Ermüdung setzt später ein und die Homöostase kann länger aufrecht erhalten werden. Gleichzeitig steigt die Aktivität wichtiger Enzyme des Energiestoffwechsels, die Energieversorgung der beanspruchten Muskulatur wird verbessert. Dieser Prozess dauert etwa sieben bis zehn Tage.
Stufe 2 – Größere Speicher, wachsende Muskeln
Wiederholtes Training in kurzen Abständen sorgt im Muskel für energetische Engpässe. Der Vorrat an Glykogen erschöpft und liegt ab dem zweiten Trainingstag weit unterhalb der maximalen Speicherkapazität. Der Körper registriert den stetigen Mangel und reagiert mit einer Vergrößerung der Energiespeicher in der belasteten Muskulatur. Parallel dazu setzt das Muskelwachstum, die sogenannte Muskelhypertrophie, ein. Auslöser dafür ist, dass während des Trainings immer wieder Feinstrukturen des Muskels verletzt oder zerstört werden. Dies wiederum aktiviert den Prozess der Muskelfaserneubildung. Das bekannte Phänomen des Muskelkaters ist ein fühlbares Zeichen dieser Reparaturprozesse.
Für die Erhöhung der muskulären Leistungsfähigkeit stellen der Energiemangel und der Strukturverschleiß die entscheidenden Reize dar. Das erklärt zum Beispiel den ausgeprägten Trainingseffekt überlanger Dauerläufe. Wachstum der Energiespeicher und Muskelhypertrophie benötigen einen Zeitraum von mindestens 20 Tagen.
Glykogen
Glykogen ist ein langkettiges Zuckermolekül. Es dient der kurz bis mittelfristigen Speiche rung und Bereitstellung des Energieträgers Glukose im menschlichen Organismus und wird in Leber und Muskelzellen bei einem Überangebot von Kohlenhydraten aufgebaut. Muskelglykogen wird sportartspezifisch jeweils in der beanspruchten Muskulatur gespeichert, andere Muskeln können auf diese Vorräte nicht zugreifen. Die Größe der Muskelglykogen speicher kann durch Training auf das Doppelte zunehmen, von circa 200 auf über 400 Gramm insgesamt. Als Faustregel gilt, dass diese Menge für rund 60 bis 90 Minuten sportlicher Höchstleistung reicht.
Stufe 3 – Neues Zusammenspiel
Die dritte Stufe betrifft hauptsächlich die effektivere Abstimmung der Systeme untereinander. Dieser selbststeuernde (autoregulative) Prozess ist bei gerade erfolgter Zunahme der Muskelkraft, bei veränderter nervöser Ansteuerung und bei Vergrößerung der Energiespeicher eine sensible Phase. Falsch gesetzte Trainingsreize können diese Stufe der Anpassung in der vierten Woche des Mesozyklus empfindlich stören.
Sowohl der Umfang als auch die Intensität sollten daher in dieser Phase deutlich sinken. Als Faustregel gilt eine Verringerung der Gesamtbelastung um mindestens 30 Prozent. Besonders intensive und energetisch belastende Reize (harte Intervalleinheiten mit hohen Laktatkonzentrationen, überlange Trainingseinheiten mit starker Glykogenentleerung) sind in dieser Phase kontraproduktiv. Der reduzierte Gesamtenergieumsatz wirkt positiv auf die Anpassungsprozesse.
Nach etwa 30 Tagen ist die Feinabstimmung der leistungsbegrenzenden Systeme abgeschlossen.
Stufe 4 – Integration der Systeme
Nun folgt die Stabilisierung des höheren Leistungsniveaus. Dazu muss die leistungsfähigere Muskulatur in die zentralen Steuerhierarchien (Hormon- und Immunsystem, autonomes Nervensystem) integriert werden. Stressreaktionen laufen gemäßigter ab, die Steuerung wichtiger Organfunktionen (z.B. des Magen-Darm-Trakts) wird auf die sportlichen Anforderungen abgestimmt. Diese Transformation in die sportartspezifische Leistung erfordert wiederholte intensive Belastungen wie zum Beispiel Testwettkämpfe. Wenn Profis davon sprechen, sich erst noch die nötige Wettkampfhärte holen zu müssen, meinen sie in der Regel genau dieses Phänomen. Die zentrale Integration dauert etwa zwei Wochen.
Zeitplan ist genetisch festgelegt
Vier bis sechs Wochen Training sind ein langer Zeitraum. Vielleicht spüren Sie nun den Wunsch, diesen Prozess der Anpassung durch noch mehr Training zu beschleunigen. Genau dies jedoch wäre falsch. „In der Trainingspraxis ist die Vorstellung verbreitet, Anpassungsprozesse seien durch zweckmäßiges Training zu beschleunigen“, weiß der Trainingswissenschaftler Prof. Dr. Georg Neumann. „Offensichtlich ist aber der zeitliche Verlauf der Anpassung an genetisch vorgegebene Prozesse gebunden, so dass deren Beschleunigung eine Wunschvorstellung ist“, sagt der Autor eines der Standardwerke der Trainingsliteratur.
Die inhaltliche Ausgestaltung des Trainings bestimmt, wie nahe Sie dem Optimum der möglichen Trainingserfolge kommen. Ein gut aufgebauter Trainingsplan generiert innerhalb von sechs Wochen Training sicher eine umfassendere Anpassung als ein monotoner, nicht auf individuelle Bedürfnisse abgestimmter Plan. Der exakte zeitliche Ablauf der Anpassung ist dabei nicht auf den Tag genau zu bestimmen. Weil sich im laufenden Trainingsprozess viele Wirkungen und Effekte überlagern, ist das einzige sichere Maß für die Abschätzung der bereits erreichten Anpassung die sportliche Leistungsfähigkeit selbst. Testwettkämpfe und Leistungsüberprüfungen im Training zeigen Ihnen, ob Sie auf dem richtigen Weg sind.
In der Ruhe liegt die Kraft
Bei der Planung Ihres Trainingslagers ist es wichtig, dass Sie den zeitlichen Ablauf der Anpassungsvorgänge im Hinterkopf haben, wenn Sie den größtmöglichen Erfolg erzielen wollen. Nur eine realistische Planung von Umfang und Intensität unter Berücksichtigung Ihres individuellen Ausgangsniveaus kann verhindern, dass Sie ins Übertraining geraten, sich verletzen oder erkranken. Legen Sie nach Ihrem zweiwöchigen Trainingslager eine Ruhewoche ein, um dem Körper die Gelegenheit zu geben, die Reize zu verarbeiten. Spätestens jetzt haben Sie die nötigen Argumente in der Hand, wenn Sie in der Erholungswoche einmal das schlechte Gewissen packen sollte.











