Wellenreiten im bayerischen Meer

Der Chiemsee ist mitunter tückisch. Wenn der Wind ordentlich bläst, sind die Wellen schnell eineinhalb Meter hoch. Unser Autor will ein paar der größten Seen in Deutschland queren. Nummer fünf.

| 8. Juli 2016 | AKTUELL

Chiemsee 03 | Martin Tschepe schwimmt im Chiemsee für sein Projekt SeenSucht.

Martin Tschepe schwimmt im Chiemsee für sein Projekt SeenSucht.

Foto >Martin Tschepe

Wellenreiten im bayerischen Meer

Der Jochen ist ganz angetan von meinem Schwimmprojekt SeenSucht. Und bietet spontan an, mich bei der Querung "seines" Sees zu begleiten. Jochen Aumüller wohnt ganz nah dran - in Bernau, einem Städtchen direkt am Chiemseeufer. Wir kennen uns vom Eisschwimmen. Alles klar, wir werden zusammen die geschätzt 15 Kilometer von Seebruck im Norden bis nach Bernau im Süden schwimmen.

Wenig später meldet sich auch der Christof und sagt: "Coole Aktion, darf ich mit schwimmen?" Was für eine Frage! Und was für eine Ehre - Christof "Wandi" Wandratsch will mit mir durch den Chiemsee kraulen. Christof ist der routinierteste Langstrecken- und Freiwasserschwimmer Deutschlands, mindestens. Der bald 50-Jährige war Nationalschwimmer. Er hält alle möglichen und unmöglichen Rekorde. Der Wandi hat die 88 Kilometer in Parana, Argentinien, gewonnen, das längste Rennen der Welt. Er hat die deutsche Bestmarke beim 24-Stunden-Schwimmen aufgestellt: 80,5 Kilometer. Christof hat das Eisschwimmen nach Deutschland gebracht. Er ist Eis-Weltmeister über 200 und 450 Meter, hat im Winter 2015/2016 den Weltcup der Internationalen Winterswimming Association gewonnen.

Chiemsee | Mal sonnig, mal stürmisch: Der Chiemsee kann auch anders.

Mal sonnig, mal stürmisch: Der Chiemsee kann auch anders.

Foto >Martin Tschepe

Start um 6:30 Uhr

Eigentlich hatten wir schon Anfang Mai durch den Chiemsee schwimmen wollen. Doch kurz vorher hat es noch mal geschneit, das Wasser im Chiemsee hatte nur rund sechs Grad. Das ist selbst für routinierte Eisschwimmen bei so einer langen Etappe ein bisschen zu kalt. Also abwarten.

Anfang Juli ist es dann soweit. Endlich. An einem grauen Sonntagmorgen stehen der Jochen, der Christof und ich am Chiemseeufer in Seebruck. Wir sind bereits in aller Herrgottsfrühe aufgestanden - der Wetterbericht sagt für den Nachmittag nämlich heftige Gewitter voraus. Deshalb wollen wir möglichst bald ankommen in Jochens Heimatstädtchen. Und deshalb wollen wir gegen sechs Uhr los schwimmen. 

Über den Alpen hängen dunkele Wolken. Der Jochen kennt das Revier wie seine Westentasche und sagt sinngemäß: kein Problem, nur Regen, kein Gewitter. Später wird sich sein Urteil ändern, aber wir werden trotzdem weiter schwimmen. Bei ziemlich ungemütlichen Bedingungen. 

"Gemütlich kraulen" mit Wandi!

Also bitte: hinein ins zweifelhafte Vergnügen. Es ist kurz vor halb sieben und Christof sagt: "Warum tue ich mir das an?", grinst sein Wandi-Lachen und legt los. Er zieht ein aufblasbares Stand-up-Paddleboard hinter sich her, darauf sind geschnallt: seine Klamotten, mehrere Liter Getränke, die Paddel und Jochens wasserdichter Gepäcksack. Jochen zieht "nur" eine Sicherheitsboje, ich meinen Gepäcksack, darin ein Fotoapparat, das Handy, eine Hose, ein Handtuch und ein paar Schokoriegel.

Chiemsee | Das aufblasbare Board trägt dass Gepäck und erhöht die Sicherheit.

Das aufblasbare Board trägt dass Gepäck und erhöht die Sicherheit.

Foto >Martin Tschepe

Wir haben vereinbart: gemütlich kraulen. Aber was heißt das schon, wenn der Wandi mitschwimmt. Wenn der Christof langsam schwimmt, dann müssen andere sich mächtig anstrengen, um mitzuhalten - selbst wenn der Meister ein langes Board im Schlepptau hat.

Die ersten zwei, drei Kilometer kommen wir einigermaßen flott voran. Doch dann zieht immer mehr Wind auf - von vorne, und der Chiemsee erklärt, warum er auch das bayerische Meer genannt wird. Die Wellen werden immer höher, bis zu eineinhalb Meter türmt sich das Wasser. Und wir werden unfreiwillig zu Wellenreiten und Wellenbrechern.

Ein kurzer Stopp. Wir halten uns am schaukelnden Board fest, trinken, besprechen die Lage. Jochen sagt mit Blick in Richtung Kampenwand: "Das gefällt mir gar nicht." Ist das Gewitter schneller im Anzug als vorhergesagt? Jochen schlägt zwar vor, zum Ufer zu kraulen und dann nah am Ufer weiter zu schwimmen. Wandi hingegen sagt: kein Problem, weiter schwimmen, mitten auf den See - immer in Richtung Fraueninsel, die im Moment indes allenfalls zu erahnen ist. Also weiter schwimmen.