Pool | 16. Juli 2012

Therese Alshammar "Ans Aufgaben habe ich nie gedacht"

Sabrina Knoll | Schwedens Schwimmstar Therese Alshammar wir im August 35 Jahre alt. Seit EM-Bronze 1997 hat die Schwedin rund 70 Medaillen bei internationalen Titelkämpfen eingesammelt, zuletzt schwamm die Weltrekordhalterin über 50 Meter Schmetterling bei der WM in Shanghai zu Gold Nummer 37. Und auch bei ihren fünften Olympischen Spielen in Folge will die Sprintspezialistin noch einmal angreifen – swim hat sie interviewt.
Frau Alshammar, Ihre alten Konkurrentinnen haben längst aufgehört, die Mädchen neben Ihnen auf dem Podium sind nicht selten mehr als zehn Jahre jünger als Sie. Fühlen Sie sich manchmal alt, wenn sie durch die Schwimmhalle laufen?
Nein, nicht wirklich. Natürlich ist es auf dem Papier eine lange Zeit. Aber es gab so viele Veränderungen in meiner Karriere, so viele Hoch- und Tiefpunkte, dass mir das gar nicht so lange vorkommt. Ich bin älter, ja, aber ich fühle mich nicht alt. Wenn überhaupt, dann sehe ich es eher als Vorteil, weil ich schon so viel Erfahrung gesammelt habe. Ich bin jetzt richtig glücklich mit meinem Sport. Das war ich nicht immer.
Können Sie das näher erklären?
Nun ja, ich glaube, meine Zeit in Deutschland war kurzfristig gesehen vermutlich das Beste, was meiner Karriere passieren konnte. Als ich zu Dirk (Ex-Bundestrainer Dirk Lange, d. Red.) gekommen bin und ein Jahr Vollzeit trainiert habe, bin ich richtig schnell geworden. Das war fantastisch für mich als Schwimmer. Aber als Mensch war es für mich nicht wirklich die beste Zusammenarbeit. Ich liebe die Idee eines Profi-Teams, in dem alle dasselbe Umfeld haben, aber wir hatten keine gute Atmosphäre. Es ging so viel mehr um die Resultate, als darum, die Reise zu genießen und Spaß dabei zu haben.
Wie ging es nach ihrer Deutschland-Episode weiter?
Danach habe ich keinen Spaß mehr am Schwimmen gehabt. In den zwei Jahren danach habe ich nicht mehr viel trainiert, war vermutlich auch zu stur, wollte nicht wieder zu einem Trainer und habe dann gesagt: Okay, ich trainiere mich selbst und mache das, wonach mir ist.
Aber das war auch nicht der richtige Weg?
Nein. Das war hart. Es gibt nur wenige Schwimmer, die sich selbst coachen können, vor allem, wenn man Mitte 20 ist und kaum Erfahrung hat. Und doch habe ich wirklich lange gebraucht, um einen Coach zu finden, dem ich vertrauen konnte und mit dem ich arbeiten möchte. Dann habe ich 2004 Johan (Wallberg, ehemaliger schwedischer Profi, d. Red) getroffen. Sein Weg ist eher: Wir arbeiten hart, aber wir machen das Training interessant, so dass es eine gute Herausforderung ist und dann bist du auch bereit, schnell zu schwimmen. Diese Herangehensweise ist viel eher mein Ding.
Das klingt, als hätten Sie kurz davor gestanden, aufzugeben.
Nein, daran habe ich nie gedacht. Eigentlich komisch, denn vielleicht hätte ich daran denken sollen (lacht), aber das ist mir nie in den Sinn gekommen. Ich hatte unheimlich viel Unterstützung von meiner Familie. Meine Mutter hat immer gesagt, du kannst alles andere später noch machen, aber du kannst nur für eine kurze Zeit schwimmen. Sie war auch Schwimmerin und sie hat damals schon mit 18 aufgehört.
Glauben Sie, dass Ihre Mutter diese Entscheidung bereut hat?
Bereut nicht, aber vielleicht denkt sie doch: Oh, ich habe zu früh aufgegeben, ich hätte mehr versuchen können. Also hat sie mir das übertragen (lacht).
Sie haben zwei Tattoos auf dem Rücken. Dort steht Diva und Copyright. Welche Bedeutung haben diese Schriftzüge für Sie?
Sie bedeuten, dass ich mal sehr jung war (lacht). Ich war damals 17, jetzt bedeuten sie nicht mehr viel für mich. Ich bin froh, dass sie auf meinen Rücken sind und ich sie nicht sehen muss.
Fühlen Sie sich schlecht deswegen?
Nein, das nicht, sie sind ein Teil von mir, ich bereue es nicht, aber ich würde es auch nicht noch mal machen.
Sie haben lange Zeit dieses Diva-Image gehabt. War das kalkuliert?
Nein. Es ist ziemlich hart, im Sport ein erfolgreiches junges Mädchen zu sein. Es ist nicht schwer, Leistungen zu bringen, der harte Teil ist der Umgang mit den Medien, damit, über sich selbst zu reden und ja, sich irgendwie als Objekt präsentieren zu müssen. Denn auch, wenn du es gar nicht willst, wirst du doch von der Außenwelt so wahrgenommen. Ich habe damals schnell die Stempel sexy und schwedisch abbekommen, ich war die mit den Tattoos. Natürlich hatte ich auch einige Sponsoren genau deswegen, was im Schwimmen sehr hilfreich ist. Und natürlich wirst du dadurch mehr wahrgenommen, aber eben nicht nur für Resultate, sondern mehr dafür, wie du aussiehst und was du machst. Es ist heikel. Wenn ich einmal Kinder habe – was ich hoffe – dann werde ich da sehr vorsichtig sein.
Sie sprechen davon, Mutter werden zu wollen. Welche weiteren Pläne haben Sie für die Zeit nach Ihrer aktiven Karriere? Besitzen Sie noch Ihre Mode-Boutique?
Nein, die ist geschlossen. Ich habe mich umentschieden, was das angeht. Ich würde gern weiter im sportlichen Bereich tätig sein. Vielleicht nicht im Leistungssportbereich und ich möchte auch keine Trainerin sein, aber ich würde gern weiterhin im Schwimmsport involviert bleiben.
Zeigt Ihnen Ihr Körper nach so vielen Jahren Leistungssport langsam seine Grenzen auf?
Nein, ich bin heute sogar in der Lage, viel härter zu trainieren, als früher. Die letzten drei Jahre habe ich sogar mehr trainiert als mit Dirk. Und es geht mir gut. Ich glaube auch nicht, dass es wirklich Grenzen in der Physis gibt, die sind vielmehr mental. Wenn du etwas nicht genießen kannst, dann ist es das auch nicht wert, sich dafür zu schinden. Aber wenn du Spaß hast, nicht verletzt bist und dich gesund fühlst, dann ist das der perfekte Weg, den Tag zu verbringen.
Aber verwunderlich ist es schon, dass Sie offenbar immer noch besser werden. Wie erklären Sie sich das?
Ich weiß nicht, wieso das so ist. Mein Trainer und ich glauben, dass du ab einem gewissen Alter dein Pensum immer erhöhen musst, um besser zu werden und dich weiterzuentwickeln. Natürlich wird da ein Limit kommen, aber bisher war es wirklich gut für mich.
Sie fahren in zwei Wochen zu Ihren fünften Olympischen Spielen. Wie haben Sie die vergangenen Spiele erlebt?
Es klingt vielleicht komisch, weil es auf dem Papier ja ganz gut aussieht, aber ich selbst denke nicht, dass meine Spiele bisher so gut gewesen sind. In Atlanta war ich eigentlich nur da, um zu lernen. Damals war ich ja noch Rückenschwimmerin. 2000 mit Dirk habe ich zwar drei Medaillen gewonnen, aber ich war sehr unglücklich während der Spiele. 2004 habe ich gerade angefangen, mit Johan zu arbeiten. Ich hatte eine wirklich schlechte Vorbereitung, weil ich die drei Jahre davor viele Dinge gemacht habe, die nicht gut waren für mein Schwimmen. Ich habe mich selbst gecoacht und höchstens ein Mal am Tag trainiert.
Und doch wurden Sie in Athen mit Jahresbestzeit immerhin Vierte.
Ja, das stimmt. Rückblickend war das wohl ein guter Start für die Zeit mit Johan. Danach hatte ich ein paar gute Jahre, bin 2007 ziemlich gut geschwommen und war glücklich damit, wie die Dinge liefen. Doch 2008, als die Anzüge kamen, war ein stressiges Jahr für mich. Zuschauen zu müssen, wie schnell die Leute auf einmal waren, das war eine fürchterliche Erfahrung. Und auch wenn ich mich später an die Anzüge und seine Effekte gewöhnt habe, war ich doch froh, als sie wieder weg waren.
Also kommt nun alles auf London an? Olympisches Gold fehlt Ihnen ja noch in Ihrer Sammlung.
Ja, vielleicht werden diese Spiele ja spaßig und erfolgreich (lacht). Natürlich ist der einfachste Traum, denn man sich setzen kann, Olympia-Gold zu gewinnen. Ich habe noch keins, ich schwimme schon lange, also ist es klar, dass ich auch darüber nachdenke. Aber ich weiß auch, dass ich einfach froh drüber sein kann, dass ich die Möglichkeit habe, nach London zu fahren und mein Bestes zu geben. Ich wäre sehr, sehr glücklich, mit einer Medaille aus London wiederzukommen, das kann ich sagen. Und ich kann sagen, dass ich danach nicht zurücktreten werde, falls Sie das noch fragen wollten (lacht). Ich werde weiter schwimmen, wahrscheinlich bis 2014.