Helge Meeuw will seinen Frieden mit Olympia schließen

Es ist die Erinnerung, die ihn zurück ins Becken treibt. Zweimal war Helge Meeuw bereits bei Olympia. Es sollten die Höhepunkte seiner Karriere werden. Stattdessen schwamm er beide Male hinterher. In London will der 27-Jährige endlich ins Finale.

| 10. April 2012 | AKTUELL

Helge Meeuw | Helge Meeuw (SC Magdeburg)

Helge Meeuw (SC Magdeburg)

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Der 10. August 2008 ist einer dieser Tage, die Helge Meeuw nicht vergessen kann. Er, der damalige Europarekordler und bis dato Drittschnellste der Welt über 100 Meter Rücken, er schied bei den Olympischen Spielen in Peking sang- und klanglos im Vorlauf aus. „Ich war zu verkrampft“, sagte Meeuw rückblickend. Nicht in den Beinen, denn seinen Körper hatte Meeuw bestens auf den Showdown im Wasserwürfel vorbereitet. Es war wohl eher der Kopf, der eben noch nicht so weit war. Das lang ersehnte Finale fand ohne ihn statt. Schon wieder.

Bereits bei seinen ersten Spielen vier Jahre zuvor lief vieles schief. Damals fuhr der frisch gebackene Abiturient als verheißungsvoller Newcomer nach Athen, fing sich in der Nacht der Eröffnungsfeier eine Erkältung ein und reiste ohne Bestzeit und ohne Einzel-Finale wieder ab.

Umso bitterer das Desaster von Peking. Das habe „sehr weh getan“ und auch gedauert, bis er diese Ereignisse hinter sich lassen konnte. Zwischenzeitlich wollte er den Sport gar hinschmeißen, sprang dann aber doch wieder ins Wasser, nur stellte er diesmal sein Medizinstudium in den Vordergrund. Eine Entscheidung, die die Wende bringen sollte.

Den Kopf frei

Der angehende Arzt trainierte weiter fleißig, jedoch nicht mehr mit der Verbissenheit des Profis Helge Meeuw, des Sohns zweier international erfolgreicher Schwimmer. Der Student Helge Meeuw hatte wieder Spaß an seinem Sport. Und ließ sich immer wieder von seinen Kommilitonen den Kopf frei pusten. „Die meisten interessieren sich überhaupt nicht für Sport. Das tut wirklich gut.“

Mehr Spaß, weniger Training: Was nicht gerade nach einem Erfolgsrezept klingt, war für Helge Meeuw genau das. Meeuw, der in seinen Jahren als Profi seine besten Leistungen nie bei einem der sogenannten Großereignisse abrufen konnte, wurde ein Jahr nach dem Peking-Patzer Vizeweltmeister bei den Titelkämpfen in Rom.

Meeuw sieht seinen Sport seither aus einem anderen Blickwinkel. Früher sei der Schwimmsport seine einzige Welt gewesen. Eine Welt, die er sich nie getraut hätte, klein zu reden. Nun weiß er: „Es ist nur Schwimmen und es ist doch ziemlich lächerlich, das Ganze für sich so groß aufzubauschen. Es geht darum, schnell zu schwimmen. Mehr nicht.“

Physikum statt Rekordjagd

Nach der WM in Rom tauschte er erneut Becken gegen Bibliothek. Diesmal sogar komplett. Das Physikum stand an, da blieb keine Zeit mehr für Leibesertüchtigung. Vom Schreibtisch aus musste er mit ansehen, wie der Franzose Camille Lacourt bei der EM 2010 in Budapest ausgerechnet sein Europarekord über 100 Meter Rücken als erste Bestmarke nach dem Verbot der Hightech-Anzüge knackte. Eine Leistung, die Meeuw mit Argwohn betrachtete. „Das glaube ich ihm schlichtweg nicht. Ich bin mit dem Anzug wesentlich schneller gewesen, das habe ich am eigenen Körper gespürt. Danach wurden alle langsamer, nur er wird eineinhalb Sekunden schneller. Das ist doch komisch“, befand das Rücken-Ass. „Ich kannte den Kerl vorher nicht mal. Der kommt aus dem Nichts. Das Talent hätte sich früher schon mal zeigen müssen.“

Im vergangenen Sommer meldete sich der Familienvater dann bei den Deutschen Meisterschaften mit beeindruckenden Leistungen zurück, qualifizierte sich scheinbar mühelos für die WM in Shanghai. Dort konnte er sich zwar noch einmal steigern, doch im Finale über 100 Meter Rücken reichte es beim Sieg von Lacourt (52,76 Sekunden) trotz Bestzeit von 53,28 Sekunden nur zu Rang sieben. Doch die chinesische Hafenmetropole war ohnehin nur eine Zwischenstation für Helge Meeuw. Er hat sein Ziel weiter fest im Visier: „Ich will meinen Frieden mit Olympia schließen.“