Nichtschwimmer – Ein Abschied

In fast 60 Blogs hat Bruno Baumgartner aus seinem Leben als Extremschwimmer geplaudert. Es waren witzige, emotionale und manchmal auch traurige Momente im Leben des Schweizers. swim-Leser haben mitgefiebert, als er zweimal versuchte, den Ärmelkanal zu bezwingen und dann erfolgreich den Bodensee in der Länge durchschwamm. Nun zieht er einen Schlussstrich.

| 14. September 2015 | AKTUELL

Poller | Poller Amsterdam

Poller Amsterdam

Foto >Bruno Baumgartner

Nichtschwimmer – Ein Abschied

Schon 21 Jahr ist es her, dass ein etwas dümmlich dreinblickender Schauspieler Namens Tom Hanks in seiner Rolle des Forrest Gump die folgenden Worte sagte: „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man bekommt!“ Wie viele andere Kinobesucher war ich fasziniert, belustigt und auch sehr berührt von der fiktiven Biografie, die von dieser Kernaussage lebte.

Pralinen mit Marzipanfüllung

2014 habe ich meine Schachtel geöffnet und zu meiner großen Verwunderung praktisch nur schwarze Schokolade und solche mit Marzipanfüllung gefunden. Das mag für einige von euch jetzt lecker klingen, doch für mich steht Marzipan so ziemlich auf einer Stufe mit Al-Qaida, Blutwurst und Songs von Justin Bieber. Das Jahr hat mich zu einem Menschen gemacht, den man gar nicht mehr fragt, wie es ihm geht, weil man das darauf folgende Gejammer schließlich gar nicht hören will.

Aus 40 Schwimm-Kilometern pro Woche wurden schnell einmal 30, dann 20 und schließlich sogar weniger als 10. Im Dezember stand ich praktisch nur noch am Beckenrand und erfreute mich an meinen rund 16 Schützlingen, die meinem Aufruf nach einem Winterschwimmkurs gefolgt waren. Eigentlich war der Kurs das absolute Highlight dieses ansonsten kompostierbaren Jahres. Am Samstag über Facebook ausgeschrieben, war er nur 24 Stunden später bereits restlos ausgebucht.

„Überleben!“

Das Zuschauen wurde mit jedem einzelnen Samstagvormittag etwas weniger schwierig und schon bald wich der Frust, nicht selbst schwimmen zu können, einem nicht minder schönen Gefühl – dem Stolz, etwas zu vermitteln. Mehr und mehr verschwand auch die ewige Frage: „Welches Projekt hast du nächstes Jahr?“ Vermutlich hatte sich meine komplizierte Lebenssituation ebenso herumgesprochen wie meine diesbezügliche Standardantwort: „Überleben!“

Aber das Leben wäre nicht das Leben, wenn es nicht immer noch eine Schippe oben drauf legen könnte. Und so wurde ein lange erduldetes Gesundheitsproblem im März nach einer schweren Grippe dermaßen akut, dass ich wieder einmal mehr als Notfall den Arzt besuchen durfte. Als er stirnrunzelnd meine Werte analysierte und den Ultraschallkopf über die Bauchdecke gleiten ließ, rechnete ich erneut mit dem Schlimmsten. Mein eiligst zusammen gebastelter Scherz, dass eine Abtreibung für mich nicht in Frage kommen würde, verfehlte bei dem grau beschnäuzten Urologen irgendwie sein Ziel.

Tabletten oder Operieren

Als er mir schließlich tief in die Augen blickte und sagte: „Also Sie haben zwei Möglichkeiten: Entweder Sie nehmen von jetzt an bis an Ihr Lebensende Tabletten oder ich operiere Sie und wir reparieren das!“, war der Fall irgendwie klar. „Bitte 1x Übel Nummer 2“ am besten mit etwas Rotwein zum Runterspülen. 14 Tage später war das Wasserwerk generalsaniert und in riesiges Stück Lebensqualität zurückgewonnen.

Und auch sonst zeigte die Kompassnadel des Lebens wieder in die richtige Richtung. Habt Ihr euch auch schon einmal folgendes vorgestellt: Wenn eure Augen permanent geschlossen sind und ihr sie nur fünf Sekunden öffnen könntet ... woher weiß man dann, ob man einen Sonnenaufgang oder Untergang betrachtet, wenn man die Himmelsrichtung mal außen vor lässt? Veränderung lässt sich nur über Beobachtung erkennen und diese braucht Zeit.

Ich hatte den größten Fehler gemacht, den Analysten machen können. Ich hatte eine hohe Marke in einem Chart gesehen und mich auf diesen einen Punkt konzentriert und angenommen, die Aktie würde steigen. Doch sie befand sich im freien Fall.