Was sie beim Neo-Kauf beachten sollten

Kaum ein Markt in der Open-Water-Szene ist so hart umkämpft wie der für Neoprenanzüge. Das Angebot ist riesig, der Weg zum richtigen Modell schon deshalb nicht immer leicht. Wir helfen Ihnen bei der Suche nach der passenden Pelle.

| 8. April 2011 | Material

Neotester Christof Wandratsch | Neotester Christof Wandratsch

Foto > Frank Wechsel / spomedis

Schwarz sind sie fast alle – aber welche Eigenschaften haben die Neoprenanzüge der mehr als ein Dutzend verschiedenen Hersteller? Gerade als Einsteiger ist es schwierig, den Überblick zu behalten. Welches Modell ist das richtige? Wie viel Auftrieb benötigen Sie? Wie viel Flexibilität ist sinnvoll? Und zum Schluss: Müssen Sie wirklich mehrere Hundert Euro für Ihren ersten Neo hinblättern?

Auch wenn sich die Topmodelle in Bezug auf das verwendete Material, die Verarbeitung und die Flexibilität in den vergangenen Jahren immer weiter angenähert haben: Viele Hersteller gehen weiterhin konsequent eigene Wege. Einige Firmen setzen unbeirrt auf dickes Neopren an den Beinen, das vor allem schwächere Athleten mit schlechter Wasserlage unterstützen soll. Andere tüfteln Jahr für Jahr an einer extravaganten Verteilung des Auftriebs auf den ganzen Anzug. Damit will man guten Schwimmern helfen, weil das deren ohnehin gute Wasserlage nicht zu sehr verfälschen würde.

NEO-DSCHUNGEL

Damit Sie sich im großen Dschungel der Neoprenanzüge nicht hoffnungslos ver­irren, sollten Sie zunächst Ihre schwimmerischen Fähigkeiten analysieren oder von einem erfahrenen Schwimmer beurteilen lassen. So können Sie – vor allem aufgrund Ihrer guten oder weniger guten Wasserlage – verschiedene Modelle möglicherweise schon im Vorfeld des Praxistests ausschließen. Doch das ist nur der erste Schritt auf dem Weg zum passenden Neoprenanzug. Denn erst der Test einzelner Anzüge wird Ihnen endgültig Aufschluss darüber geben, welches das geeignete Modell für Sie ist. In Kooperation mit zahlreichen Neopren-Herstellern bieten Fachhändler in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Frühjahr Testschwimm­termine an. Nutzen Sie die Gelegenheit, verschiedene Modelle im Wasser zu testen.

Informieren Sie sich im Vorfeld, welche Hersteller ihre Anzüge zur Verfügung stellen und welche Modelle getestet werden können. Planen Sie für den Praxistest ausreichend Zeit ein, denn schon das Finden der richtigen Größe kann eine Weile dauern. Vertrauen Sie beim Griff in die Kiste mit den Neoprenanzügen nicht blind auf die Größentabellen der Hersteller. Diese werden zwar zunehmend differenzierter, sollten aber nach wie vor nur als Anhaltspunkte genutzt werden, denn außergewöhnliche Körpermaße werden darin oft nicht berücksichtigt. Lassen Sie sich deshalb im Schwimmbad von einem Experten beraten und probieren Sie gegebenenfalls mehrere Größen des gleichen Modells. Bei aller Diskussion um Auftriebshilfen, Zusatzpanels und andere Extras sollten Sie dabei eins nicht vergessen: Allein die exakte Passform des Neoprenanzugs entscheidet darüber, ob die Innovationsfreude der Hersteller überhaupt zum Tragen kommt.

Achten Sie deshalb schon beim Anziehen darauf, dass Sie den Anzug im Schritt weit genug nach oben ziehen. Sitzt er dort nicht richtig, wird das Ihre Beweglichkeit im Oberkörper beeinflussen. Auch im Bereich der Schultern und an den Armen muss die schwarze Gummihaut exakt passen – vermeiden Sie „verdrehte“ Arme, Falten an den Beinen und stark gespanntes Material im Achsel- und Schulterbereich. Auch das kann Sie später im Wasser behindern. Wer sich unsicher ist, sollte sich von Vereinskollegen oder den Betreuern des Testschwimmens helfen lassen. Sie sollten sich in der neuen Haut wohlfühlen, bevor Sie die ersten Bahnen schwimmen.

Den auftrieb Fühlen

Steigen Sie mit dem Neo ins Wasser und rücken Sie ihn dort noch einmal zurecht, nachdem Sie am Halsabschluss etwas Wasser hineinlaufen lassen haben. Klettern Sie danach noch einmal aus dem Becken, um überschüssiges Wasser aus den Beinen ablaufen zu lassen. Dann sollten Sie ausgiebig testen, ob die durch die Auftriebsverteilung des Neoprenanzugs veränderte Wasserlage tatsächlich zu Ihrem Schwimmstil und Körperbau passt. Lassen Sie sich dazu zunächst mit dem Neo im Wasser treiben, oder stoßen Sie sich mit den Füßen vom Beckenrand ab und warten Sie, bis Sie Gleitgeschwindigkeit verloren haben. Überprüfen Sie dabei, ob sich die Wasserlage stabil anfühlt, ob der Auftrieb nach Ihrem subjektiven Eindruck angenehm verteilt ist oder ob die Beine im Verhältnis zum Oberkörper derart stark Richtung Wasseroberfläche gedrückt werden, dass Sie beim Schwimmen ins Hohlkreuz fallen oder beim Beinschlag den Kontakt zum Wasser verlieren. Schwimmen Sie danach einige Bahnen in einem angenehmen Trainingstempo und achten Sie darauf, wie sich Auftrieb und Wasserlage während des Schwimmens anfühlen. Läuft dabei permanent frisches Wasser durch den Anzug, probieren Sie die nächstkleinere Größe.

Testen Sie Ihre Favoriten in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und legen Sie Ihr Augenmerk besonders auf die Flexibilität in den Schulter- und Achselpartien und darauf, ob Sie frei atmen können. Dazu sollten Sie mit jedem Testanzug einige Hundert Meter am Stück schwimmen, denn nur so können Sie objektiv bewerten, ob Ihre Arme und Schultern auf Dauer durch das unflexible Material des Anzugs ermüden. Zudem entstehen unangenehme Scheuer- oder Druckstellen häufig erst bei längerem Schwimmen – auch das sollten Sie beim Testen und vor Ihrer endgültigen Kaufentscheidung berücksichtigen. Auch das Ausziehen können Sie beim Testschwimmen ausprobieren.

Verschnaufpause

Trotz der riesigen Auswahl, die Sie während eines Testschwimmens haben, sollten Sie darauf verzichten, mehr als vier Anzüge im Wasser auszuprobieren. Schon beim dritten und vierten Test werden Sie aufgrund der unvermeidlichen körperlichen Anstrengung große Schwierigkeiten haben, die Gleiteigenschaften noch objektiv zu bewerten. Für die spätere Kaufentscheidung ist es sicherlich hilfreich, wenn Sie sich nach jedem Anzug eine kleine Verschnaufpause gönnen und sich kurz notieren: Wie war die Wasserlage mit dem Neo? Wie gut funktionierte das An- und Ausziehen? Vermittelte Ihnen der Anzug ausreichend Flexibilität? Und letztendlich: Haben Sie sich in ihm wohlgefühlt? Bei den meisten Testschwimmen dürfen die Hersteller zwar ohnehin nichts verkaufen. Aber grundsätzlich sollten Sie nichts überstürzen. Schlafen Sie eine Nacht drüber und lassen Sie mithilfe Ihrer Aufzeichnungen die getesteten Modelle noch einmal Revue passieren. So werden Sie den für Sie passenden Neoprenanzug finden.