„Menschen ertrinken leiser, als man denkt“

Allein fünf Tote bei Badeunfällen über Pfingsten und fast täglich kommen neue Opfer dazu. Doch was kann man tun, wenn man beobachtet, dass ein Schwimmer im Baggersee oder Fluss in Not ist? Einfach hinschwimmen? swim.de hat mit Martin Janssen von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) gesprochen.

| 25. Juni 2014 | AKTUELL

DLRG Wasserrettung | DLRG Wasserrettung

DLRG Wasserrettung

Foto >Sonja Schleutker-Franke / spomedis

Herr Janssen, kaum steigen die Temperaturen, zieht es die Menschen an den Badesee. Besteht ein Zusammenhang zwischen gutem Wetter und Badeunfällen?
Ja, das ist so. Die Erfahrungen zeigen uns, dass bei schönem, heißem Wetter die Zahl der Ertrinkungsfälle steigt. Ein Beispiel ist der Juli des letzten Jahres, ein heißer Monat. Damals ertranken 125 Personen, mehr als das Doppelte der Vorjahre.

Angenommen, ich sehe in der Mitte des Sees einen Menschen, der offensichtlich ein Problem hat. Wie kann ich ihm am besten helfen?

"Stürzen Sie sich niemals kopflos ins Wasser."
Zunächst sollten Sie überlegen, ob Sie in der Lage sind, die Entfernung zu dem Opfer zu überwinden und die gleiche Strecke mit der Person auch wieder zurückzuschwimmen. Sich kopflos ins Wasser zu stürzen, hilft niemandem weiter, denn dann sind möglicherweise gleich zwei Menschen in Lebensgefahr.

Was empfehlen Sie stattdessen?
Wenn zwei Personen am Ufer stehen, sollte die eine den Rettungsdienst über 112 anrufen und möglichst genau den Ort der Unfallstelle beschreiben, wie viele Personen in Not sind und wie der Zustand der Opfer ist. Der Anrufer sollte auch warten, ob die Retter Rückfragen haben und nicht gleich wieder auflegen.

Was kann die zweite Person tun?
Wichtig ist, die Situation genau zu beurteilen. Ist der Ertrinkende nicht weit vom Ufer entfernt, sollte man sich umschauen, ob es Hilfsmittel wie lange Äste oder Luftmatratzen gibt, die man dem Opfer reichen kann. Ist der Weg zum Ertrinkenden aber weiter, kann man versuchen, den Weg zu verkürzen, indem man etwa einen Steg, der in den See führt, nutzt oder einen Teil des Wegs am Ufer entlang läuft und das restliche Stück schwimmt.

Wie schwimmt man den Ertrinkenden am besten an?
Auf jeden Fall von hinten. Ein Ertrinkender, der sich in Lebensgefahr befindet, hat Todesangst und greift nach allem, von dem er annimmt, dass es ihn über Wasser halten kann. Im Zweifelsfall kann das auch der Hals des Retters sein. Ist das Opfer bei Bewusstsein, wird es in Rückenlage im Achselschleppgriff ans Ufer transportiert werden. Bei einem Bewusstlosen muss man den Kopfschleppgriff anwenden. In jedem Fall muss sichergestellt werden, dass während des Transports die Atemwege frei sind.

Wenn ein Mensch ertrinkt – wie viel Zeit bleibt den Rettern?
"Die Zeit zwischen Leben und Tod liegt bei drei bis fünf Minuten."
Jede Minute zählt. Wir wissen, dass bei Ertrinkenden die Zeit zwischen Leben und Tod bei drei bis fünf Minuten liegt. Danach ist der Patient aufgrund des Sauerstoffmangels schwer geschädigt oder bereits gestorben.

Was kann ich am Ufer tun, wenn ich es mir nicht zutraue, das Opfer selbst zu retten?
Da bleibt Ihnen nur, den Notruf abzusetzen und zu versuchen, beruhigend auf das Opfer einzureden. Allerdings kommt es darauf an, wie weit entfernt der Mensch ist. Möglicherweise nimmt das Opfer das in seiner Todesangst aber auch gar nicht wahr.

Bei den Badeunfällen, die sich Pfingsten ereigneten, handelte es sich ausnahmslos um junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren, die mit Freunden zusammen am See waren und plötzlich untergegangen sind. Wie kann es sein, dass sie „plötzlich einfach untergegangen sind“ – wie Zeugen berichteten?
Menschen ertrinken viel leiser, als man es annimmt. Aus dem Fernsehen kennen wir Bilder, von wild mit den Armen wedelnden Opfern, die laut um Hilfe schreien. Doch wir müssen umdenken. Die Wirklichkeit sieht anders aus. In vielen Fällen gehen sie einfach unter, ohne irgendeine Hilfeäußerung.

Sind junge Männer, die am See Partys feiern, typische Opfer?
Nein, sind sie nicht. Jenseits der 50 gibt es die meisten Ertrinkungsfälle. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der  Opfer über 50 Jahre von 44 auf über 50 Prozent gestiegen.

Drehen wir den Fall einmal um – was kann ich tun, wenn ich während des Freiwasserschwimmens plötzlich einen Wadenkrampf bekomme?
Ein Wadenkrampf ist sehr schmerzhaft. Sie können versuchen, den Krampf selbst zu lösen. Sie sollten sich auf den Rücken legen und das Bein überstrecken. Das erfordert Geduld, weil es beim ersten Mal oft nicht funktioniert. Versuchen Sie es also mehrfach, und bleiben Sie ruhig dabei und versuchen, sich zu entspannen.

Wie kann man Badeunfälle verhindern?
"Die meisten tödlichen Badeunfälle passieren an unbewachten Badestellen."
Generell gilt: Gehen Sie nach Möglichkeit an von Rettungsschwimmern der DLRG bewachten Badestellen schwimmen. Und: Schwimmen Sie nie allein. Wer lange Strecken zurücklegen will, sollte nicht unbedingt in die Mitte des Sees schwimmen, sondern besser parallel zum Ufer. Das hat den Vorteil, dass man relativ schnell wieder an Land kommt, wenn es Probleme gibt. Mehr als 80 Prozent der tödlichen Badeunfälle passieren in Binnengewässern, weil die meisten Badestellen unbewacht sind.

Kann man noch weitere Vorsorge treffen?
Zunächst sollte man sich nach der Wassertemperatur des Sees erkundigen. Auskühlungseffekte passieren vor allem dann, wenn die Wassertemperatur deutlich niedriger als die Körpertemperatur ist. Bei längeren Schwimmstrecken passieren im Körper Dinge, die das Leistungsvermögen beeinträchtigen. Bei sehr kaltem Wasser versucht der Körper, seine Kerntemperatur stabil zu erhalten – dafür entzieht er den Armen und Beinen Blut. Dann kann es zu Krämpfen kommen.

Und wahrscheinlich sollte man sich vor dem Bad immer erst abkühlen?
Richtig. Insbesondere nach einem ausgiebigen Sonnenbad sollten Sie sich erst abkühlen, langsam ins Wasser gehen und nicht mit einem sportlichen Kopfsprung eintauchen. Vor dem Bad in einem unbekannten See sollten sich Schwimmer vorher bei Einheimischen, die das Gewässer kennen, über die Gefahren informieren, die in dem See lauern. Die Unkenntnis über das Gewässer ist neben Leichtsinn und Selbstüberschätzung eine häufige Unfallursache.