Winterschwimmen
Leidenschaft für eiskalte Gewässer
Für einen Januartag ist es zwar nicht kalt, aber doch ungemütlich. Das Thermometer zeigt 5 Grad, graue Wolken verdecken die Sonne. Und doch haben sich an diesem Sonntagmorgen rund 30 Personen am Berliner Orankesee eingefunden. Ursula Kawohl ist eine von ihnen. 59 Jahre alt und fast die Hälfte ihres Lebens Winterschwimmerin. Sie ist Vorsitzende des Winterbadevereins Berliner Seehunde. Man trifft sich jeden Sonntag um 10 Uhr. „Einige wärmen sich mit Walking oder Joggen auf, dann ziehen wir uns aus und es geht in den See“, erzählt sie.
Jeder badet, so lange er möchte
Die meisten ihrer Vereinskollegen hätten Badeschuhe und zum Teil Handschuhe an, weil „die äußeren Enden des Körpers doch sehr kälteempfindlich sind“. Kawohl ist wichtig, dass es beim Winterbaden keine Vorgaben gibt: Jeder bleibt so lange im Wasser, wie er möchte – es sei ja kein Wettkampf. „Ich gehe beispielsweise kurz rein, bewege mich, gehe wieder raus, ziehe mir einen Bademantel an und wärme mich auf und gehe dann noch mal rein.“
Auch die Forschung interessiert sich für das Volk der Winterbader: Seit Mitte der 70er-Jahre forscht der Internist Rainer Brenke unter anderem auf dem Gebiet. „Ursprünglich hatten wir den Wechsel zwischen Warm- und Kaltreiz der Sauna zur Behandlung von Krankheiten in der Berliner Charité untersucht“, erzählt der Facharzt für physikalische Medizin. Doch dann habe er zufällig von den Winterbadern am Weißensee in Berlin gelesen und sei aus Neugierde einfach mal hingefahren. „Zu meiner Überraschung waren das ganz seriöse Leute, die das machen, um sich abzuhärten.“
Weniger Arztbesuche
Und tatsächlich hat Winterbaden positive Auswirkungen, wie Brenke in seinen Untersuchungen herausfand: „Die Arztbesuche wegen grippaler Infekte verringern sich bei den Winterbadern in den ersten drei bis fünf Jahren um etwa die Hälfte.“ Auch Ursula Kawohl kann das bestätigen: „Sicherlich bleibe ich von Erkältungen nicht verschont, aber Husten und Schnupfen sind schnell wieder weg.“
Das Weihnachtsbaden der Berliner Seehunde
Dies habe, wie Brenke weiß, sicherlich auch mit einer besseren Durchblutung zu tun. Zirkuliert das Blut stärker in Haut- und Schleimhäuten, gerade auch im Nasen-Rachen-Raum sowie der Finger, Zehen und Füße, sorgt das für eine bessere Abwehr. Und noch etwas hat Brenke herausgefunden: Der intensive Kaltreiz beim Winterbaden wirkt sich positiv auf das vegetative Nervensystem aus – es wird weniger stressanfällig.
Außerdem wird das Abwehrsystem gegen freie Radikale gestärkt. Diese spielen allgemein bei Entzündungen und der Entstehung einer Vielzahl von Krankheiten wie Arteriosklerose oder Krebs eine Rolle. Gewinnen sie gegenüber den körpereigenen Schutzmechanismen die Überhand, kommt es zu Krankheiten durch einen so genannten „oxidativen Stress“.
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