"Ambitionierte Masters sind besonders gefährdet"

Physiotherapeutin Margarete Esser hat der Schwimmerschulter den Kampf angesagt. Die aktive Mastersschwimmerin sagt: "An zusätzlichem Ausgleichstraining an Land führt kein Weg vorbei."

| 19. Juli 2017 | TRAINING

Jeder zweite Schwimmer hat in seiner aktiven Zeit mindestens einmal mit der Schwimmerschulter zu kämpfen.

Jeder zweite Schwimmer hat in seiner aktiven Zeit mindestens einmal mit der Schwimmerschulter zu kämpfen.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Frau Esser, wie häufig tritt das Phänomen Schwimmerschulter auf? Die Schwimmerschulter ist ein häufiges Beschwerdebild im Schwimmsport und tritt bei mindestens 50 Prozent der Schwimmer auf. Hildalgo-Lozano ermittelte 2011 eine Inzidenz von 42 bis 73 Prozent, zu ähnlich hohen Ergebnissen kommen auch die älteren Studien.

Welche Ursachen gibt es? Außer beim Brustschwimmen, kann es bei jeder Schwimmart zu einer Schwimmerschulter kommen. Ursache dafür ist ein Missverhältnis in der Schultermuskulatur. Die Innenrotatoren sind deutlich mehr gefordert beim Kraul-, Rücken – und Schmetterlingsschwimmen, sodass sie kräftiger sind als die Außenrotatoren. Zudem sind, gerade im Schwimmsport, der Deltamuskel, der Bizeps und Trizeps und die Brustmuskulatur stark gefordert. Diese wiederum verstärken das Ungleichgewicht zugunsten der vorderen Muskulatur. Der Oberarmkopf wird dadurch nicht mehr richtig zentriert und steht, relativ gesehen, höher. Das führt zu einer Enge unter dem Schulterdach, wodurch es zu einer Reizung des dort liegenden Schleimbeutels kommt. Und dann ist der Schmerz da. Zu diesem Problem kommt es immer dann, wenn sehr hohe, intensive Trainingsumfänge geschwommen werden, ohne Ausgleichsübungen, die die weniger benötigten Muskeln kräftigen. Gut zu erkennen sind diese Schwimmer an einer nach vorn zusammen gesunkenen Haltung, weil die verkürzten Muskeln beide Schultern nach vorne unten ziehen. Zusätzlich zu den Schulterbeschwerden kommt es dann häufig auch noch zu Rückenbeschwerden.

Sind eher Breitensportler oder Profis betroffen? Es betrifft beide! Bei den Profis handelt es sich meistens um eine Überlastung der Schulterstrukturen, besonders dann, wenn der Ausgleich fehlt. Bei Breitensportlern ist die mangelhafte Schwimmtechnik eher das Problem, wodurch die Schulter fehlerhaft belastet wird. Und, wenn es ganz schlimm kommt, hat der Schwimmer eine schlechte Technik und überlastet sich durch zu hohe Trainingsumfänge und Intensität. Dann geht es ganz schnell mit der Schwimmerschulter. Übrigens: Männer und Frauen sind, statistisch, gleichermaßen betroffen.

Welche Rolle spielen Paddles und andere Tools? Eine sehr große, denn diese Tools verändern Wasserlage und Schwimmtechnik, und man muss schon eine enorme Rumpfstabilität aufweisen, um das kompensieren zu können. Das gelingt Schwimmern auf olympischem Niveau, aber nicht denen, die „nebenbei“ noch arbeiten müssen. Darum sind auch gerade die ambitionierten Schwimmer im Mastersbereich besonders gefährdet. Mangelnde Zeit wird ausgeglichen durch hohe Intensitäten. In einer statistischen Erhebung, die ich vor vier Jahren gemacht habe, wurde deutlich, dass sich gerade Paddles und Pull-Buoys verstärkend für eine Schwimmerschulter, aber auch Rückenbeschwerden auswirkt. Teilweise werden sehr große Paddles benutzt (nach dem Motto: viel hilft viel), aber die Kraft fehlt, um diese Widerstände technisch sauber zu überwinden. Und wenn dann auch noch der Rumpf nicht stabil genug ist, ist der Weg zum Schulterschmerz bereitet. Und was passiert, wenn dann auch noch die Technik nicht fehlerfrei ist, kann man sich wohl vorstellen. Darum, wenn überhaupt Paddles, dann nur solche, die klein sind und nur mit einer kleinen Lasche befestigt werden und die, bei fehlerhafter Technik, sofort verloren gehen.

Kraul-, Rücken- und Schmetterlingsschwimmer sind besonders gefährdet.

Kraul-, Rücken- und Schmetterlingsschwimmer sind besonders gefährdet.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Was können Schwimmer prophylaktisch tun? Eine Menge, denn die Schwimmerschulter bekommt man nur durch Trainingsfehler!  An erster Stelle steht die Technikkorrektur. Beim Kraulen haben Schwimmer häufig eine zu geringe Rumpfrotation und eine fehlerhafte Armbewegung. Dies sollte man unbedingt prüfen lassen.

Dann braucht es eine gute Beweglichkeit. Also Dehnübungen, aber immer in Kombination mit einer Kräftigung der weniger genutzten Muskeln, also der Außenrotatoren und Schulterblattstabilisatoren. Das kann man gut mit einem Gymnastikband machen. Dann sollte die Haltung verbessert werden, also die aufrichtende Muskulatur am Rumpf trainiert werden, sowie auch die gesamte Rumpfstabilität. Ein stabiler Rumpf ist die Voraussetzung für einen technisch sauberen Armzug. Gerade wer vier im Sitzen arbeitet, hat schon eine Überlastung der beschriebenen Muskeln. Dann braucht es gar nicht mehr viel Training und die Schwimmerschulter ist da! An zusätzlichem Ausgleichstraining an Land führt kein Weg vorbei!

Margarete Esser schwimmt seit den 1970er-Jahren und arbeitet seit 1985 als Physiotherapeutin. Berufsbegleitend studierte bis 2008 bis 2011 Physiotherapie in den Niederlanden und später Sportphysiotherapie an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Einmal im Jahr organisiert die B-Lizenztrainerin ein Masters-Trainingscamp auf Lanzarote, in dem es gezielt um Technik und angepasstes Training geht.