SWIM 100x100: Die ganze Wahrheit

Ich glaube, es war Mitte Dezember, als ich gedankenverloren die SWIM durchblätterte und mir eine ganzseitige Anzeige entgegenlachte. 100x100 m stand drüber und es war in dem Moment eigentlich schon beschlossene Sache. Ich steh ja auf solchen Scheiß ...

| 23. Februar 2016

Steffen Hartz während der SWIM 100x100 in Hamburg

Foto > Silke Insel / spomedis

2,5 Monate später stehe ich mit fast hundert anderen Sportlern in der Alsterschwimmhalle am Beckenrand, nicht wissend, was auf mich zukommt - und warte auf den Start. Aber von Anfang an.

Schon oft hatte ich von diesem ominösen 100er-Club gehört, für dessen „Mitgliedschaft“ man die 100x100m in einer festen Abgangszeit absolvieren musste. Feste Abgangszeiten hatte ich schon oft im Training und auch mit weniger Pausen als hier geplant. Aber 100 davon…?! Das letzte Mal beim Happy Swim Weekend kam ich auf 20 x 100 m mit zwei Minuten Abgangszeit und fragte ich mich ab Nr. 10 auf jeder einzelnen Bahn: „Was machst du da eigentlich?“ Was sollte das dann erst werden. Egal, andere haben es auch geschafft.

Also angemeldet, Hotel in der Nähe (150 m und kein 5-Sterne-Haus) gesucht, Bus- und Bahnpreise verglichen (ICE war nicht so viel teurer). Der Start war für 19 Uhr angesetzt. Und eine Rückreise in der Nacht bot sich aufgrund mangelnder Möglichkeiten nicht an. Und dann trainieren ... Leider kam es durch Krankheit zu einer vierwöchigen Pause über Weihnachten bis Mitte Januar, die mich schon fast an der Durchführbarkeit hat zweifeln lassen. Ich bin jedenfalls rechtzeitig wieder gesund und durch die Pläne meines Coaches Dirk Nanni wieder fit geworden.

Auf nach Hamburg

Der Tag der Tage kam und Samstag gegen Mittag machte ich mich auf den Weg nach Hamburg. Es stellte sich heraus, dass Dirk auch am Start war. Aufgrund seiner persönlichen Trainingsplanung nur nicht als Aktiver. Aber als Vertreter von Startschuss Berlin und natürlich auch als mein Coach. Ohne vorherige Absprache (!) fanden wir uns zufällig im gleichen ICE und haben somit die Hinfahrt für etwas Öffentlichkeitsarbeit nutzen können. Das Facebook-Interview habe ich also ehrlicherweise mit meinem Sitznachbar geführt. Wer jetzt journalistische Verschwörungen riecht, den kann ich beruhigen. Weder Fragen noch Antworten waren abgesprochen und Dirk musste sich aufgrund von Lachanfällen wegen der Konstellation auch woandershin verziehen.

In Hamburg angekommen (Leute sagen „Moin“, obwohl offensichtlich kein Morgen ist, und sprechen merkwürdig), hab ich erstmal mein Hotel aufgesucht und mir danach noch ein paar Nudeln auf den Teller hauen lassen. Ernährungstechnisch war es eine große Unbekannte, da ich für die Distanz keinerlei Vorstellungen und Erfahrungen hatte. Dirk war schon die Location checken und Kontakte knüpfen ...

Hamburger Sonnenschein

Es herrschte natürlich herrlichster „Hamburger Sonnenschein“. Ich glaube, so nennen die das hier. Nach dem Essen hab ich mich noch eine Stunde aufs Bett gelegt und dann war es auch schon so weit. Sachen schnappen und rüber in die Schwimmhalle. Dort war inzwischen schon ordentlich was los. Die Registrierung ging recht langsam vonstatten. Die Schlange wurde immer länger und die Zeit immer knapper. Bei hundert Leuten war das jedoch nicht ganz so schlimm und alle kamen rechtzeitig in die Halle.

Die Schwimmhalle an sich ist architektonisch recht schön, wobei die Kacheln unten im Becken auch hier nicht nummeriert sind (Anzahl: 166! – ich hatte ausreichend Zeit, nachzuzählen). Einzig die Rollwende gestaltete sich manchmal etwas schwierig, da der Orientierungspunkt fünf Meter tief im Sprungbecken ist. Der Moderator (Ex-Profischwimmer Christian Keller) begrüßte die Athleten und Zuschauer. Trinkflaschen und Verpflegungen wurden aufgebaut und die Halle füllte sich nach und nach. Ich bin mich währenddessen ein, zwei Bahnen eingeschwommen. Das Wasser ist auch in Hamburg nass.

Der Countdown läuft

Die Minuten zum Start zählten runter, man sammelte sich auf seinen vorgegeben Bahnen und letzte Fragen wurden geklärt. „Ende 23 Uhr?! Was mache ich, wenn ich schneller fertig bin ...“ Ich schaute den Herrn etwas ungläubig an und erklärte ihm das Konzept der FESTEN Abgangszeiten. „Ahhh“. Ja, ahhh ... Auf meiner Bahn waren auch zwei Damen von 70 und 65 Jahren, von denen ich eine im Laufe des Abends besser kennenlernen sollte.

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Letzte Vorbereitungen für den Start der SWIM 100x100

Foto > Silke Insel / spomedis

Kurz vor 19 Uhr verständigte man sich auf den Wasserstart, wohl aus Rücksicht auf die ganzen Triathleten (danke dafür) und alle neun oder zehn Leute pro Bahn sprangen ins Wasser und machten sich bereit. Und auf einmal ging es los und es hieß schwimmen, schwimmen, schwimmen.

Ich reihte mich als Neuling hinten ein und es war wie immer. Uhr starten, abstoßen, schwimmen, Rollwende, schwimmen, ankommen, Uhr stoppen. Und so gingen die ersten Bahnen rum. Schnell habe ich gemerkt, dass Zählen kein Thema wird. Ich habe es einfach nicht gemacht. Sportlich bin ich es natürlich viel zu schnell angegangen, aber das war am Anfang klar. Nach ein paar Bahnen hatte man sich sortiert und ich pendelte mich bei 1:33 Minuten ein. Im Training fiel es mir oft schwer, 1:40 zu halten. Deshalb war das meine angestrebte Zeit. Ich dachte mir, was soll‘s. Es fühlt sich gut an.

Kuscheln mit Birgit

Und das Gefühl blieb 'ne ganze Weile. 5er-Atmung, 7er-Atmung, irgendwie kein Problem im Block vor der ersten Pause. Birgit (65) schwamm hinter mir und „kuschelte“ am Beckenrand des Öfteren. Am Anfang hat sie sich noch entschuldigt. Später nicht mehr. Die Stimmung war insgesamt locker. Nach 25 Minuten stiegen auch die 2-Minuten-Schwimmer ein und starteten ihre Jagd nach dem Pokal auf drei separaten Bahnen.

Nach 27 Hundertern gab es die erste Pause. Ich bin einfach geschwommen und hatte nicht auf die Anzahl geachtet, so dass es etwas überraschend kam. Die Zählung sowie die Zeit wurden praktischerweise an die Hallendecke projiziert, so dass man immer auf dem Laufenden war. Alle stürmten aus dem Becken und Richtung Toiletten, wo Schlangestehen und Befehlspinkeln angesagt war. Muss man(n) auch können bzw. üben. Nach fünf Minuten ging es weiter.

Uhr starten, abstoßen, schwimmen, Rollwende, schwimmen, ankommen, Uhr stoppen. 40 Sekunden Pause und wieder los. Ich habe nicht viel Erinnerungen, bzw. keine besonderen Erinnerungen an diesen Abschnitt. Flog an mir vorbei. Ich hatte weiterhin keine Probleme, hielt meine Zeiten, flirtete mit Birgit, trank und schaute mir die Zuschauer am Rand an.

Bergfest

Die zweite Pause gabs nach dem 51. Hunderter. Dirk kam zum Quatschen, Tipps geben und berichtete vom Facebook–Liveticker. Verpflegung gabs so viel man essen oder tragen konnte. Getränke wurden auf Anfrage immer wieder von den fleißigen Helfern aufgefüllt. Das war sehr gut organisiert und klappte reibungslos. Nach weiteren fünf Minuten wurde wieder ins Wasser gesprungen und der nächste Abschnitt in Angriff genommen. Längst war es Routine. Fünf Sekunden warten, abstoßen, laaange Züge, ruhige Atmung, viel gleiten, Vorgänger einholen, Kachel 92 mit abgeplatzter Ecke passieren, wieder Abstand lassen (er konnte keine Rollwende), Rollwende, abstoßen, gleiten, Vordermann einholen, bei Rechtsatmung Nanni auf seinem Turm angucken, schnelle Schwimmer auf der 2:00er-Bahn beobachten und langsam ins Ziel kommen. Drumherum passierte viel, so dass mir unerwarteterweise nie langweilig wurde.

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Moderator Christian Keller hält die Schwimmerinnen und Schwimmer bei Laune.

Foto > Silke Insel / spomedis

Dirk mit Fotografin, Zuschauerin, Dirk mit Zuschauerin, Dirk auf Aussichtsturm ... Irgendwann hatte er den Platz in drei Metern Höhe entdeckt und für sich in Anspruch genommen (ihr kennt ihn ja von der Berichterstattung). Dort hatte er scheinbar den besten Überblick und den besten Handyempfang ... Christian leistete seit drei Stunden moderatorische Schwerstarbeit. Der Name des Siegerpokals stand noch nicht fest und Ausgeschiedene mussten auch peinlichst genau nach Gründen befragt werden. Es wurden auch von inzwischen 180.000 Zuschauern im ZDF-Neo-Livestream plus (oder so ähnlich) berichtet. Wer guckt sich sowas stundenlang an??? Ok, ich schaue auch stundenlang Ironmanübertragung ...

Die dritte und letzte Pause kündigte sich an. Die Arme waren längst schwerer geworden. Auch wenn die Uhr dies nicht bestätigten. Technisch einigermaßen richtiges Schwimmen wurde anstrengend, ging aber noch. Der Hammermann ließ also weiter auf sich warten. Die Pause nutzte ich für den Toilettengang. Inzwischen hatte ich mich auch etwas nach vorn „gekämpft“, so dass ich schneller auf dem Weg zur Toilette war. Hehe. Dirk berichtete von massiger Unterstützung aus dem Netz und ich kaute bedächtig an einem Proteinriegel. Ich war irgendwie froh, es ohne Probleme bis dahin geschafft zu haben. Aber ich blieb vorsichtig. Euphorie ist nicht so meins.

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Bahn für Bahn, Hunderter für Hunderter dem Ziel entgegen

Foto > Silke Insel / spomedis

Der letzte Abschnitt

Ich hatte den Eindruck, dass niemandem langweilig war. Alle unterhielten sich in der kurzen Pause und es wurden Scherze mit den Begleitern und Unterstützern am Beckenrand gemacht. Runde 78: „Ach, ich habe keine Lust mehr, ich schwimme zurück.“

Inzwischen war auch im Becken mehr los. Der Taucher mit der GoPro zog seine Bahnen quer unter uns und damit rechnete man in dem Trott nicht so wirklich. Auch gab es im Kinderbecken einen kostenlosen Schnupperkurs im Mermaiding. Und die junge Dame (war nicht ihr erster Tauchgang mit Fischschwanz) wagte sich immer näher ans Becken und enterte es dann auch schließlich. Sie war ... nun ja ... eine üppige Meerjungfrau. Und als Krönung gab es für die Damen einen Meerjungmann. Der sah körperlich allerdings der Meerjungfrau ähnlich.

Das war durchaus abwechslungsreicher, als immer nur den Whirlpool vor mir zu sehen (mein Vordermann hatte einen unglaublichen Beinschlag, brauchte er auch bei diesen Armen), aber es kam auch langsam die Phase, wo es ans Eingemachte ging und man sich auf die eigenen Bewegungen konzentrieren musste. Inzwischen musste man auch auf den ersten entgegenkommenden Rückenschwimmer auf der Bahn 4 achten. Elisabeth hatte die Ernährung nicht vertragen und musste die eine oder andere Bahn auslassen bzw. einige in Rückenlage absolvieren. Auch ein anderer Teilnehmer musste die Segel streichen und hatte unsere Bahn verlassen. Der Rest hielt jedoch tapfer durch. Bei Runde 85 merkte ich das erste Mal körperliche Probleme. Mir war etwas schwindelig und ein leichter Krampf im Fuß musste auch weggeschüttelt werden. Zum Glück war es aber nicht schlimmer, ging alles wieder weg und ich konnte die letzten zehn Hunderter angehen. Inzwischen war die Zweieratmung die Regel und an meinen Vordermann kam ich auch nicht mehr ran. Die Zeit passte aber immer noch. Der Mann mit dem Hammer war wohl mit dem Mann mit dem Dreizack beschäftigt und würde es wohl nicht mehr zum Termin schaffen. Zu dieser Zeit hatte ich die ersten Gedanken und Grübeleien ... „Noch niemals zehn Kilometer geschwommen" und "bei einem 24-Stunden-Schwimmen wäre man noch viel länger im Wasser ..." Die waren schnell weggewischt, als ich beim Vorbeischwimmen Dirk mit erhobenem Daumen auf dem Baywatch-Tower sah. „Geil“, dachte ich, „wieder ein weiteres Like auf Facebook“. Was auch sonst.

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Die Projektion des Zwischenstands an der Hallendecke

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Die letzten Bahnen waren wie so oft die härtesten. Dieses Konzept ist auch überarbeitungswürdig. Ohne Zweifel. Jedoch nicht härter als irgendwelche Sprints im Training. Insofern hieß es durchhalten. Moderator Christian lief nochmal zur Hochform an und peitschte uns Bahn um Bahn durch die Nacht. Wir waren inzwischen fast vier Stunden im Wasser und die Zeit ist wirklich wie im Fluge vergangen.

Licht aus, Wunderkerzen an

Das Licht wurde für die letzte Bahn gelöscht und irgendwo waren auch Wunderkerzen im Einsatz. Nein, die wurden nicht von den Schwimmern getragen. Dafür hatte wohl keiner mehr die nötige Körperspannung beim Kraulen ... Jaaa, denkt da mal drüber nach, wo die Wunderkerze gesteckt hätte.

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Die Begleiter warten mit Wunderkerzen auf die stolzen Finisher

Foto > Silke Insel / spomedis

Unter lautem Applaus sind die 84 verbliebenen Schwimmer ins Ziel gekommen. Auch Ingeborg und Birgit (trotz Asthma!) haben alles ohne weitere Probleme durchgestanden. Die Anspannung löste sich auf und Elisabeth hat nochmal ihre drei fehlenden Hunderter aufgeholt. Der Rest ist aus dem Becken klettern, essen, trinken, gelöst sein, Atmosphäre genießen. Der „Victor“ wurde dann auch offiziell verliehen und die Veranstaltung trudelte langsam aus. Ich habe erst um 2 Uhr das Licht ausgemacht, da die Brustmuskeln schon noch brannten und Facebook musste natürlich auch gelesen werden . Einfach nur großartig, welche Unterstützung von da kam. Den Sonntag habe ich noch locker in Hamburg bei weiterhin herrlichstem „Hamburger Sonnenschein“ ausklingen lassen. Muskuläre Probleme gab es dann auch weiterhin keine.

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Alle Finisher der SWIM 100x100 in Hamburg: 84 haben durchgehalten.

Foto > Silke Insel / spomedis

Der Bericht ist etwas ausführlicher ausgefallen. Aber das bin ich euch vor den Bildschirmen, die mitgefiebert und Daumen gedrückt haben, in jedem Fall schuldig. Vielen Dank an Laktat³ für die zuverlässige und ununterbrochene Versorgung mit hochwertigen Nasenklammern (ich schwimme gerne die Langdistanzmodelle, bei Fragen könnt ihr euch gern an mich wenden), an Startschuss Berlin für die Berichterstattung und an Dirk Nanni für die Trainingspläne, die zuverlässig zum Ziel führten.

In diesem Sinn. ‪#‎Traininghilft‬ ‪#‎wirklich‬

Steffen Hartz und Coach Dirk Nanni nach den SWIM 100x100 in Hamburg

Dreamteam: Steffen Hartz und Coach Dirk Nanni nach den SWIM 100x100 in Hamburg

Foto > Silke Insel / spomedis