Machen Sie dem Fettstoffwechsel Beine

Fett ist langsam, Zucker macht schnell, so die weit verbreitete Auffassung unter Trainern und Sportlern. Intensives Training mit leeren Glykogenspeichern sei daher Zeitverschwendung. Studien aus Großbritannien belegen das Gegenteil.

| 17. April 2012 | TRAINING

Müsli | Schon gefrühstückt? Wenn der Fettstoffwechsel optimal trainiert werden soll, muss das Müsli warten.

Schon gefrühstückt? Wenn der Fettstoffwechsel optimal trainiert werden soll, muss das Müsli warten.

Foto >Silke Insel / spomedis

Machen Sie dem Fettstoffwechsel Beine

Vor knapp fünf Jahren sorgte die Studie einer dänischen Forschergruppe um die Stoffwechsel-Expertin Anne K. Hansen in Fachkreisen für Furore. Das Team des Copenhagen Muscle Research Center hatte nachgewiesen, dass die Beinmuskulatur bei Radfahrern ein höheres Leistungsniveau erreichte, wenn sie mit aufgebrauchten Glykogenreserven trainiert wurde. Nach einem komplizierten Trainings- und Ernährungsplan belasteten die Probanden eines ihrer Beine auf diese Weise, das andere bei gleichem Programm mit vollen Glykogenspeichern. Das Ergebnis war überraschend. Nach zehn Wochen war nicht nur die maximale Leistung des „glykogenarm“ trainierten Beins geringfügig höher als jene der Gegenseite. Vor allem die Kraftausdauer, jene Zeit, die das Bein 90 Prozent seiner Maximalleistung erbringen konnte, lag um mehr als 70 Prozent höher.

Hunger vor dem Härtetest

Trotz der eindrucksvollen Ergebnisse – die Skepsis bei Wissenschaftlern und Trainern war nicht nur deshalb groß, weil sie mehr als 40 Jahre alte Konzepte über den Haufen zu werfen schien. Hansen hatte ihre Untersuchungen an Untrainierten durchgeführt, es war also keineswegs sicher, ob die Muskulatur bei Sportlern, die bereits ein hohes Anpassungsniveau erreicht hatten, in der gleichen Weise reagieren würde. Zudem konnte Hansen zunächst keine plausible Erklärung für ihre Studienergebnisse bringen. Zwar deutete alles darauf hin, dass sich durch den Mangel am „schnellen Treibstoff Zucker“ der Fettstoffwechsel in der glykogenverarmten Muskulatur als alternativer Weg der Energieerzeugung stärker entwickelt hatte. Fett, beziehungsweise dessen zur Energiegewinnung herangezogene Bestandteile, die Fettsäuren, gelten jedoch als vergleichsweise „langsame“ Energiequelle, ideal für Ausdauerleistungen auf einem deutlich geringeren Niveau als die in Hansens Ergometerstudien ermittelten Leistungen. Es musste also einen bisher noch unbekannten Mechanismus in der Muskelzelle geben, der die bisher bekannten Wege der Energieerzeugung veränderte.

Fünf Jahre nach Hansens aufsehen erregenden Ergebnissen stützt jetzt eine Studie aus Großbritannien die Ergebnisse aus Dänemark – und liefert erste Erklärungen. Anders als die Forscher in St. Louis führte Carl Hulston seine Untersuchungen im „Performance Lab“ der Universität von Birmingham in England an Leistungssportlern durch. Auch verglich er nicht die beiden Beine seiner Probanden, sondern ließ seine 14 gut trainierten Radsportler in zwei Gruppen ein identisches Ergometer-Trainingsprogramm absolvieren: Drei Tage pro Woche 100 Minuten gleichmäßiges Ausdauertraining bei 70 Prozent der maximalen Sauerstoffaufnahme zum Entleeren der Glykogenspeicher, am jeweiligen Folgetag dann ein hochintensives Intervalltraining von acht Mal fünf Minuten Dauer an der absoluten Belastungsgrenze – „all out mit jeweils einer Minute Erholung zwischen den Belastungen“, wie es in Hulstons Protokoll wörtlich heißt. Der einzige Unterschied zwischen den beiden Gruppen lag in der Ernährung: Während die eine Gruppe vor den intensiven Intervalltrainingseinheiten eine hoch-kohlenhydrathaltige Diät („High Carb“) verordnet bekam, musste die andere Gruppe nach einer „Low-Carb“- Diät mit leeren Glykogenspeichern zum Härte test antreten.