Ein Rettungsboot aud Patroulle. Die Helfer sind es, "die uns Langstreckenschwimmern solche Leistungen überhaupt erst ermöglichen" (Bruno Baumgartner).

Bruno Baumgartner

Ein Rettungsboot. (Datum stimmt nicht)
Bilder 1/1
Open Water | 23. Juli 2013

Brunos Blog „Two way for Thunersee“

Bruno Baumgartner | Unter dem Motto: „Two way for Thunersee“ absolvierte swim.de-Blogger Bruno Baumgartner in der vergangenen Woche eine 36-Kilometer-Einheit. Einmal durch den Thunersee und zurück. Dabei zeigte die Natur erneut eindrücklich, dass sie alle Pläne und Zeiten vereiteln kann.
Liebe swim.de Freunde,
5:00 Uhr – der See ist ein Diamant aus Seide. Glitzernde Lichtreflexe tanzen wie winzige, leuchtende Funkenmariechen auf seiner Oberfläche. Das Lachen und Scherzen in der Gruppe versickert irgendwo tief in meiner Aufregung und Sehnsucht nach dem Wasser. Ich höre mich selber scherzen – über die Dunkelheit, die Wassertemperatur und den möglichen Verlauf des Tages.
Doch eigentlich bin ich ganz weit weg. Es sind die immer gleichen Bilder, die ich schon so oft gesehen habe. Taschen wandern aufs Boot, Leinen werden vorbereitet, Kleider gewechselt und Handy-Akkus gecheckt. Ein kleiner Mikrokosmos an Geschäftigkeit mit einem ruhenden Kern – mir. Gerne wäre ich einer von ihnen und würde das Geschehen von ausserhalb betrachten. Ich würde Flaschen ins Wasser werfen, gute Ratschläge zum weiteren Verlauf geben und die angekündigte Sonne des Tages geniessen. Doch ich habe den anderen Weg gewählt. Ich bin jener, der aus dem Wasser hoch blickt und sich oft nichts sehnlicher wünscht, als einfach nur auf dieses Boot zu steigen.
Mein Mitschwimmer ist bereit. Durch seinen Neoprenanzug ist er in der Dunkelheit kaum noch erkennbar. Wir mögen uns, wir respektieren uns, wir sind Freunde. Vieles bleibt unausgesprochen, doch im Verborgenen wissen beide, dass es zu Problemen kommen kann, wenn sich zwei Schwimmer ein Begleitboot teilen. Es muss nicht alles immer laut ausgesprochen werden, was offensichtlich ist.

Aufregend und beängstigend zugleich

Der Handshake holt mich in die Realität zurück. Die Füße baumeln schon im tintenschwarzen Wasser und das Leuchten der Knicklichter taucht unsere Körper in ein unheimliches Gelb. Ein letzter Blick, ein Griff zur Schwimmbrille und wir tauchen in flüssige Dunkelheit ein. Es ist aufregend und beängstigend zugleich. Für Sekundenbruchteile erhasche ich etwas fahle Helligkeit beim Atmen, bevor ich wieder in dieses konsistenzlose dunkle Loch hinunter blicke.
Neben mir atmet und leuchtet ein Kopf. Dunkle Arme wühlen sich durch den See und ein neoprengestützter Körper gleitet locker voran. Mein Verstand weiss, dass meine Kraft endlich ist – doch nicht jetzt, nicht in diesem Moment. Jetzt ist sie endlos und ich setze sie ein, um mich durch dieses schwarze Wasser zu wühlen wie ein Maulwurf durch feuchtes Erdreich. Ich ziehe es, drücke es, verdränge es mit der Gewissheit, dass es mir heute seine Existenz widmet.
Langsam wie ein Greis mit Gehhilfe steigt die Sonne hinter den Bergen empor und die schützende Dunkelheit weicht dem enthüllenden Licht des Tages. Irgendwo dort draussen beginnt eine Welt zu erwachen, die quietscht, wimmert, rauscht, kracht und fiept. Eiserne Räder von Straßenbahnen mahlen sich knirschend ihren Weg über kalte Schienen – Hunde bellen nach Katzen die sie mit Gleichgültigkeit strafen und der stete Takt der Arbeitswelt vermischt sich mit Anlassern, Hupen und den Stimmen nölender Kinder. Es ist eine Welt, die keine Gültigkeit hat. Nicht hier - nicht jetzt!

Flow bis zur Halbzeit

In dieser Welt, meiner Welt, zählt nur der nächste Atemzug, dessen Sauerstoffgehalt in meinem Körper zu reiner Energie verbrennt. Er befeuert jede Zelle, jede Faser und jeden Muskel meines Körpers, als gäbe es einen kleinen, kohleschaufelnden Heizer auf einer Dampflock. Es ist eine einfache Welt. Wir schwimmen, atmen, essen und machen uns 1.000 Gedanken. Der Flow zieht uns hinunter in eine andere Dimension, in der Zeit und Distanz keine Gültigkeit mehr haben. Es dauert lange, unglaublich lange – doch dann sind wir am Ziel! 18 Kilometer sind wir geschwommen und erreichen den Endpunkt nahe Interlaken.
Alle freuen sich. Das Team auf dem Boot ist glücklich – wir sind glücklich. Doch langsam dämmert die Gewissheit, dass wir erst bei der Hälfte sind. Es ist als, müsste man nach einem zehn Stunden dauernden Langstreckenflug in der Holzklasse gleich wieder starten und zurück nach Hause fliegen, ohne das Flugzeug verlassen zu dürfen. Aber es ist auch Halbzeit. Euphorie beflügelt mich, denn das Kraftwerk in mir brennt hell und kontant. Leichte Schmerzen in den Ellenbogen und der rechten Schulter sind Zeugen eines viel zu hohen Tempos. Doch zum Glück schreien sie nicht. Sie murmeln nur leise und mit etwas gutem Willen kann man sie überhören.

Roger hat Probleme

Zug um Zug nähern wir uns dem wirklichen Ziel. Doch dann, nach kurzer Zeit die Gewissheit. Roger ist nicht mehr da. Ich sehe ihn weiter hinten und das Heben und Senken seiner Arme erzählt mir einer Geschichte, die ich nur zu gut kenne. Sie handelt von feuernden Schultern und Zweifeln die den Takt durchbrechen. „Rhythmus reduziert Anstrengung“ heisst die 5. Kanalregel. Doch weitaus bedeutungsvoller ist Nummer 10: „Selbst wenn du alles richtig machst, gibt es keine Gewissheit!“
Doch eine Weile geht alles gut. Wir kommen voran und erreichen endlich den Landvorsprung, der den oberen Bereich des Sees etwas vom unteren abschirmt. Ich schwimme bis zur äussersten Spitze um dort zu warten. Die kalten Felder sollten mich warnen, doch sie tun es nicht. Zum ersten Mal fühle ich die Kälte. Sie sucht sich winzige Ritzen und Vorsprünge an meinem Körper wie ein Freikletterer im Fels um an mir Halt zu finden. Ich schüttle sie ab, trete Wasser und summe leise vor mich hin, um die gierigen Geister des Frostes zu vertreiben.

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