"Lieber langsam aufwärmen"

Ist Eisschwimmen wirklich unbedenklich? Oder eine der gefährlichsten Sportarten? Was müssen die Extremsportler beachten? Ein Interview mit dem Notarzt und Tauchmediziner Rolf Eichinger - aus gegebenem Anlass: am 8. Januar beginnen die 2. Aqua Sphere Ice Swimming German Opern im Wöhrsee in Burghausen.

| 6. Januar 2016 | Aktuell

Steffi Praher | Steffi Praher

Eisschwimmerin Steffi Praher.

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"Lieber langsam aufwärmen"

Unterkühlung ist beim kurzen Eisschwimmen nicht relevant. Kälteschock und Schwimmverlust sind viel gefährlicher.

Rolf Eichinger

Herr Eichinger, ist Schwimmen bei weniger als fünf Grad Wassertemperatur unbedenklich oder richtig gefährlich? Auch wenn es in der Literatur sehr viele Meinungen und Erfahrungsberichte zur Kaltwasserüberlebenszeit gibt, ist Schwimmen nur in Badehose und Kappe über eine halbe Stunde sicher richtig gefährlich, weil dann der Wärmeverlust relevante Hyperthermien, also Untertemperatur, verursacht.
Rolf Eichinger | Rolf Eichinger

Rolf Eichinger ist Notarzt und Tauchmediziner.

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Wie sollten sich Sportler vorbereiten, die bei den Ice Swimming German Open 200, 500 oder sogar 1.000 Meter schwimmen wollen? 60 Prozent der Ertrinkungsunfälle in Kaltwasser passieren in den ersten 15 Minuten und meist in direkter Nähe zum Ufer oder des Bootes. In diesen 15 Minuten ist die Unterkühlung lange noch nicht relevant. Trotzdem erreichen die Verunglückten nicht das rettende Ufer oder ein Rettungsmittel.

WM-011 | WM-011

Rekordschwimmer Christof Wandratsch ist der Star der deutschen Eisschwimm-Szene.

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Die Gefahr liegt im Kälteschock, auch Englischer Schock genannt, und im Schwimmversagen. Am Kälteschock sterben also die meisten Verunglückten, weil wahrscheinlich kälterezeptorvermittelt mehrere gefährliche Reaktionen aktiviert werden. So kann man schon bei zehn Grad Celsius Wassertemperatur nur noch zehn Sekunden lang die Luft anhalten, was zum Beispiel zur Aspiration von Wasser führt. Es werden auch Panik, Herzrasen und Willensverlust ausgelöst. Alles zusammen kann zum Desaster führen. Der Schwimmverlust, also die Fähigkeit die muskuläre Motorik zu steuern, tut dann ein Übriges.

Sollte man Eisschwimmen dann besser sein lassen? Nein, die gute Nachricht ist: beide Reaktionen kann man trainieren und damit beherrschen. Die Unterkühlung kommt später und ist schwerer und kaum zu beeinflussen. Ein Eisschwimmer sollte also das Kraulen im eiskalten Wasser immer wieder unter kontrollierten Bedingungen trainieren. Langsam ins Wasser gehen und Atmung und psychische Reaktionen kontrollieren üben.

25 und 50 Meter sind also mit links zu machen? Für den Geübten eher ja.

Ergänzen Sie doch bitte diesen Satz: Wer ganz allein im Eiswasser trainiert, der ist...  …wahnsinnig, weil immer etwas passieren kann.

Winterschwimm-WM | Winterschwimm-WM

Maximal 5 Grad darf das Wasser beim Eisschwimmen warm sein.

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Fünf Grad Wassertemperatur, zwei Grad oder null Grad - reagiert der Körper unterschiedlich? Oder ist es ab einer gewissen Temperatur völlig egal wie kalt es ist? Ich denke, ab zehn Grad Celsius wird es kritisch und die Temperaturunterschiede verwischen. Aber es gibt Kälteschockberichte bereits bei 20 Grad Wassertemperatur. Vorsicht ist also immer angesagt.