Vom Reisen und fliegenden Dominas

Vier Flugstunden hatte Bruno Baumgartner Zeit, sich Gedanken über seine mitreisenden Mitmenschen, verpflegungswagenschiebende Dominas und märchenhafte Szenen im Flugzeuggang zu machen. Der neue Blog des Extremschwimmers direkt aus dem Flieger - auf dem Weg ins Traininglager.

| 3. April 2014 | AKTUELL

Bruno Baumgartner | Bruno Baumgartner

Bruno Baumgartner

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Vom Reisen und fliegenden Dominas

Liebe swim.de Freunde,

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Dieser Satz trifft schon seit Jahrhunderten zu, doch seit die Welt durch den Flugverkehr globaler und zugegeben auch viral geplagter geworden ist, steckt darin noch viel mehr Wahrheit. Die kleinen H5N1-Biester reisen nämlich ebenso bequem wie wir und so sehe ich, kaum in Innern eines Flughafens angekommen, auch schon die ersten, weißen Masken. Gerne würde ich auf einen der Träger zugehen, etwas Blut in die Hand husten und ihn mit der Begründung nach dem Datum fragen, ich hätte gerade 100 Tage nackt und schutzlos im Dschungel von Zaire gehaust, um die primären Auswirkungen des Ebola-Virus zu erforschen.

Es ist herrlich zu beobachten, wie sich Menschen verändern, wenn sie einen Fuß in den Flughafen oder gar ein Flugzeug setzen. Wehrlos lassen sie sich von militanten Sicherheitsbeamten wie unter-entwickelte Primaten behandeln, bezahlen anstandslos für einen durchschnittlichen Kaffee weit über fünf Euro und trinken Tomatensaft, den sie für den Rest des Jahres ebenso sehr meiden wie Uli Hoeneß die Steuerfahndung. Evolutionär bedingt scheint sich jeder auf das große Hungern während der Reise vorzubereiten. Kaum hat sich die Hektik von Check-In und Sicherheitskontrolle gelegt, packen sie Sandwiches aus, die eine Kleinfamilie drei Jahre lang lückenlos ernähren könnten. Und dies obwohl die statistische Wahrscheinlichkeit, auf einem Langstreckenflug zu verhungern, gemäß Internationaler Luftfahrtbehörde, nahezu bei null liegt.

Sprint wie Usain Bolt

Kaum hat das große Fressen ein Ende gefunden, schweift der Blick trotz reservierten Sitzplätzen bereits nervös zu den Monitoren des Gates. Wenn dort erste Informationen zum Boarding flackern, beobachtet man Sprints, die Usain Bolt vor Neid würden erblassen lassen. Hier drängt sich mir gerade der Verdacht auf, es könnte unangebracht sein, sich zu fragen, ob farbige Mitmenschen überhaupt erblassen können. Aber auf der anderen Seite – was ist in der heutigen Zeit überhaupt noch politisch korrekt? Sind es die verstohlenen Blicke und das Getuschel von Fluggästen, wenn sie Mitreisende mit zweifellos arabischen Wurzeln und deren Gepäck beobachten? Zuviel 911 ist geschehen und viel zu viele Serien wie „24“ haben unsere Angst vor einem stereotypen Bild ge-schürt. Und so fragen wir uns klammheimlich, ob der beobachtete Mann vielleicht eine Mini-Bombe im Absatz seiner Schuhe durch die Kontrolle geschmuggelt haben könnte!?

Ich an seiner Stelle würde mir das Vergnügen machen, ein selbstgedrucktes Shirt mit dem Aufdruck: „Ich kann es nicht erwarten, Allah zu begegnen!“, zu tragen. Dieser arme Familienvater tut mir leid, denn er freut sich vermutlich genau wie wir auf die Ferien oder ein Wiedersehen mit seinen Liebsten. Ich will nicht kritisch werden, aber würden wir heute alle so argwöhnisch beäugen, wenn Schweizer, Holländer, Deutsche oder Engländer die Flugzeuge in die Türme gesteuert hätten? Und ganz nebenbei: Sprengen Frauen eigentlich auch Flugzeuge in die Luft oder ist diese höchst verwerfliche Tätigkeit reine Männersache? Bitte versteht mich nicht falsch, aber müssten wir dann im herrschenden Gleichstellungswahnsinn nicht so weit gehen, diese Tatsache anzuprangern? Ich hoffe, man erkennt die auf mehreren Ebenen sozialkritische Komponente dieser Frage und stempelt sie nicht als Klamauk ab.

Die der Platzreservierung

Doch eigentlich waren wir beim Sprint zum Gate und dem unwiderstehlichen Drang der Menschen, sich möglichst als Erste in den fliegenden Sarg quetschen zu wollen. Viele von ihnen scheinen auch nach der Weltneuheit der Platzreservierung immer noch der Meinung zu sein, ihr Teil des Flugzeuges würde früher am Zielort landen. Ich persönlich vermeide die Enge gern so lange wie möglich und beobachte das faszinierende Schwarmverhalten flugzeugbesteigender Reisegäste vom bequemen Kunstledersessel aus. Leider ist es so, dass Schweizer Freiwasserschwimmer eher begrenzte Möglichkeiten haben, ohne größere Flugreise im Meer zu schwimmen.

Fliegen lässt sich gut mit Hämorrhoiden-Salbe vergleichen. Es ist ein oft notwendiges Übel. Kaum sitze ich angeschnallt und schwitzend am Ort meines möglichen Ablebens, geht das muntere Treiben auch schon weiter. Eher gesungene als gesprochene Anweisungen aus den Bordlautsprechern weisen mich fröhlich darauf hin, welche Position ich beim Ertönen des Kommandos „Brase! Brase!“ einzunehmen hätte. Hand aufs Herz, „Brase!, Brase!“ klingt eher nach einem Eintopfgericht mit viel Basilikum und weniger nach dem unheilvollen Ding, das es in Wahrheit ist – das Letzte, was man mit großer Wahrscheinlichkeit hören wird. Und wer möchte schon mit dem Kopf zwischen seinen Beinen sterben?