Das entscheidende dritte Teilstück

Wenn Sie Bestzeit schwimmen wollen, brauchen Sie mehr als gutes Training und einen perfekten Tag. Mit unseren Tipps verbinden Sie Taktik und Können zur erfolgreichen Strategie.

| 13. April 2017 | TRAINING

Zwei Topschwimmer kämpfen bei Olympia um den Sieg.

Zwei Topschwimmer kämpfen bei Olympia um den Sieg.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Der Gipfel erscheint in Sichtweite

Endlich, das letzte Viertel! Schon im Vorfeld haben Sie sich die Etappen in vier gleich lange Etappen zurecht gelegt, um Ihre persönlichen Ressourcen besser einschätzen zu können. Jetzt ist es bald geschafft! Der Gipfel erscheint bereits im Sonnenlicht. Nun ist es fast egal, wie es um Sie steht, denken Sie bei sich. Hinunter fahren sowieso alle mit der Bergbahn, also noch einmal alle Reserven mobilisieren. Mithalten! Kräftige Schritte und ein dynamischer Abdruck bringen Sie nach oben. Zwar spüren Sie deutlich, wie sich die Reserven dem Ende zu neigen. Dennoch, oder gerade deswegen, gehen Sie nochmals einen Schritt schneller. Mit dem guten Gefühl, alles gegeben zu haben, stehen Sie auf dem Gipfel. Geschafft – im doppelten Wortsinn!

Würden Sie glauben, dass es zwischen einem 100-Meter-Sprinter im Schwimmen und einem Bergsteiger Parallelen gibt? Nein? Dabei sind Sie doch offensichtlich, wenn man sich, wie in diesem Beispiel, in die Gefühlswelt der Sportler hineinversetzen könnte. Dort wo die Gedanken innerhalb eines vielleicht sechzig Sekunden langen Rennens im Schwimmbecken umher rasen, haben Sie bei einer mehrstündigen Gipfeltour deutlich mehr Zeit, ihre Wirkung zu hinterlassen. Ihre Bedeutung und ihr Einfluss auf die Leistung ist jedoch identisch. Das dritte Teilstück scheint es zu sein, welches dem Ausdauersportler besonders viel abverlangt.

Sicherheit und Optimismus zu Beginn

Wie ist das in Ihren Rennen? Kennen Sie das Gefühl? Als 200-Meter-Schwimmer beispielsweise gehen die ersten 100 Meter, sofern man sich in guter Verfassung befindet, immer sehr gut. Der Startsprung ist voller Dynamik, der Übergang in die ganze Lage verläuft planmäßig, die ersten Züge sind druckvoll. Sie sind vorne mit dabei. Sicherheit, Optimismus und Souveränität macht sich breit. Dann geht es in das dritte Teilstück. Sie spüren das offensive Angangstempo, sehen zudem auch, wie Sie die eigene Renngestaltung zunehmend an der Ihrer Mitbewerber orientieren und ausrichten. Dranbleiben und die Kontrolle behalten! So klingt es immer lauter. Die Leichtigkeit schwindet der Erschöpfung. Wende bei 150 Metern. Endlich – Endspurt. Alles geben! Keine Taktik mehr, nur noch Vollgas bis zum Anschlag. Geschafft!

Paul Biedermann schrammte über 200 Meter knapp an einer Medaille vorbei.

Paul Biedermann schrammte über 200 Meter knapp an einer Medaille vorbei.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

So oder so ähnlich entwickelt sich das interne Zwiegespräch zwischen dem „Leistungsforderer“, Ihren Motivationszentren im Gehirn und dem Leistungserbringer, Ihren Organen und der leistungsrelevanten Muskulatur. Zwar helfen Strategien, um im entscheidenden Moment geistig wach zu sein und die Signale der Erschöpfung im gesunden Rahmen zu ignorieren. Blickt man einmal in das Szenario dieses Dialogs hinein, so scheint es sogar unbedingt notwendig, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, diese Rennmomente nach den eigenen Vorstellungen gedanklich steuern zu können. Mentales Training ist folgerichtig für Wettkampfsportler ein essentieller Bestandteil des leistungsorientierten Trainingsplans.

Das Gehin als Leistungsbegrenzer

Kein Wunder also, wenn Spitzensportler ihre eigenen Mentaltrainer und Psychologen beschäftigen, um Körper und Geist auf Top-Leistung zu trimmen. Immer mehr setzt sich besonders im Ausdauersport die Erkenntnis durch, wie wichtig das Gehirn als individueller Leistungsbegrenzer ist. „Im dritten Viertel kommt es drauf an“, hört man Sportler und Trainer immer wieder sagen. In den Endläufen der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro über 200 Meter Freistil ist dieses Phänomen gut zu beobachten.