Pool | 16. Dezember 2012

Vor dem Sprint-Showdown Britta Steffen erfindet sich neu

Sabrina Knoll | Während ihr Lebensgefährte Paul Biedermann bei der Kurzbahn-WM in Istanbul lediglich „winzige Pflaster“ für die offene Wunde Olympia gesammelt habe, präsentierte sich Britta Steffen fünf Monate nach London mal wieder neu erfunden.
Britta Steffen hatte sich nach dem Halbfinale über 50 Meter Freistil extra ein Handtuch mit in die Mixed Zone gebracht; damit sie ein bisschen mehr Zeit habe. Den Blick auf den dortigen Fernseher gerichtet, auf dem das zweite Halbfinale lief, pellte sich die 29-Jährige gekonnt hinter dem weißen Tuch aus dem nassen Zwirn, streifte die Trainingsjacke über und warf sich danach das Handtuch um die Hüften.
Das ganze Prozedere dauerte nicht viel länger als die zwei Bahnen Kraul auf dem Bildschirm. Als dann klar war, dass Steffen mit 24,27 Sekunden als Drittschnellste ins heutige Finale gekrault war, kam die 29-Jährige ins Plaudern: Sie erzählte von der zermürbenden Wintersaison, in der sie erstmals in ihrer Karriere die komplette Weltcup-Serie geschwommen war, um Wettkampfhärte zu sammeln. Schon an den Tagen zuvor sprach sie auch über die ersten Trainingseinheiten mit dem neuen Trainer Frank Embacher – ein Übergang, der ihr nach zehn Jahren mit Norbert Warnatzsch leichter gefallen sei als erwartet. Und über den Umzug in das gemeinsame Heim in Halle mit Freund Paul Biedermann, in dem sie als „Puristin“ für die weiße Hochglanz-Küche plädiere, Biedermann wiederum für die Gemütlichkeit im Wohnzimmer zuständig sei.

Altlasten bleiben in Berlin

Überhaupt scheint das Wort „Neu“ bei Steffen in diesem Winter einen große Rolle zu spielen. Während sich Biedermann, der auch fünf Monate nach London noch kräftig an den Olympischen Spielen zu knabbern habe, einen neuen Haarschnitt und eine neue Badehose zugelegt hatte, war bei Steffen der Cut ungleich größer: Neuer Coach, neue Stadt, neues Heim, neue Trainingsreize – die 29-Jährige, die in der Vergangenheit schon mal mit Aktionen wie einer überhasteten WM-Abreise für Irritationen gesorgt hatte, hat sich mal wieder neu erfunden. Selbst von den meisten ihrer alten Sachen wolle sie ganz nach Feng Shui im Zuge des Umzugs von Berlin nach Halle trennen. „Ich habe tierisch Angst davor, an allem immer zu dolle festzuhalten“, sagt Steffen. „Ich finde es wirklich toll, wenn man die Sachen hat, die man braucht - und nicht wirklich mehr.“
Britta Steffen hat der Neuanfang offenbar gut getan. Am Deutlichsten war das am Freitagabend zu sehen, als der Doppel-Olympiasiegerin von 2008, die zuletzt Siegerehrungen eher emotionslos hinter sich gebracht hatte, bei der Hymne zu ihrem ersten WM-Titel auf der kurzen Winterbahn Tränen in die Augen stiegen. „Ich habe das vollkommen genossen, solche Momente werden ja nicht mehr so oft kommen“, sagt die Freistilsprinterin. Dabei könnte es heute Abend nach dem Finale über 50 Meter Freistil schon wieder so weit sein.

Steffen glänzt, andere scheitern

Steffens neue Trainingspartnerin Daniela Schreiber verpasste indes den Sprung ins Finale. Bereits am Morgen waren zudem Yannick Lebherz und Christoph Fildebrandt über die doppelte Distanz gescheitert. Auch Paulina Schmiedel über 100 Meter Schmetterling und Theresa Michalak über 200 Meter Lagen kamen nicht über die Vorläufe hinaus. International sorgte wieder einmal Ryan Lochte für Aufsehen. Der US-Superstar schraubte bereits im Halbfinale über 100 Meter Lagen den drei Jahre alten Weltrekord des Slowenen Peter Mankoc auf 50,71 Sekunden. Der fünfmalige Olympiasieger hatte schon am Vortag die eigene internationale Bestmarke über die doppelte Distanz verbessert.
Ein bisschen was bleibt bei all den Neuerungen im Leben der Britta Steffen aber doch noch erhalten. So wie der heilige Abend mit den Liebsten zum Beispiel. An manchen Traditionen sollte man eben einfach festhalten. Auch wenn man Kartoffelsalat und Würstchen „eigentlich nicht so gerne mag“.